Francesca Melandri zeigt keinen Weg aus dem Dilemma.
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Francesca Melandri zeigt keinen Weg aus dem Dilemma.

Roman

Der Sohn aus Afrika

  • vonCornelia Geißler
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Die Italienerin Francesca Melandri spricht in ihrem großen Roman "Alle, außer mir" Probleme an, deren Ursachen in die jüngere Vergangenheit zurückweisen

Vor ihrer Tür stehe jemand, erfährt Ilaria auf dem Weg nach Hause. Die Hautfarbe dieses Fremden gleicht der der alten Holztüren auf ihrer Etage. Doch er behauptet, Ilarias Neffe zu sein. Er zückt einen Ausweis, einen äthiopischen Pass, und dort folgt auf zwei fremd klingenden Vornamen zusammengezogen der Name ihres Vaters: Attilaprofeti. 

Francesca Melandri erzählt die Geschichte dieser seltsamen Verwandtschaft in ihrem dritten Roman „Alle, außer mir“. Über den heißt es jetzt, man müsse ihn lesen, um Italien zu verstehen. Haben wir nicht dafür eben noch Elena Ferrante verschlungen? Auch „Alle, außer mir“ hat Figuren aus verschiedenen Schichten der italienischen Gesellschaft, denen der Roman lange folgt. Auch Melandri schaut auf persönliche Beziehungen, wo Vertrauen oft nicht wächst, sondern erkauft wird, doch blickt sie weiter noch als Ferrante, schaut über die Grenzen Italiens, indem sie die koloniale Vergangenheit des Landes betrachtet. Sie dringt zugleich tiefer in die Gegenwart ein, in die Probleme, die Europa brennen lassen. Denn es geht im Roman auch um das, was hierzulande „Flüchtlingskrise“ genannt wird. 

Auf der ersten Seite kommt es einem noch merkwürdig, ja plump vor, wenn es heißt: „Wer stirbt, ist ein Flüchtling, ein Asylsuchender. Der einen Ablehnungsbescheid bekommen hat für den Rest der Ewigkeit.“ Das kurze Kapitel läuft in der Zählung unter „0“, dass es eine Art Vorspruch ist, merkt man erst später. Die Autorin lässt hier Attilio Profeti sterben. Sie verabschiedet sich aber nicht von ihm, denn dieser Abschnitt liegt in der Chronologie des Romans in der Zukunft. Gleich auf der nächsten Seite sind wir im Jahr 2010: Die Autorin führt in die Familiengeschichte der Profetis und auch in die Psyche Ilarias. 

Diese Frau von Anfang vierzig, eine Lehrerin, erfährt regelmäßig, dass sie in ihrem Umfeld als sonderbar gilt, weil sie ihre moralischen Prinzipien hochhält. Sie arbeitet mit Herzblut, Geduld und Ideen als Lehrerin, fordert von ihren Schülern, die Grundregeln des Zusammenlebens zu begreifen und von sich selbst auch, sie verachtet Kungelei und Schmiergelder. Dass sie einen Mann liebt, der in Berlusconis Partei aufgestiegen ist, der rechte Parolen relativiert, bringt ihr Denken mit ihren Gefühlen in Widerstreit. Am besten versteht sie sich mit ihrem Halbbruder. Von dessen Existenz erfuhr sie erst mit 16 Jahren, so lange konnte ihr Vater sein Doppelleben geheim halten. Das war die erste tiefe Erschütterung im Leben Ilarias. Der Besuch aus Äthiopien legt nun nahe, dass der Vater noch viel mehr verborgen hat, Schlimmeres.

Francesca Melandri ergründet den Weg des alten Attilio Profeti in mehreren, miteinander verschränkten Erzählsträngen. Vor- und zurückspringend erzählt sie von dem Mann, der als Soldat im Dienst der faschistischen italienischen Armee ins besetzte Äthiopien geht, dort eine Geliebte hat, der Assistent eines „Rassenforschers“ wird, als solcher Artikel publiziert und nach dem Krieg weiter Karriere macht. Sie beleuchtet verdunkelte Flecken der italienischen Geschichte und zeigt an Attilios Beispiel eine unappetitliche Tradition des Lügens und Vertuschens, der „selektiven Blindheit“, des Denunzierens und Bestechens. Dabei tauchen neben den fiktiven Figuren reale auf, von Muammar al-Gaddafi bis Berlusconi.

„Così fan tutte“, so machen es alle, heißt es bei Mozart, „Alle, außer mir“ heißt es bei Attilio, der glaubt, dass alle einmal erwischt würden, nur er nicht. Dass auch er sterben muss, hat die Autorin ja schon auf die erste Seite gepackt. Aber warum verknüpft sie das mit dem Schicksal abgewiesener Flüchtlinge? Weil der junge Mann mit der Farbe von dunklem Holz und dem Ausweis als Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti nicht so leicht nach Italien gereist ist, wie ein Europäer einfach nach Äthiopien käme. Auch seinen Weg und seines Vaters Weg begleitet die Autorin, was sich unter die Stichworte Ringen um Bildung, Kampf um Gerechtigkeit, polizeiliche Willkür und Haft bringen lässt. Es geht weiter mit Flucht, einem geldgierigen Schlepper-Ring, der extrem gefährlichen Fahrt von Libyen übers Mittelmeer: Da scheint das Buch wie aus den Nachrichten von heute zu stammen. 

Die Leute sollen dort bleiben, wo sie zuerst Asyl beantragt haben? Der Roman zwingt den Leser, die Konsequenzen zu bedenken. Er führt in ein von Flüchtlingen besetztes Haus, er führt auch in eine Unterkunft der CIE, eines Zentrums zur Identifikation und zur Abschiebung. Hier sind illegal eingewanderte Menschen zusammengesperrt, deren Asylverfahren geprüft werden – es sind sozusagen Transitzentren.

Ilaria Profeti weiß zunächst nicht, was alles dahintersteckt, als sie sich für den jungen Mann einsetzt, der bei ihr auftaucht. Die Autorin führt mit den beiden Familiengeschichten in Äthiopien und Italien die Grausamkeit der Flüchtlingsdeals vor Augen. Und das schafft Melandri fast immer erzählend, in überzeugenden Handlungen und Dialogen ihrer Figuren. Moralisch spricht einzig Ilaria. Schon der Anwalt, der auf ihrer Seite steht, zerpflückt ihre Argumente. Denn natürlich kann kein Land unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen. Aber dass die westliche Welt mit verantwortlich dafür ist, welches Unrecht in afrikanischen und arabischen Staaten entstanden ist, das zeigt dieser Roman eben auch. Nicht nur in Italien. Es ist ein aufstörendes Buch, das die offenen Wunden unserer Gegenwart brennen lässt, wie wenn man sie mit Jod behandeln wollte. 

Francesca Melandri schreibt: „Auswandern ist allumfassend und zugleich sehr banal: Wenn ein Wesen an einem Ort nicht mehr überleben kann, stirbt es oder geht weg.“ Sie zeigt keinen Weg aus dem Dilemma. Und doch gelingt es ihr, Fragen so in die Leserköpfe zu pflanzen, dass sie dort bleiben und weiter bohren. 

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