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Bundeswehr-Isaf-Schutztruppe unterwegs auf Patrouille in Masar-e Scharif, Afghanistan.
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Bundeswehr-Isaf-Schutztruppe unterwegs auf Patrouille in Masar-e Scharif, Afghanistan.

Deutsches Militär

„Deutsche Krieger“ – Kämpfen, töten, sterben

  • VonWolfram Wette
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Der Militärhistoriker Sönke Neitzel plädiert für die Rückkehr der Bundeswehr zu kriegerischen Traditionen.

Als die Bundeswehr in den 1970er Jahren mit dem Slogan „Schützen, Helfen, Retten“ für eine neue Militärpolitik warb, ging es darum, die an Frieden durch Abschreckung gewohnte deutsche Bevölkerung auf weltweite Bundeswehreinsätze als „Neue Normalität“ einzustimmen. Nun tönt der Historiker Sönke Neitzel, die „Kernaufgabe“ des Kriegers sei „Kämpfen, Töten, Sterben“. Die Politik müsse sich da „ehrlich machen“.

Schrille Vokabeln sind ein Kennzeichen Sönke Neitzels. In Potsdam, einst Hort des Militarismus, hat er inzwischen den einzigen deutschen Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt inne. Vom Land Brandenburg und der Bundeswehr eingerichtet, ist die Professur eng vernetzt mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.

Seine „Militärgeschichte“ lässt der Autor mit der Reichsgründung 1871 beginnen. Viele seiner Thesen überzeugen nicht. So seine Ansicht, die Reichswehr der Weimarer Republik sei kein „Staat im Staate“ gewesen, also besonders staatstragend. Gab es nicht den Militärputsch von 1920, verbunden mit den Namen Kapp und Lüttwitz, der die Reichsregierung zur Flucht aus Berlin zwang, weil die Reichswehr nicht bereit war, sie zu schützen?

Das Buch

Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte. Propyläen 2020. 816 S., 35 Euro.

Den roten Faden des über 800 Seiten starken Bandes bildet die Suche nach dem „Krieger“ in der jüngeren deutschen Geschichte. „Was haben“, fragt der Autor, jedweden politisch-historischen Rahmen ausblendend, „ein Leutnant des Kaiserreiches, ein im Nationalsozialismus sozialisierter junger Wehrmachtoffizier und ein Zugführer der Task Force Kundus des Jahres 2010 gemeinsam?“ Um am Ende zu der banalen Aussage zu gelangen: In den Kampftruppen der Bundeswehr habe „das von manchem Soziologen totgesagte Kriegertum überlebt“. Diese beherrschten noch heute „das Handwerk des Krieges“ und scheuten sich keineswegs, ihre „Frontkämpfergemeinschaft“ und ihren „Kriegshabitus“ zur Schau zu stellen. Das habe man beim Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr beobachtet, den Neitzel mit zum Teil spektakulärem Hintergrundwissen beschreibt, das er in etwa 200 Zeitzeugengesprächen gewonnen haben will. Gleichwohl bleibt seine Darstellung einseitig. Von den zahlreichen traumatisierten Soldaten und Soldatinnen erfährt man nichts. Auch nichts von denen, die seither Zweifel am Kriegshandwerk umtreiben.

Der Autor konstatiert „Dissonanzen“ zwischen den „Kriegern“ im Auslandeinsatz und der Politik sowie der Zivilgesellschaft. Auch hier drängt sich die Frage auf, wie repräsentativ die Haltungen jener sind, die den Krieg erneut wie eine Art Errungenschaft betrachten. Neitzels Fazit: Die Finanzausstattung der Bundeswehr sei unzureichend und der Weg zu einer militärisch handlungsfähigen „Vollwert-Armee“ noch weit. Außerdem mache die Zivilgesellschaft nicht mit: „Am strukturellen Pazifismus der Bundesrepublik hat sich auch in den letzten Jahren nichts geändert.“ Auf die Idee, dass diese Einstellung vieler Deutscher zu Recht eine Lehre aus zwei von deutschen Machthabern entfesselten Weltkriegen ist, kommt er nicht. Neitzel ist Bellizist und Revisionist. Der Regierung und dem Parlament wirf er Unehrlichkeit vor und fragt: „Will man wirklich demokratische Krieger?“ Und plädiert dafür, das Militär wieder mehr „vom Krieg her zu denken“.

Neitzels Literaturauswahl weckt nicht gerade Vertrauen. Was nicht in seinen Rahmen passt bzw. Auffassungen widerspricht, schiebt er beiseite und bleibt unerwähnt. Der nationalsozialistische Autor und SS-Obersturmbannführer Paul Carell wird mit gleich fünf Titeln aufgeführt. Das wichtige Buch von Carl Friedrich von Weizsäcker über „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“ (1971) dagegen hat er nicht gelesen. Der Atomphysiker und sein Team vom Max-Planck-Institut zur „Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ kamen schon damals zu der Einsicht: Ein Krieg in Mitteleuropa zerstörte alles, was er bewahren wollte. Nur noch eine Politik der Kriegsverhütung sei vertretbar. Seitdem übt sich eine wachende Mehrheit unserer Gesellschaft darin, den „Ernstfall Frieden“ einzuüben. Dabei sind viele Widersprüche aushalten. Das gehört dazu.

Neitzels wissenschaftlich eingefärbte Krieger-Nostalgie wirkt wie aus der Zeit gefallen und als Versuch, den „Ernstfall Krieg“ wiederherzustellen. Solches Denken gedeiht jedoch nicht nur im Potsdamer Elfenbeinturm, sondern ist auch in der Bundeswehr seit ihren Anfängen weit verbreitet. Vor einigen Jahren hat kein Geringerer als der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hans-Otto Budde, ein gelernter Fallschirmjäger, eine zivilisatorische Reißleine durchtrennt, indem er den „Staatsbürger in Uniform“ abservierte und einen neuen Soldatentypus forderte: „Wir brauchen den archaischen Kämpfer, und den, der den High-Tech-Krieg führen kann.“ Der General, der seinen Soldaten ein Vorbild sein soll, dürfte sich von dem Politiker Alexander Gauland bestätigt fühlen, der in einer Rede vom 2. September 2017 in Thüringen, mitten im Bundestagswahlkampf, als Spitzenkandidat der AfD, mit der Drohung für Aufsehen sorgte: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“.

Der nach 1945 in Deutschland vollzogene zivilisatorische Schritt lebt von der Verabschiedung des kriegerischen Helden, nicht von seiner Restauration. So gesehen, bietet Neitzel die Begleitmusik für eine Kämpfer- und Krieger-Ideologie, für die im rechtsextremen Spektrum der Politik wie auch von restaurativen Traditionalisten in der Bundeswehr geworben wird. Eine der Ursachen für die Renaissance dieses Denkens sind die Auslandseinsätze der Bundeswehr, in denen die Devise „Kämpfen, Töten, Sterben“ erstmals wieder seit 1945 praktiziert worden ist. Die Politik muss sich selbstkritisch fragen, ob sie auf diesem Weg weitergehen will oder nicht.

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