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Der Sommer, sehr groß

Iris Hanika widmet sich von Herzen der Liebe

Von NICOLE HENNEBERG

Großstädter sind eine eigenartige Sorte Mensch: unfreundlich und permanent gereizt, weil sie meinen, die Welt schulde ihnen etwas; sie glauben, strategisch zu planen und hangeln sich an Zufällen entlang, und allabendlich verkriechen sie sich in ihren Wohnungen, um vom romantischen Glück zu träumen - an das sie aber nicht glauben.

Deshalb ist der August ein lebensgefährlicher Monat. Er löst die Grenzen zwischen außen und innen auf, lässt Haut und Luft ineinanderrieseln und in der Folge auch die Körper von Männern und Frauen. Von den verheerenden Folgen erzählt Iris Hanika in ihrem ironischen und gleichzeitig hemmungslos gefühligen Roman "Treffen sich zwei", der von einem verschämten Wunder handelt - vielleicht auch nur vom Traum davon.

Bekennende Hysterikerin

Auf die Hauptfiguren Thomas und Senta lässt sich Iris Hanika genauso ausführlich ein wie auf die skurrile Intellektuellenszene in Berlin-Kreuzberg. "Treffen sich zwei" ist ein Liebesroman, aber er ist auch Stadtroman, Feldforschungsprojekt und eine märchenhafte Wunscherfüllungsphantasie, die einfach zu schön ist, um wahr zu sein. Gemischt ist das Ganze aus melancholischen und bissigen, philosophischen und poetischen Partikeln auf so kluge Weise, dass der Leser gerührt zurückbleibt - nicht nur dank des kathartischen Happy Ends...

Denn eigentlich kann es gar nicht funktionieren: Senta, die hochmütige, intellektuell anspruchvolle Frau, die sich über Lou-Andreas Salomé aufregt, weil diese "Schnatze" weder Rilke noch Nietzsche anständig behandelt hat; dabei hochreflektiert und Psychoanalyse-erfahren ist (wie ihre Erfinderin), obendrein bekennende Hysterikerin, die sich gern aus dem Jelinekschen Fundus bedient. Daneben der Systemberater Thomas, den die Erzählerin zwar liebevoll in ein Benn-Gedicht verpackt, obwohl Senta an seinem "ganz amusischen Gedankenleben" leidet. Senta weiß, dass sie manchmal arrogant ist und steht dazu, denn gleichzeitig ist sie ihre schärfste Kritikerin. Realistisch und sehr komisch wird erzählt, wie sie ihre Psyche auseinander nimmt und wieder zusammensetzt, als wäre es ein fehlerhaftes Uhrwerk. Und Thomas, der lösungsorientierte Pragmatiker, ahnt gar nicht, was für Stürme neben ihm toben.

In klassischer Manier, mit den spiriti, den Augenkräften, hat alles angefangen; dann folgt Sex, Sex, Sex, äußerst wirkungsvoll nur angedeutet. In ruhigen Stunden versucht Senta das alles zu analysieren, aber es führt zu nichts: Will sie echte Liebe, muss sie in ihrem Kopf das alte Programm löschen und ein neues installieren - wer könnte dabei besser helfen als ein Systemberater?

Viele solcher raffinierter Kapriolen gibt es im Buch, das davon erzählt, wie eine kopflastige Heldin sich selbst austrickst um, heulend und gegen alle Vernunft, außer sich zu geraten. Ideal ist das alles nicht - vielleicht ist diese Liebe ja, fragt sich Senta, außerordentlich kitschig, oder schlimmer noch, "ein Ausdruck wüstester Verzweiflung"?

Das bewundernswerte Kunststück, das Iris Hanika gelingt, ist die Verschmelzung einer realistischen Lovestory, in der die Beteiligten tollpatschig über ihren Schatten stolpern, mit einem funkelnden Großstadtmärchen. Man glaubt ihr und freut sich daran.

Iris Hanika:

Treffen sich zwei.

Roman.

Literaturverlag Droschl,

Graz und Wien 2008, 238 Seiten, 19 Euro.

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