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Versöhnt: Habermas erhält am 11. September 1980 in der Paulskirche vom Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) den Theodor-W.-Adorno-Preis.

Frankfurt

Solidarität und Distanz

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Die schwierige Beziehung von Habermas und Frankfurt.

Schon 1956 begann die jahrzehntelange Wechselbeziehung von Jürgen Habermas mit Frankfurt. Es ist ein Stipendium, das es dem 27-Jährigen ermöglicht, an das Institut für Sozialforschung der Goethe-Universität zu gehen. Er ist dort als Forschungsassistent tätig für die beiden großen Köpfe der Kritischen Theorie, für Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Die Emigranten waren erst kurz zuvor aus den USA nach Frankfurt an die Universität zurückgekehrt.

Habermas arbeitet die Schriften der beiden Wissenschaftler bis zurück in die Vorkriegszeit auf. Doch der Soziologe belässt es nicht bei der Theorie. Er trifft 1956 zum ersten Mal Herbert Marcuse, das beeinflusst ihn auch in seinem praktischen Engagement stark. Er unterstützt die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ gegen eine geplante Ausrüstung der neu gegründeten Bundeswehr mit Atomwaffen. Das bringt ihn in Konflikt insbesondere mit Horkheimer, der die Atommacht USA verteidigt. Die USA bleiben für den Emigranten das Land, das ihm politisches Asyl geboten hatte. Dieser Gegensatz wird später auch während der Zeit des von den USA geführten blutigen Vietnam-Krieges bestehen.

Adorno wiederum zeigt Verständnis für die Haltung von Habermas. 1961 schreibt Habermas gemeinsam mit dem späteren hessischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg die soziologische Untersuchung „Student und Politik“ zum politischen Bewusstsein Frankfurter Studenten. Darin kritisiert der Soziologe die Entfremdung des Bürgers vom demokratischen Staat. Das Schwergewicht habe sich „vom Parlament weg auf Verwaltung und Parteien“ verlagert. Dem Bürger bleibe nur noch „der Status eines Kunden, der zwar am Ende die Zeche zahlen muss, für den im übrigen aber alles derart vorbereitet ist, dass er selber nicht nur nichts zu tun braucht, sondern auch nicht mehr viel tun kann“.

Das Buch nimmt einiges vorweg, das später in der Studentenrevolte 1968 aufscheinen wird. Auch diese Publikation sieht Horkheimer kritisch. Es zeichnet sich ab, dass Habermas Probleme bekommen wird, in Frankfurt an der Universität habilitiert zu werden. Er wechselt deshalb an die Universität Marburg und legt beim linken Politologen Wolfgang Abendroth seine Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ vor, die seinen wissenschaftlichen Ruf begründet.

Nach einem Zwischenspiel als außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg kehrt Habermas 1964 nach Frankfurt zurück und übernimmt Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie. Doch das Angebot, die Leitung des Instituts für Sozialforschung zu übernehmen, lehnt der 35-jährige ab.

Er unterstützt von Anfang an den Protest der Studentenbewegung. Doch bald kommt es zum Konflikt. Er entzündet sich an einem der Marksteine böser Erfahrung: Der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras am 2. Juni 1967 in Berlin. Eine Woche später wird der Tote in seinem Heimatort Hannover zu Grabe getragen. Und der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) organisiert in Hannover einen Kongress, der berät, wie auf den gewaltsamen Tod reagiert werden soll. Dort solidarisiert sich Habermas zunächst öffentlich mit dem SDS. Doch dann ruft Studentenführer Rudi Dutschke dazu auf, „die etablierten Spielregeln dieser unvernünftigen Demokratie“ zu durchbrechen. An allen Universität will er „Aktionszentren“ gründen.

Prompt geht Habermas zum Rednerpult zurück und wirft Dutschke eine Terminologie vor, die man „linken Faschismus“ nennen müsse. Es stelle sich die Frage, ob Dutschke nicht bewusst Opfer von Gewalt bei Aktionen in Kauf nehme.

Schon am 26. Juli distanziert sich Habermas von seiner Wortwahl. Doch der Vorwurf des „linken Faschismus“ bleibt in der Welt. Im November 1967 verurteilt der Rektor der Frankfurter Universität, Walter Ruegg, ein geplantes Go-In von Studierenden als „Einübung faschistischer Terrormethoden“. Das wiederum sorgt für Empörung bei den Protestierenden.

Das Verhältnis von Habermas zur Bewegung bleibt gespannt. 1971 verlässt der Soziologe Frankfurt und wechselt nach Starnberg bei München an das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Er selbst sieht das als einen Akt, der das Ende der Frankfurter Schule der Kritischen Theorie markiere.

1980 überrascht der konservative Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) mit einem politischen Coup: Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) setzt durch, dass Habermas von der Stadt mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet wird. In der Paulskirche spricht Wallmann die Kritische Theorie von dem Vorwurf frei, „zu jenem Ausbruch von Gewalt beigetragen zu haben, der unsere Ordnung in den letzten zehn Jahren erschüttert hat“. 1983 kehrt Habermas nach Frankfurt zurück und übernimmt bis zu seiner Emeritierung 1994 den Lehrstuhl für Philosophie.

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