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Salman Rushdie hat in seinem Roman "Der Boden unter ihren Füßen (Rowohlt, 1999) die Rockmusik in Indien entstehen lassen.

Literatur und Musik

Der Song im Roman

Salman Rushdie bringt sich manchmal mit Musik in die Richtige Stimmung zum schreiben: Mozart für Lyrik, für rauere Geschichten lieber die Sex Pistols. Der Autor schrieb aber auch Texte für imaginäre Songs.

Von Salman Rushdie

Ich liebe Musik. Sie hat mich als Schriftsteller immer wieder inspiriert, beeinflusst und begeistert. Für Literaten gibt es da viel zu bewundern und zu studieren. Ich weiß noch, wie ich mir als 20-Jähriger „Sgt. Pepper“ von den Beatles gekauft hatte und mich daran machte, die Legende zu überprüfen, wonach das Album versteckte Botschaften enthalten sollte. Wenn man es rückwärts abspielte, sollte man hören wie jemand schrie: „We’ll fuck you like superman.“ Ich setzte die Nadel auf die letzte Rille der Vinyl-Scheibe, drehte die Scheibe rückwärts – und hörte genau das: „We’ll fuck you like superman.“ Zumindest klang es so.Manchmal höre ich eine bestimmte Musik, um mich überhaupt erst für das Schreiben in Stimmung zu bringen. Will ich etwas Lyrisches schreiben, wähle ich Mozart, soll es in meiner Geschichte rauer zugehen, höre ich die Sex Pistols – so lange, bis ich eine bestimmte Art von Lärm oder Klang in meinem Kopf hochgeladen habe. Musik als Stimmungsverstärker.

Ich kenne auch Kollegen, die selbst während des Schreibens ständig Musik hören. Der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramirez beispielsweise braucht das förmlich. Ich traf ihn erstmals in den 80er Jahren, als ich auf Reportagereise in Nicaragua unterwegs war. Damals war er allerdings auch noch Vize-Präsident seines Landes. Um neben seinem aufreibenden Politik-Job als Schriftsteller kreativ bleiben zu können, schloss er sich jeden Morgen für eine Stunde in seinem Büro ein. Dort hörte er ständig Musik – und schrieb. Nur so konnte er sich aus dem politischen Tagesgeschäft ausklinken und aufs Schreiben konzentrieren. Drehte er die Musik ab, war er wieder Vize-Präsident. Obwohl ich nachempfinden konnte, warum für Ramirez diese Technik hilfreich war, könnte ich selbst niemals so arbeiten. Ich kann mich immer nur auf eines konzentrieren – entweder Musik hören oder Bücher schreiben. Beides zusammen geht nicht.

Ein Rockmusiker als Erstleser

In meinem Roman „Der Boden unter ihren Füßen“ habe ich Musik und Literatur einander durchdringen lassen. Darin habe ich den Mythos von Orpheus in eine fiktive Geschichte aus der Welt der Rockmusik gewoben. In meiner Version hat die Rockmusik ihren Ursprung in Indien, und einer ihrer größten Stars ist der Songwriter und Gitarrist Ormus Cama. Meine Begegnungen mit U2 sollten für diesen Roman eine besondere Bedeutung bekommen. 1993 hatte mich die Band als Geste der Solidarität zu ihrem Konzert auf die Bühne des Wembley-Stadions geholt. Wir sind Freunde geworden. Nachdem ich das Manuskript für „Der Boden unter ihren Füßen“ fertig gestellt hatte, schickte ich es Bono. Ich wollte von ihm wissen, ob das Ganze funktioniert.

Ich hatte dafür viele Texte für imaginäre Songs geschrieben, die ich in den Kapiteln einbaute. Songtexte, zu denen es keine Musik gab. Was schon eine kuriose Erfahrung war – Liedtexte zu schreiben, von denen man annehmen muss, dass sie nie gesungen, nie von einem Sound umhüllt werden. Ich habe diese Verse daher in altertümlichen Versformen geschrieben, so wie man in der Antike Gedichte schrieb und beispielsweise auf Versmaße wie Spondeus, Daktylus oder Jambus achtete. Ta-tam ta-tam ta-tam – durch solche metrischen Schemata wollte ich die Texte zum Klingen bringen, ihnen eine Art Rhythmus geben, der dem Leser die Ahnung einer Melodie, eines Klangs vermitteln sollte.

Aus dem Buch in die Charts

Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass aus einem dieser Lyrics später tatsächlich ein Rock-Song entstehen würde. Nachdem Bono das Manuskript gelesen und für gut befunden hatte, sagte er mir nämlich, dass tief in dem Roman der Text zu einem Lied verborgen sei, das er den Titelsong des Romans nannte: eine Elegie, geschrieben von dem Protagonisten über die Frau, die er liebt und die von einem Erdbeben verschlungen wird. Bono hatte auch schon eine Melodie dafür geschrieben. Als er sie mir in einer Rohfassung vorspielte, klang sie nicht im entferntesten so wie die Musik, die ich beim Schreiben im Kopf hatte. Ganz und gar nicht. Aber ich dachte sofort: Das klingt sehr gut. Wenn es genau so geklungen hätte wie meine Vorstellung von der Musik, hätte der reale Song vermutlich nicht funktioniert.

Da war er also – ein Song, der als Text, aber auch als Lied funktionierte. Ich bin deshalb zwar kein Anhänger der „Alle Songtexte sind Dichtkunst“-Schule – einfach, weil viele Songtexte ohne die Musik meist nicht gut funktionieren. Dennoch haben die besten von ihnen eine poetische Kraft, die mich begeistert – beispielsweise die satirischen Texte von Randy Newman, die surreal-assoziativen Verse von Paul Simon oder die derben Gossengeschichten von Tom Waits.

Vor allem von Bob Dylan gibt es Liedzeilen, die für sich bestehen, auch wenn ich – zugegeben – immer wieder die Musik dazu im Kopf mithöre, wenn ich sie lese. „Mr. Tambourine Man“ beispielsweise ist sicher zu lang, aber manche Zeilen davon lese ich wie ein Gedicht: „Then take me disappearin’ through the smoke rings of my mind… the haunted frightened trees“. Wundervoll. Mir fallen kaum andere Zeilen ein, die mir auf so genaue, bildhafte Weise beschreiben, wie sich ein Acid-Trip anfühlt.

Kämpfer für Bob Dylan

Über die Frage nach der literarischen Qualität von Songtexten habe ich mit meinen Kollegen im amerikanischen PEN-Club, dem ich mehrere Jahre als Präsident vorstand, immer wieder gestritten. Ich habe dafür gekämpft, dass wir Songwriter wie Dylan, aber auch Drehbuchautoren wie Woody Allen in unseren Club der Dichter aufnehmen. Traditionell werden nur Romanciers, Dichter, Dramatiker und Essayisten in diesen Club eingelassen. Ich habe das nie verstanden.

Irgendwann hatte ich Bono gebeten, auf einem Literaturfestival zu sprechen. Einige PEN-Kollegen maulten erwartungsgemäß, was denn ein Popstar auf einem Festival für Bücher zu suchen hätte? Ich konterte: „Er hat mehr als 300 Songs geschrieben, die meisten davon kann der Rest der Welt auswendig rezitieren. Wie viele Dichter können das von sich behaupten?“ Dann heißt es immer: Aber ein Großteil der Pop-Lyrics sei einfach nur Schrott. Was stimmt – aber, seien wir ehrlich, das gilt auch für viele Romane.

Aufgezeichnet von Martin Scholz

In Salman Rushdies neuem Buch "Luka und das Lebensfeuer" (Rowohlt) für Jugendliche kämpft sich der Protagonist wie in einem Computerspiel durch die Ebenen einer Phantasiewelt. Ein Spiel auf Leben und Tod.

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