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Sommer mit 16

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„Der erste Freibadtag ist immer der komplizierteste“, lernen wir von Luis. Dabei sieht es gar nicht so kompliziert aus.
„Der erste Freibadtag ist immer der komplizierteste“, lernen wir von Luis. Dabei sieht es gar nicht so kompliziert aus. © REUTERS

Verena Güntners Debütroman „Es bringen“, 2013 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt erfolgreich, ist immens charmant und gewitzt und deshalb auch leise enttäuschend.

Die Kompliziertheit pubertierender Jungen gehört zu den letzten Geheimnissen der Küchenpsychologie. Eigentlich ist der pubertierende Junge ein Rätsel, bei dem Erwachsene, die nie pubertierende Jungen waren, immer mitspekulieren, dass womöglich nicht so viel dahinter steckt, wie sie glauben möchten.

Dennoch bleiben sie natürlich neugierig. Und lesen jetzt: „Ich wollte auch nie gut in Sport sein. Ich wollte ein guter Ficker sein und ein guter Freund. ... Beides hab ich hingekriegt. Dachte ich.“ Oder: „Beim Ficken bin ich ganz nah an Gott dran.“ Das wird nicht oft in dieser Form ausgesprochen.

„Es bringen“ ist der grandiose Titel des ersten Romans der 1978 geborenen, in Berlin lebenden Schauspielerin und Autorin Verena Güntner. Im vergangenen Jahr gewann sie mit einem Ausschnitt daraus den Kelag-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. In der ausgezeichneten Passage erklärt der Ich-Erzähler Luis, 16, wie er seine Haut so zart und durchsichtig machen möchte, dass er durch sie hindurch in sein Inneres schauen kann. Es macht ihn nervös, nicht zu wissen, wie es in ihm aussieht.

Man muss nun aber sagen, dass das ein subtiles Moment für seine Verhältnisse ist. Charakteristisch ist jedoch, dass Luis immer einiges vorhat. Dinge, die mit Training, Abhärtung und Selbstbeherrschung in einem Zusammenhang stehen, mit nichts allerdings, worauf man direkt eine Lebensplanung fußen lassen könnte. Lebensplanung, dieses Wort kommt in „Es bringen“ nicht vor.

 Luis ist ein origineller Romanheld, gerade weil er nicht sehr originell ist. Er ist in Romanen sonst immer der andere, der beneidete, der gehasste, gefürchtete etc. Luis ist ein Star der Hochhaussiedlung, ein Mädchenschwarm, der nichts anbrennen lässt und sich mit „Fickwetten“ einiges dazuverdient, bei denen er gemeinsam mit seinem bereits 20-jährigen Freund Milan („Milan der Hai, mein bester Freund“) gegen den Rest der Clique darauf wettet, eine bestimmte Frau rumzukriegen, aber ernsthaft. Und: „Am Wochenende ist saufen.“

Ferner schikaniert er kleine Jungs und verspottet dicke Jungs und haut auch zu, wie es in der Siedlung offenbar üblich ist (hier trifft gegenwärtiges Proll- und Mackertum auf die Sicht unserer Großväter, dass es einem selbst schließlich auch nicht geschadet habe).

Ein Sommerroman, nur am Rande abgedunkelt

Luis ist also aus Erwachsenensicht unmöglich – in einer schönen Szene erlebt man einen Lehrer, der ihn mit Fassung trägt –, aber Verena Güntner mag ihn sehr und gibt ihm Gelegenheit, sich uns als Zentrum eines heiteren, nur am Rande abgedunkelten Sommerromans zu präsentieren. An diesem Rande befindet sich etwa die heftige häusliche Gewalt, als Luis’ Mutter noch mit einem gewissen Allan zusammen war. Luis’ Mutter, die, als Luis geboren wurde, so alt war wie er jetzt, betreibt ebenfalls Alkoholmissbrauch im größeren Stil. Aber Mutter und Sohn verstehen sich vorzüglich und blind. „Keine schmeckt so süß wie sie“, erklärt Luis und sagt das aus Sicht von Mücken, und dass er doch nicht nur die Mückensicht meint, ist kein tiefgreifendes Problem.

Dass Güntner sich weder auf eine psychologische noch eine soziale Tragödie einlässt – und „Es bringen“ hätte zu beidem offensichtlich das Zeug –, gibt ihrem Romandebüt einerseits einen immensen Charme. Luis, der den Ernst des Leben kennt, interessiert sich aber zunächst einmal dennoch vor allem für kindliche Rituale.

„Der erste Freibadtag ist immer der komplizierteste“, lernen wir zum Beispiel und erleben die Gang um Luis und Milan, nein, da noch: Milan und Luis, bei vollster Konzentration: „Jeder hat sein abgezähltes Eintrittsgeld mit, Rausgeld darf keiner kriegen. Das Drehkreuz läuft auch wie am Schnürchen ... .“

Wie bei jeder anständig mythischen Lage bleibt die Drohung, was genau die Freibadsaison heillos verderben könnte und wie diese verdorbene Saison aussähe, im Vagen.

Andererseits kommt „Es bringen“ dann doch in die Nähe eines nicht ganz jugendfreien, vergnüglichen Jugendbuches. Luis hat das beste Recht auf einen nicht zu unglücklichen Sommer mit 16. Dabei tritt der in einer solchen Romandramaturgie quasi programmierte Todesfall ein, auch bringt Güntner eine reizende moderne Ribbeck-Variante unter.

Der Leser aber ist sich unter Umständen nicht mehr sicher, ob Luis’ Gedankengänge ihn noch interessieren. Dabei ist es gemein, immer zu hoffen, dass da mehr wäre.

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