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Streitende Paare

Die Socke in der Kaffeetasse

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat streitende Paare untersucht. Der partnerschaftliche Kompromiss ist die neue Schwerstarbeit.

Fiel der zärtliche Blick eben noch auf eine sanft schlummernde Nackenlinie, so kann es kurz darauf passieren, dass das verträumte Liebessubjekt im Bad die fürchterliche Entdeckung machen muss, sich am Rand eines Kriegsschauplatzes zu befinden. Im Haushalt ist die Hölle los, wenn die Zahnpasta in der Mitte gequetscht oder Buntes in die Weißwäsche geraten ist. Liebevolle Frauen werden zu Furien und souveräne Männer zu Fluchttieren, wenn der Blitz eines Ordnungsproblems das Miteinander trifft.

"Musst Du dauernd Deine Sachen rumliegen lassen?" oder "Warum ziehst Du den Vorhang nie auf?" lauten dann die kaum Begehren verheißenden Fragmente einer Sprache der Liebe. Die liebevoll gehegten Parzellen vertrauter Zurückgezogenheit werden plötzlich zu offenen Schauplätzen haushalterischer Verwerfungen. Schon nach dem Aufstehen entpuppt sich das geliebte Gegenüber als klebriges Sieb nur schwer zu ertragender Marotten. Kaum zu glauben, was da so alles hängen bleibt.

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann ist der erbarmungslose Supervisor unserer meist gut abgeschirmten Puppenheime. Wie kein Zweiter hat er in die Wäschekörbe und Kochtöpfe des Sozialen geschaut und im Nebensächlichen und Verborgenen die Betriebsgeheimnisse der bürgerlichen Privatheit aufgespürt. Aus den Krümeln auf dem Tisch entziffert er die strukturellen Veränderungen der Zweiten Moderne.

In seinem Buch "Schmutzige Wäsche" (UVK 2005) hat Kaufmann auf die veränderten Mechanismen und archaischen Reste moderner Paarbeziehungen aufmerksam gemacht, und mit "Kochende Leidenschaft" (UVK 2007) hat er eine aufschlussreiche Soziologie des Essens aufgetischt. Wie wir salzen und wo die Geschirrtücher hängen, sagt mindestens soviel über unser gesellschaftliches Befinden aus wie eine Debatte über Jugendgewalt.

Einmal mehr hat sich Kaufmann dabei auf seine Methode gestützt, anstelle theoretischer Turbodeutung die Probanden moderner Verhaltensweisen zum Sprechen zu bringen. Keine die Paarbeziehung störende Eigenheit, die nicht durch ein vielsagendes Fallbeispiel zu belegen wäre. Kaufmann langweilt nicht durch lautsprecherische Thesen, sondern unterhält durch sein en passant zur Entfaltung gebrachtes Material.

Der Leser wird einerseits zum neugierigen Forscher-Komplizen, findet aber mit Blick auf die eigenen Paarerfahrungen in nahezu jedem Beispiel mehr Identifikationspotenzial als ihm lieb sein kann. Die Schrullen von Eliza und Robert, Eline und Jack, Carla, J.P. und all den anderen ähneln den eigenen zu sehr.

Anaïs und Pat zum Beispiel streiten über die Temperatur beim Waschen. Anaïs wäscht alles bei 30 Grad, während Pat der Ansicht ist, dass für saubere Wäsche höhere Temperaturen nötig sind. Kein Argument erscheint zu absurd, um den eigenen Waschpräferenzen zur Geltung zu verhelfen.

Kaufmanns Arbeit ist trotz ihres Scharfsinns für das paradoxe Verhalten in Beziehungen nicht als Ratgeber für Paarprobleme misszuverstehen. Trotz des Verweises auf Rollenmuster und Geschlechterdifferenz sucht er nicht nach dem Stoff, aus dem lange währende Therapien gespeist werden. Am Ende vermag Kaufmann nicht einmal Aussicht auf Besserung zu versprechen. Allenfalls gelingt es den Paaren, verlässliche Routinen zur Milderung der Dissonanzen und des Ärgers zu entwickeln.

Im Miteinander der Liebenden, die zum Paar geworden sind, prallen dauerhaft zwei Prinzipien aufeinander. Dem Wunsch nach inniger Verschmelzung steht das Bedürfnis nach Rettung der Individualität entgegen. "Die mehr oder weniger leisen Streitereien über die Dinge sind oft Zeichen dafür, dass das Individuelle und Partnerschaftliche miteinander rivalisieren. Denn jeder der beiden Partner behält Identifikationsbereiche, die ihn, wenigstens in Gedanken, außerhalb der Paarbeziehung transportieren."

Immer befindet sich der potenzielle Feind in meinem Bett. Mindestens aber unterliege ich der Gefahr, dass der faule Partner meine Ordnungsliebe schamlos ausnutzt. Und so greift Zoe auch schon einmal zum Äußersten. Wenn wieder einmal die dreckigen Socken herumliegen, steckt sie ihm diese in die Kaffeetasse.

Der Krieg der Paare wird angetrieben von einer forcierten Individualisierung. Traditionelles Rollenverhalten ist ausgehebelt worden, aber an die Stelle ist nichts Neues getreten. "Kein Bereich des Privatlebens", so Kaufmann, "entgeht diesem Streben nach Autonomie und Freiheit. Erziehung, Ferien, Ernährung, Gesundheit: Alles wird hinterfragt, und jeder feilt an seinen Antworten; der partnerschaftliche Kompromiss, eine neue Schwerstarbeit, erweist sich als komplex und nicht leicht zu finden."

Die von den modernen Lebensbedingungen verursachten Dissonanzen erzeugen immer massiveren Ärger, der die Paare in einen nahezu unauflösbaren Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach trauter Zweisamkeit und individueller Freiheit treibt. Die Hoffnung, die Kaufmann lässt, erwächst nicht zuletzt aus der Heiterkeit, die eintritt, wenn die Paare sich der Lächerlichkeit bewusst werden, die ihr Tun begleitet.

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