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Na ja, was soll’s. Ist, wie’s ist

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Während der Fußball-EM kam es mehrfach zwischen englischen und russischen Hooligans zu Ausschreitungen.
Während der Fußball-EM kam es mehrfach zwischen englischen und russischen Hooligans zu Ausschreitungen. © imago/Sven Simon

Philipp Winklers Debütroman „Hool“ ist für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert.

Mögen einige Jungs gegenwärtig im Kindergarten und in der Grundschule der vielen dort arbeitenden Frauen wegen nicht recht zum Zuge kommen, so werden sie doch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016 fündig. Die Männerwelthaltigkeit der Liste wäre nicht so deutlich ins Auge gefallen, wäre auch wirklich nicht so deutlich, hätte sich nicht „Hool“ darauf platzieren können, der Debütroman des 1986 bei Hannover geborenen, in Hildesheim zum Schriftsteller ausgebildeten, heute in Leipzig lebenden Philipp Winkler.

Frauen, seit jeher darin geübt, sich lesend auch auf das einzulassen, was nichts mit ihnen zu tun hat, werden voraussichtlich ebenfalls neugierig sein. Mit den Worten „Verzweifelt, knallhart und voller Herz“ zitiert der Verlag Autorin Lucy Fricke, und Moritz Rinke mit dem „stummen Schrei nach Liebe“. Außerdem ist es ein äußerst unterhaltsames Buch. Soeben hat „Hool“ den „aspekte“-Literaturpreis gewonnen.

Und natürlich ist es reizvoll, wenn ein Roman einmal mit dem Satz beginnt: „Ich wärme meinen neuen Zahnschutz in der Hand an.“ Winkler, der sich nach eigenem Bekunden für die Szene interessiert, ohne selbst dazuzugehören, erzählt von einem Hooligan aus Hannover, der sich auf den ersten und letzten Seiten des Romans mit Hooligans aus anderen Städten zu durchaus regulierten („Dresscode“) Schlägereien („Matchs“) trifft. Mal läuft es besser – „Das Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Der Kopf wird leicht“ –, mal schlechter: „Ich kann einen der Frankfurter legen, rutsche aber aus und kassiere ein Knie an den Kopf.“

Dazwischen schildert Heiko, Anfang zwanzig, den Niedergang der Truppe seines Onkels Axel, die überaltert und von Nachwuchssorgen geplagt ist. Das Leben eines Hooligans – hierarchisiert und organisiert, da Fitness sein muss, Alkohol aber auch, während überschüssige Nachdenklichkeit ständig wegtrainiert und -gelabert wird – ist körperlich anstrengend, die Verletzungsgefahr groß. Zudem steht es einer Ausbildung, einer Familiengründung entgegen.

Im Wotan Boxing Gym

„Hool“ spielt also dort, wo die Tatort-Kommissarin nur zwischendurch schnell von ihrer Nahkampfausbildung profitiert. In die Kneipe „Timpen“ kommen „nie Weiber“, so dass die Damentoilette zum Lagerraum geworden ist, in dem auch ausgelaugte Hooligans in Ruhe aufs Klo gehen können. Weitere wesentliche Handlungsorte sind die Midas-Spielothek und das Wotan Boxing Gym, alles so in Hannover platziert, dass Ortskenner sich wohl orientieren können.

Das ist Heikos Welt, deren Enge er nach Kräften ignoriert. Zweimal ist er durchs Abitur gefallen – „Meine Lehrer waren allesamt versnobte Arschlöcher und frigide alte Froschmösen“ –, auch hat er keinen anderen Traum als seiner eh auseinanderfliegenden Familie durch den Anschluss an Axel zu entkommen. Seine Kumpels springen nach und nach ab. „Hast du schon mal einen kleinen – nur einen winzigen – Gedanken daran verschwendet, wie das alles mal enden soll?“, fragt einer von ihnen und man hört, wie erwachsen er geworden ist. „Ist. Mir. Egal“, sagt Heiko.

Im Weitermach-Modus

Heiko stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, inzwischen lebt er aber bei einer Type, die unter anderem einen Geier und zwei Amstaff-Rüden aus der „Tschechei“ hält und krasse Tierkämpfe veranstaltet. Da schreckt der Hooligan, die bürgerliche Leserin ist geneigt zu sagen: selbst der Hooligan zurück. Seine Freunde fragen, wie er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, bei so jemandem zu leben. „Dabei hab ich nicht mal alles erzählt, was ich hier schon gesehen habe. So richtig darauf antworten konnte ich ihm auch nicht. Schätze, man stumpft halt nach’ner Zeit ab. Blendet gewisse Dinge aus. Na ja, was solls. Ist, wies ist.“

Winkler und Heiko sind auch uns gegenüber in vielem verschwiegen. Das regt die Phantasie an, klar, und ignoriert den Voyeurismus, der auftritt, sobald man sich auf die nicht zuletzt exotische Geschichte eingelassen hat. Das ist aber auch etwas zahm und unverbindlich – was zu Heiko, dem man den Ex-Gymnasiasten zuweilen anhört, zwar passt, aber ein tüchtiges Stück von Clemens Meyers hochpoetischem Irrsinn entfernt ist. Um einen Maßstab zu nennen, der an Winkler bereits wohlwollend angelegt wurde.

Überhaupt ist es eine andere Frage, ob „Hool“ das Terrain auch literarisch erobert. Es ist gekonnt gemacht, neben Fäusten und flotten Sprüchen fliegen uns aufmerksamkeitheischende Zeitsprünge um die Ohren. Manchmal hilft zur Orientierung allein, ob Heiko Yvonne schon kennt oder sie schon gekannt hat. Yvonne, ein trauriges Kapitel von vielen in diesem Roman, in dem gestorben wird und Leben ruiniert. Solche Passagen sind wohl das, was man herzzerreißend nennt, aber gleich daneben wartet die Sentimentalität.

Obwohl man einiges Spezielles lernt – wie man einen Tiger einsperren könnte oder dass man Ultras und Hooligans niemals nie durcheinanderbringen soll –, wirkt „Hool“ auf diese Weise etwas pauschal. Ja, im Leben geschehen traurige und auch schlimme Sache. Vor diesem Hintergrund ist „Hool“ nurmehr ein weiterer Coming-of-Age-Roman, dessen Held nicht pariert.

Philipp Winkler: Hool. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 311 Seiten, 19,95 Euro.

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