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Die Figuren in „Hier bin ich“ reden viel und irgendwie nicht alltagswahrscheinlich.

Jonathan Safran Foer „Hier bin ich“

Wer soll das sein, „ich“?

Jonathan Safran Foers wuchtiger, reicher und durchaus in etwas kürzer vorstellbarer Großroman „Hier bin ich“.

Von Markus Schwering

Der erste Satz trifft den Leser mit der Wucht einer Kleist’schen Novelle: „Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte.“ In diesen Satz ist das Wesentliche des Romans eigentlich schon hineingepackt, sind seine narrativen Koordinaten aufgerissen: Es geht um eine öffentliche und eine private Apokalypse, und es spricht für das konstruktive Genie des Autors, dass er diese Figur über beinahe 700 Seiten hinweg nicht aus den Augen verliert: „Während des langen Nachhalls der Zerstörung Israels bezog Jacob sein neues Haus“, so lautet in konziser Entsprechung der erste Satz des letzten Großkapitels.

Allerdings ist die apokalyptische Dimension jetzt „weg“: Der Staat Israel hat trotz schwerster Existenzbedrohung beschädigt überlebt, und Isaacs Enkel Jacob Bloch, die Hauptfigur, fängt nach seiner persönlichen Katastrophe gleichsam neu an. Hier drängt sich die banale Weisheit auf, dass das Leben halt immer irgendwie weitergeht, aber sie wird „Hier bin ich“, dem außerordentlichen neuen Roman von Jonathan Safran Foer sicher nicht gerecht.

Im Kern – besser: in einer wesentlichen Hinsicht – ist das Buch die Darstellung einer schweren amerikanischen Familienkrise (die Parallelen zu Jonathan Franzens „Korrekturen“ liegen auf der Hand) mit Beteiligten aus vier Generationen. Im Zentrum steht das gutsituierte jüdische Ehepaar Julia und Jacob Bloch – sie Architektin, er Script-Writer für eine TV-Show –, das mit seinen drei Kindern in Washington D.C. scheinbar eine familiäre Bilderbuchexistenz führt. Irritationen durch den ältesten Sohn Sam, der durch pubertäres Benehmen seine „Bar Mizwa“ gefährdet (die Feier seines Eintritts ins Erwachsenendasein), können diesen Vorab-Eindruck kaum trüben.

Tatsächlich aber ist aus dieser Ehe schon seit einigen Jahren „die Luft raus“; um sie endgültig zum Scheitern zu bringen, bedarf es allerdings eines Anlasses. Der stellt sich ein, als Julia im Badezimmer zufällig ein ihr unbekanntes Zweithandy von Jacob findet, sein Passwort knackt und in der Mailbox sehr offenherzige Sexnachrichten findet, deren Adressatin eindeutig nicht sie selbst ist. Gegenüber seiner Frau streitet Jacob eine „Real“-Affäre ab, aber das rettet, wie der Fortgang des Romans zeigt, die Beziehung nicht mehr.

Dieses Privatdesaster verschränkt sich nun, wie angedeutet, mit einem allgemeinen politischen. Motivische Brücke ist der Besuch der Mitglieder des in Israel wohnenden Familienzweigs beim Vetter in Washington. Haben es die Diskussionen zwischen den einander in liebender Abneigung verbundenen Cousins über jüdische Heimat und jüdische Diaspora, über das Leben in wohlstandsgesättigter Sicherheit oder unter dem Damoklesschwert permanenter Bedrohung – haben es diese Gespräche also schon „in sich“, weil sie auf beiden Seiten konfliktträchtig ans Eingemachte gehen, so verschärft sich diese Konstellation noch, als während des Besuchs ein schweres Erdbeben mit überwältigenden Zerstörungsfolgen den Nahen Osten heimsucht.

Der – von Foer fingierten, aber in einen realistischen Gegenwartszusammenhang implementierten – Naturkatastrophe folgt die menschengemachte: Israels feindliche Nachbarn wittern Morgenluft und fallen über den jüdischen Staat her, bereit, ihn endgültig von der Landkarte zu tilgen. Das wieder einmal um sein Überleben kämpfende Gemeinwesen ruft die Juden in aller Welt auf, zu seiner Verteidigung herbeizueilen, und auch Jacob erwägt kurzfristig, dem Ruf zu folgen. Er tut es dann allerdings doch nicht – immerhin mit schlechtem Gewissen.

Zum Schluss flauen die Stürme ab: Israel vermag sich zu behaupten, Julia und Jacob trennen sich schiedlich-friedlich, und hatte sich in der ersten Buchhälfte noch der von der Übersiedlung ins Altersheim bedrohte Großvater selbst umgebracht, so geht es auf den letzten Seiten des Romans nur noch darum, dem altersschwachen Familienhund Argus zu einem würdevollen Abgang zu verhelfen.

Es spricht für das Buch, dass diese Inhaltsangabe keineswegs geeignet ist, den gedanklichen und erzählerischen Reichtum des äußerlich übrigens handlungsarmen und von Dialogen dominierten Großtextes auch nur annähernd abzubilden. Ebenfalls griffe es zu kurz, als Matrix ausschließlich einen autobiografischen Kontext geltend zu machen – in diesem Fall die Trennung Foers von seiner Frau, der Schriftstellerin Nicole Krauss, vor zwei Jahren und seine E-Mail-Korrespondenz mit der Schauspielerin und Regisseurin Natalie Portman.

Besagter Reichtum besteht auch nicht in der technischen „Machart“. Foers Hang zur experimentellen Signatur, die sowohl seinen Bestseller „Alles ist erleuchtet“ (wo eine Figur namens Jonathan Safran Foer auftaucht) als auch seiner Erzählung „Tree of Codes“ kennzeichnet (sie wurde durch das Ausstanzen einzelner Wörter aus Bruno Schulz’„Zimtläden“ generiert) – diese Neigung also ist dem neuen Buch trotz des gelegentlichen Wechsels der Realitätsebenen weniger eigentümlich. Aufs Ganze gesehen wird hier schon vergleichsweise konventionell geradeaus erzählt.

Etliche jener sich ausschließlich im Bloch-familiären Binnenraum begebenden Gespräche sind übrigens arg „sophisticated“, künstlich in ihrer rhetorischen Zurichtung, irgendwie nicht alltagswahrscheinlich. Sie schädigen auch die lebensweltliche Nachvollziehbarkeit der Figuren, machen sie zu Argumentationsmaschinen und enervieren den Leser, der sich zuweilen schon wünschen mag, dieses Opus magnum wäre 200 Seiten kürzer.

Wenn trotzdem von der Fülle und Kraft dieses Romans die Rede sein kann und muss, dann wegen der eindringlich-minuziösen Entfaltung eines Grundproblems, dem sich der Teilhaber und -nehmer einer hochkomplexen Spätmoderne gegenüber sieht: wie es überhaupt möglich sei, in einem Dickicht divergierend-überfordernder Rollenanforderungen noch „ich“ zu sagen. So heißt es über Jacob einmal mit zusammenfassender Deutlichkeit: „Er war ein Vater für seine Söhne, ein Sohn für seinen Vater, ein Ehemann für seine Frau, ein Freund für seine Freunde, aber wer war er für sich?“ Jüdische Identität und Selbstvergewisserung unter den Bedingungen des „Post-Holocaust“ spielt dabei zweifellos eine große Rolle – eine Rolle, die nun in der Tat angesichts von Foers Familienherkunft aus dem galizischen Stetl auch beglaubigt ist.

Aber es geht eben um noch Grundsätzlicheres, um humane Archetypen, auf die bereits der Romantitel verweist: „Nach diesen Geschichten“, so heißt es im Buch Moses, „versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.“ In der Bibel verlangt Gott dann von Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. Welche Opfer Jacob Bloch bringt oder bringen soll, bleibt letztlich unklar, in der Schwebe. Aber seine Situation ist auch nicht diejenige Abrahams: Wie soll einer „Hier bin ich“ sagen, wenn er gar nicht weiß, wer „ich“ ist?

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Roman. A. d. Engl. von Henning Ahrens. Kiepenheuer & Witsch 2016. 688 S., 26 Euro.

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