Zwei französische Kolonialsoldaten werden im Juni 1940 im Strafgefangenenlager "Stalag III B" nahe Eisenhüttenstadt registriert.An das Schicksal der (Zwangs-)Rekruten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien im Zweiten Weltkrieg erinnert der Sammelband "Unsere Opfer zählen nicht".
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Zwei französische Kolonialsoldaten werden im Juni 1940 im Strafgefangenenlager "Stalag III B" nahe Eisenhüttenstadt registriert.An das Schicksal der (Zwangs-)Rekruten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien im Zweiten Weltkrieg erinnert der Sammelband "Unsere Opfer zählen nicht".

"Sklaven bekommen keinen Wein"

Ein Sammelband zur "Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg" erinnert an das Schicksal von Kolonialsoldaten

Von ANDREAS ECKERT

Zahllose Bücher sind anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes in jüngerer Zeit auf den Markt des Wissens gedrängt. In all den Schilderungen über den Zweiten Weltkrieg und die "Stunde null" fand allerdings überraschend selten die Tatsache Erwähnung, dass unzählige Kolonialsoldaten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien halfen, die Welt vom deutschen und italienischen Faschismus sowie vom japanischen Großmachtwahn zu befreien.

Ihre Kriegseinsätze kommen in Geschichtsbüchern kaum vor, ihnen werden keine TV-Dokumentationen gewidmet, die Namen der getöteten Kolonialsoldaten sind nirgends aufgelistet, kaum ein Monument erinnert an die Opfer, die sie brachten.

Umso verdienstvoller ist der vorliegende, vom Rheinischen JournalistInnenbüro zusammengestellte Band. Auf Grundlage aufwändiger Recherchen, Gesprächen mit Kriegsveteranen sowie der Auswertung der nicht eben üppigen Sekundärliteratur hat das Autorenkollektiv einen enorm wichtigen Beitrag zu einem vergessenen Aspekt des Zweiten Weltkriegs geleistet. Besonders hervorzuheben ist, dass einige Veteranen erstmals selbst zu Wort kommen und ihre oft traumatischen Erlebnisse, aber auch ihre Enttäuschung, Wut und Frustration über die ausgebliebene Anerkennung darlegen.

Die Kolonien waren von Beginn an in den Zweiten Weltkrieg eingebunden. Sie lieferten kriegswichtige Rohstoffe und stellten Millionen Soldaten und Arbeiter, die nicht selten mit Zwang rekrutiert wurden. Der soldatische Alltag war häufig von Rassismus und Erniedrigung geprägt. Kolonialsoldaten erhielten weniger Sold, schlechtere Verpflegung und Unterbringung als ihre Kameraden. So war es offenbar nicht unüblich, dass afrikanische Soldaten in der französischen Armee, die "Tirailleurs", ihren Dienst barfuß versahen.

Eine französische Kantine war den Weißen vorbehalten, schwarze Soldaten mussten sich mit einer Feldküche bescheiden. Im Buch erinnert sich der Veteran Tafolotien Soro: "Die Franzosen erhielten sogar Wein zum Essen. Wenn wir sie um etwas Wein baten, antworteten sie: Ihr seid Sklaven und Sklaven bekommen keinen Wein." Nur bei lebensgefährlichen Fronteinsätzen genossen die Afrikaner offenbar Vorrang.

Keine Gefangenen machen

Besonders schlecht erging es Soldaten schwarzer Hautfarbe, die in deutsche Gefangenschaft gerieten. Dieses Schicksal erlitten beispielsweise rund 100 000 afrikanische Kolonialsoldaten, als Frankreich im Juni 1940 kapitulierte. Zahlreiche Afrikaner, so die Autoren, "wurden von der deutschen Wehrmacht ermordet, als sie sich ergaben. Der einzige Grund: ihre Hautfarbe". Dabei handelte es sich keineswegs nur um Übergriffe Einzelner. Der Gauleiter Belgiens, Karl Holz, ordnete ausdrücklich an, "keine Gefangenen zu machen", der ihm unterstellte Kommandeur des Volkssturms befahl, "alle farbigen Gefangenen auf der Stelle zu töten, da sie stinken".

Einige afrikanische Gefangene sollten allerdings für die Kooperation mit den Deutschen gewonnen werden, um etwa gegen das Freie Frankreich zu kämpfen. Um Afrikaner gegen die britische und französische Kolonialmacht aufzustacheln, gaben die NS-Behörden überdies Zeitschriften für Kriegsgefangene heraus. Darin war unter anderem zu lesen, dass an einer "deutschen Universität" bereits "schwarze Führer" ausgebildet würden, um nach dem "Endsieg" der Nazis führende Positionen in ihren Heimatländern einzunehmen.

"Vorwärts Rommel", hieß es in Kairo

Ein besonders interessantes Kapitel des Buches ist dem Nahen Osten gewidmet. Dort sympathisierten antikoloniale Bewegungen vielerorts mit den faschistischen Mächten und feierten etwa Rommels Siege in Nordafrika. Die Autoren zitieren den palästinensischen Lehrer Khalil Sakakini, der damals in sein Tagebuch notierte: "Die Araber in Palästina jubelten, als die britische Bastion Tobruk den Deutschen in die Hände fiel. Nicht nur die Palästinenser jubelten, sondern die gesamte arabische Welt, in Ägypten, Palästina, dem Irak, Syrien und im Libanon, nicht weil sie die Deutschen liebten, sondern weil sie die Engländer wegen ihrer Politik in Palästina nicht mochten."

Auch in Kairo skandierten Demonstranten: "Vorwärts Rommel!" Das NS-Regime versuchte auch nach seinen ersten größeren militärischen Niederlagen unter Arabern und Muslimen noch Kollaborateure und Soldaten für den Krieg anzuwerben. 1942 gründete die SS "wissenschaftliche Regionalinstitute", die untersuchen sollten, wie sich der Nahe Osten und Asien für eine "aggressive deutsche Außenpolitik" nutzen ließen.

Ein Jahr darauf erteilte Heinrich Himmler dem Reichssicherheitshauptamt den Befehl herauszufinden, mit welchen Koranstellen sich Muslime davon überzeugen lassen könnten, "dass der Führer? vorausgesagt und beauftragt sei, das Werk des Propheten zu vollenden". Auch in Asien suchten und fanden die Nationalsozialisten Bündnispartner. 3000 Rekruten der besiegten "Indischen Legion" ließen sich 1944 in die Waffen-SS eingliedern und verübten Massaker an der französischen Zivilbevölkerung.

Die Autoren des Buches machen kein Hehl daraus, wem ihre Sympathien gehören. Ihre Parteinahme für jene Menschen aus der "Dritten Welt", die während des Krieges als Arbeitssklaven, Zwangsprostituierte oder billiges Kanonenfutter herhalten mussten, wird durch das im Buch ausgebreitete umfangreiche, gleichermaßen erschütternde wie erhellende Material fundiert. Zudem vermeiden die Autoren, meistens jedenfalls, die Kolonialsoldaten und andere Kolonisierte lediglich als passive Opfer darzustellen, sondern zeigen auch deren - wenngleich oft extrem begrenzten - Handlungsmöglichkeiten. Angesichts der erwähnten Dürre auf dem Buchmarkt zu dieser Thematik hat "Unsere Opfer zählen nicht" das Zeug zu einem Grundlagenwerk, von dem sich hoffentlich viele für weitere Arbeiten inspirieren lassen.

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