In jedem Winkel Islands Spuren von Herkunft.
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In jedem Winkel Islands Spuren von Herkunft.

Island

In einer Hutschachtel übers Meer

  • vonKatrin Hillgruber
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Im Zeichen von Genom und Golem: Sjóns hochtourige Romantrilogie „CoDex 1962“ zelebriert die Biomasse der isländischen Literatur.

Lieber ohne Schuh als ohne Buch“, lautet ein Wahlspruch der knapp 360 000 Isländerinnen und Isländer. Nichts Geringeres als das „Buch der Isländer“ trägt seit 1997 die biotechnologische Firma deCODE Genetics zusammen. Nach eigenen Angaben hat sie Daten von 95 Prozent der Inselbevölkerung aus den letzten 300 Jahren erfasst, einzelne Informationen reichen sogar bis zu den Wikingern zurück.

Die Totalität dieses – nicht unumstrittenen – Unterfangens einer kompletten genetischen Codifizierung spiegelt, ironisiert und konterkariert der Schriftsteller und Songtexter Sigurjón Birgir Sigurdsson, Künstlername Sjón, nach bester postmoderner Manier mit seinem ebenfalls Totalität erstrebenden Roman „CoDex 1962“. Das isländische Original ist in den Jahren 1994, 2001 und 2016 erschienen und umfasst drei eigenständige Bücher: Zunächst die im Zweiten Weltkrieg in Norddeutschland angesiedelte Liebesgeschichte „Deine Augen sahen mich“. Sie findet als Kriminalgeschichte „Islands tausend Jahr’“ ab 1944 ihre skandinavische Fortsetzung und führt zuletzt in Gestalt des Science-Fiction-Romans „Ich bin eine schlafende Tür“ in die Gegenwart – und zur Genforschung.

Konsequenterweise handelt es sich bei der vierten Frau von Hrólfur Zóphanías Magnússon, dem Geschäftsführer des fiktiven CoDex-Konzerns, um einen genetischen Superlativ: „Dóra ist das, was wir Mediziner eine Chimäre nennen, nach einem grotesken Mischwesen in der griechischen Mythologie. Ihr Erbgut stammt von fünf verschiedenen Individuen, ihrer Mutter und vier Vätern. Auf den ersten Blick fällt das nicht auf, doch, um nur zwei Beispiele zu nennen, sie hat zwei unterschiedliche Blutgruppen, ist auf der linken Seite rothaarig und blond auf der rechten. Das erste Kind des Jahres neunzehnhundertzweiundsechzig ... .“

Damit ihre Ehe nicht länger kinderlos bleibe, hatte sich Dóras Mutter, die „Aphrodite von Reykjavik“, in der stürmischen Nacht des 1. April 1961 gleich vier fremden Männern hingegeben, vom Taxifahrer bis zum Kapitän. Dóra, die spätere Direktorin der isländischen Nationalbank, kam am 1. Januar 1962 auf die Welt, ihr Schöpfer Sjón am 27. August 1962. Sein Geburtsdatum verleiht er auch Jósef Löwe, dem Erzähler des Romans – und Nachbarn von Dóra. 1980, als Sigurdsson noch als „S.jón“ firmiert, begegnen sich die beiden.

Das beschert dem Autor einen Cameo-Auftritt nach Hitchcock-Manier: „Eines Morgens (...) sprach ich den jungen Dichter an, der mit dem Rücken zu mir saß und Kaffee aus einem Plastikbecher trank: – Ich weiß, wer du bist. Du bist Ess-jón. Er schaute über die Schulter und sah mich an, als wolle er etwas Schnippisches erwidern: ,Sjón‘ spricht man das aus, so wie in ‚Vision‘.“

Jósef Löwe wird von einer CoDex-Angestellten interviewt. Dieses Gespräch verleiht dem Triptychon bei aller mächtig ins Kraut schießenden Phantasie so etwas wie einen Rahmen und eine Struktur. Im Grunde antwortet er, der Sohn des Prager Juden Leo Löwe, mit den 640 Seiten dieses Romans nur auf die ersten vier Standardfragen des CoDex-Erhebungsbogens nach Geburtsdatum und -ort sowie nach Herkunft, Ausbildung und dem Beruf der Eltern. Die Frage nach der Herkunft, die sich zum Politikum entwickelt hat, bedeutet für Sjón den Erzählanlass schlechthin, den Urgrund aller Literatur.

Der Roman setzt mit einem surrealen Deutschland-Tableau ein. Es erinnert an Lars von Triers „Europa“-Trilogie, an deren dunkel raunende, alptraumhafte Szenen aus dem verwüsteten Nachkriegsdeutschland voller Nachtzüge, Werwölfe und orientierungsloser Uniformträger.

Mitten im Zweiten Weltkrieg taucht im Kükenstädter Gasthof Vrieslander, einem ehemaligen Bordell, ein erschöpfter, zerlumpter Mann auf. Das Dienstmädchen Marie-Sophie wird dazu abgestellt, sich rund um die Uhr um den Fremden zu kümmern: „Noch vor einer Stunde hatte sie ihn mit dem Nudelholz zu Boden schlagen wollen, nun sollte sie ihn gesundpflegen: In der Welt tobte Krieg.“ Ausdrücke wie „Kükenstadt“, „Gasthof Vrieslander“ oder „Fräulein Knopfloch“ sind grau gedruckt, da sie auch im Original auf Deutsch stehen – wahrscheinlich reizte Sjón die Verwandtschaft der germanischen Sprachen.

Ohnehin kann die Leistung der Übersetzerin Betty Wahl nicht genug gelobt werden. Die Isländisch-Dozentin an der Frankfurter Goethe-Universität hat bereits Gedichte von Sjón wie den Band „Bewegliche Berge“ ins Deutsche übertragen (zusammen mit Tina Flecken), außerdem prämierte Romane wie „Der Junge, den es nicht gab“. Das muss ihr dabei geholfen haben, selbst die aberwitzigsten Volten und allerisländischsten Anspielungen von Sjóns Chef d’Œuvre in ein spielerisch leichtes und leuchtend schönes Deutsch gebracht zu haben. Es irritiert nur ein wiederholt auftretender „Schwimmbadwärter“ – ein Bademeister?

Recht behäbig und mit Märchen-Anklängen à la Hans Christian Andersen schildert Jósef, wie er quasi gezeugt wurde. Leo Löwe ist einem KZ entkommen, dessen Insassen in gestreifter Häftlingskleidung zu „Zebra-Menschen“ degradiert wurden. Er führt eine Hutschachtel mit sich, darin ein Lehmbatzen, der feucht gehalten werden muss. Damit zitiert Sjón die Legende aus dem 18. Jahrhundert vom Prager Rabbi Löw, der aus einer formlosen Masse mit Hilfe eines magischen Sprachrituals einen Menschen erschuf.

In Löws Nachfolge töpfern der Flüchtling und das Zimmermädchen einen Säugling. Sehend wird dieser erst, „nachdem man ihm zwei klitzekleine Schnipsel aus einer Filmrolle auf den Grund seiner Augenhöhlen gelegt hatte; auf dem einen stand der Führer brüllend an einem Rednerpult, auf dem anderen machte er ein verdattertes Gesicht, denn er hatte seine Krawatte gerade mit einem Soßenfleck verziert“.

Auch diese recht spezielle Komik, die sich an der starken optischen Präsenz des Nationalsozialismus weidet, verbindet Sjón mit Lars von Trier, für dessen Film „Dancer In the Dark“ er die Songtexte schrieb.

1944 gelingt es Leo Löwe, sich mitsamt dem Säugling in der Hutschachtel nach Island einzuschiffen. Doch auf der Überfahrt wird ihm ein Siegelring gestohlen, ohne den das Lehmkind nicht dauerhaft zum Leben erweckt werden kann. Das gelingt mit Hilfe eines russischen Spions und eines US-amerikanischen Nacktringers und Theologen erst an jenem 27. August 1962, dem Geburtstag von Erzähler und Autor. Bis dahin wird der Homunculus täglich mit der Milch einer schwarzen Ziege getränkt und eingerieben. Ziegenmilch sei Heldennahrung, heißt es.

Nach unzähligen Volten kommt der Großroman „CoDex 1962“ also endlich im titelgebenden Jahr an. Leo Löwe wird vom Parlament nach einer endlosen bürokratischen Posse eingebürgert und in Jón Jónsson umbenannt. Das veranlasst Sjón dazu, in Form einer strapaziösen Endlosschleife alle 1962 geborenen und zum Teil gestorbenen isländischen Säuglinge aufzuzählen. Aber stimmt die Geschichte wirklich so, wie sie Jósef der geheimnisvollen Interviewerin des Konzerns CoDex aufs Band spricht? Eine zweite, tragische Spur seiner Herkunft führt in die psychiatrische Klinik Kleppur direkt am Meer, die bereits durch Einar Már Gudmudssons Roman „Engel des Universums“ berühmt wurde.

Die beiden auf Island spielenden Teile von „CoDex 1962“ sparen nicht an ironischer und doch liebevoller Kritik am Selbstverständnis der jungen Nation, die jahrhundertelang zu Dänemark gehörte. Isländisch sei wie Dänisch mit Drachenschuppen, meinte kürzlich der Schriftsteller Clemens J. Setz. Zugleich prägt die Trilogie ein typisch isländischer Stolz auf Sprache und Literatur als Trägerinnen der kulturellen Identität. Sjón zelebriert die „Biomasse der Dichtung“: „Sie setzt sich zusammen aus wundersamem Material, das zu keiner der drei bekannten Lebenswelten unserer Erde gehört – nicht zum Tierreich, nicht zum Pflanzenreich, nicht zum Reich der Steine – , und doch ernährt sie sich von allen dreien; die Dichtung kommt vom Menschen, und der Mensch ist von dieser Welt.“

Als Fazit eines mehr als zwanzigjährigen Schreibprojekts mit ausdrücklichem Totalitäts-Anspruch enttäuscht das allerdings ein wenig. Und so wiegen die drei Einzelteile von „CoDex 1962“ schließlich mehr als ihre Summe. Das mindert jedoch keineswegs das langsam anlaufende, dann aber hochtourige Lesevergnügen im Zeichen von Genom und Golem.

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