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Geehrte 1970 (v.l.n.r.): Bernhard (Büchner-Preis), Kaiser (Merck-Preis), Heisenberg (Freud-Preis).
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Geehrte 1970 (v.l.n.r.): Bernhard (Büchner-Preis), Kaiser (Merck-Preis), Heisenberg (Freud-Preis).

Literaturpreis

Skizzen aus der Gelehrtenrepublik

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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„Geistesgegenwärtig“ versammelt eine Ausstellung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt die Merck- und Freud-Preisträger. Und öffnet einen Spaltbreit in eine Gelehrtenrepublik.

Zum Juror muss man wohl geboren sein. Und dann gibt es Umstände, in denen Juroren hochwohlgeboren wirken. Herrschaftliches Gegeneinander und hitzköpfige Geschäftigkeit trafen tatsächlich 1970 aufeinander. Doch die Kandidaten ließen sich partout nicht durchbringen.

Aber traf es dann einen Falschen? Am Ende war es Joachim Kaiser, der, wiewohl ein Kompromisskandidat, als Preisträger, einräumte: „Ich nehme den Preis natürlich von Herzen gern an, nicht nur, weil mir die Ehre und das Geld angenehm sind, sondern auch, weil ich es richtig finde, dass auch einmal Essayisten und Kritiker ein paar Lorbeerblätter bekommen.“ Auch diese Worte werden jetzt aufgedeckt im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, in einer Ausstellung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die die Geschichte des Johann-Heinrich-Merck-Preises und des Sigmund-Freud-Preises dokumentiert, was in Briefen oder Tagebucheinträgen geschieht, mit den Büchern der Preisträger ebenso wie mit Zeitungsfaksimiles über sie.

Aus Fragment und Fundstück bedient sich die Präsentation. In ihrem Namen wird nicht nur angedeutet, wie sehr in den Anfangsjahren, so Heinrich Detering, Akademiepräsident heute, „Intrigen und Eitelkeiten, gewollte und unbeabsichtigte Zynismen den hochgemuten Vorsätzen in die Quere kamen“. Auch fällt das Wort von „herrenreiterhaften“ Attitüden, die ersten Jahre betreffend. So dass die Ausstellung auch so etwas wie eine selbstkritische Bestandsaufnahme abgibt.

1981 die erste Preisträgerin

Seit 1964, im Zusammenspiel mit dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis verliehen, waren Merck-Preis und Freud-Preis anfangs klar zugeordnet, dieser der Ehrung wissenschaftlicher Prosa vorbehalten, jener gedacht als Auszeichnung für Essay und Kritik. Auf Dauer aber blieben sie nicht synthetisch geschieden, und zu den Eigentümlichkeiten zählt, dass 1981 mit Hilde Spiel die erste Frau geehrt wurde, 1997 mit Paul Parin erstmals ein Psychoanalytiker mit dem Freud-Preis.

So geht denn die Ausstellung äußerst aufschlussreich ins Detail. Rainald Goetz, der am heutigen Nachmittag den Büchner-Preis erhält, stand schon am 19. April 1993 auf dem Zettel der Juroren (und auf ihm nicht nur einmal!). Sehr interessant auch der Einblick, dass die Großmacht Hans-Georg Gadamer der Großmacht Hans Blumenberg mit ungemein netten Zeilen gratulierte (was ganz ungemein eine Gemeinheit war).

Mit dem Wort „Geistesgegenwärtig“ hat man die Kabinettausstellung überschrieben. Sie lässt innere Querelen und gesamtgesellschaftliche Tumulte Revue passieren. Sie erinnert an den marxistischen Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der die Ehrung ablehnte, weil er sich nicht einreihen wollte hinter dem Konservativen Günter Blöcker. Sie erinnert an das Getümmel 1969, als Akademiemitglieder sich von unartigen Oberschülern des Georg-Büchner-Gymnasiums derartig provoziert fühlten, dass sie gegen diese handgreiflich wurden.

In der Präsentation, für die sich das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und die Akademie zusammengetan haben, ist eine Schreibmaschine Peter Rühmkorfs (seine Monica) ebenso auf einem Podest inszeniert wie Schriftrollen Klaus Theweleits. Und wenn Wolfram Schüttes Manifest für die große Migration der Literaturkritik ins Internet angetippt wird, dann auf einem schmalen Bildschirm.

Mit einem Paradiesvogel, dem Forschungsobjekt des Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf, wird über die naturwissenschaftliche Linie im Stammbaum der Preisträger unterrichtet. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu repräsentieren die Skizzenbücher Carolin Emckes die gesellschaftskritische Geistesgegenwart zahlloser Preisträger seit Generationen.

Schließlich von Isolde Ohlbaum ist eine Galerie der Preisträger zu sehen, porträtiert an ihrem Arbeitsplatz. Einige blicken hinab auf smarte Laptops, einer, Albert von Schirnding, schaut in die Welt hinaus durch eine Butzenscheibe. Kein Grund, das als Homestory zu lesen. Wohl aber eröffnet diese Darmstädter Sektion so etwas wie einen Spaltbreit in eine Gelehrtenrepublik.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt: bis 10. Januar. Ein Katalog ist im Wallstein Verlag erschienen.

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