"Das sitzt!"

Dieter Kühn leistet einen wenig überzeugenden Beitrag zum Schiller-Jahr

Von YAAK KARSUNKE

Der spanische Aphoristiker Ramón Gómez de la Serna war der Ansicht, eine Jahrhundertfeier bestehe darin, "dass wir die Gipsbüste des Gefeierten mit dem Staubwedel säubern". Inzwischen ist dieses Ritual um den Brauch erweitert worden, den teuren Toten noch einmal unter einer Lawine von Publikationen endgültig zu begraben - was zur 200. Wiederkehr seines Todestages zur Zeit Friedrich Schiller widerfährt.

Bombensichere Einlagerung

Jeder Verlag, der auf sich hält, wartet mit (mindestens) einem Beitrag zum Schiller-Jahr auf, den des S. Fischer Verlags liefert Dieter Kühn, der 1999 erfahren hatte, dass in den Werkstätten des Konzentrationslagers Buchenwald während des Zweiten Weltkriegs Kopien von Möbeln aus dem Schillerhaus angefertigt wurden. Mit diesen "Zweitstücken" - u.a. der Schreibtisch sowie das Sterbebett des Dichters - wurde im Herbst 1943 Schillers Arbeits- und Sterbezimmer ausstaffiert, weil die NS-Behörden das Schillerhaus "luftschutzhinsichtlich" für unsicher hielten, die Originale wurden "splitter-, trümmer- und bombensicher" andernorts eingelagert.

Schillers Schreibtisch in Buchenwald (so der Titel des nun erschienenen Buches) wurde für Kühn zum Ausgangspunkt vielfältiger Recherchen und Überlegungen, deren Ergebnis er jetzt als "Bericht" (Untertitel) vorlegt. Im Text selbst ist auch von einer "Skizze" die Rede: der Autor entwirft ein zu schreibendes Buch, notiert Vorhaben und Pläne, korrigiert sich oder fällt sich auch (manchmal peinlich) selbst ins Wort: "NEIN, SO GEHT ES NICHT! Charlotte Schiller darf, Charlotte Schiller dürfte nicht bloß erwähnt werden! Diese Frau hat, diese Frau hätte allen Anspruch auf gebührenden Spielraum im Text." (Was sie dann letztendlich wirklich bekommt, sind anderthalb von rund 250 Seiten.)

Ein Autor, der einen historischen Stoff bearbeitet, sieht sich zwei Hauptschwierigkeiten gegenüber. Zum einen: wie kommt er in das geschichtliche Material hinein - und wie findet er, zweitens, wieder heraus? Kühn hat mit bemerkenswertem Fleiß Quellen studiert und ausgewertet, Zitate exzerpiert und Fakten gesammelt - bei der literarischen Bewältigung seiner zahllosen Fundstücke ist er gescheitert.

Zu viele Interessen und Intentionen des Verfassers gehen durcheinander, stehen sich gegenseitig im Weg und behindern einander. Die Flucht des jungen Schiller aus Stuttgart, seine literarische Produktion von der Räubernbis zum Demetrius, die Schiller-Rezeption und -Adaption der Nazis, die Geschichte der Stadt Weimar und des KZ Buchenwald, Schiller und die Frauen, Schiller und Goethe, das Verhältnis des NS-Staats zu beiden, "zu Lebensgeschichte und Werkgeschichte: die Krankengeschichte", der Luftkrieg, Schillers Shakespeare-Übersetzung, Mussolinis Napoleon-Stück: alles muss erwähnt, dargelegt, referiert und wiedergegeben werden. "Kunst", hat Max Liebermann einmal gesagt, "besteht im Weglassen."

Knochenharter Turbo-Autor

Kühns Kompilation hingegen überhäuft den Leser mit einer Fülle von Details, die mit atemloser Flüchtigkeit aneinander gereiht werden, ohne dass der Autor sich die Zeit für ein paar mehr als oberflächliche Gedanken und Anmerkungen nimmt. Statt dessen hagelt es apodiktische Zensuren und Urteile wie "Das sitzt!" oder "Schiller als Meister schlagender Formulierungen!"; wenn es etwas ausführlicher wird, liest sich das so: "Schiller war ein Turbo-Autor. Er geriet schreibend in Phasen der Überhitzung. Dabei verdampfte Atmosphärisches, es blieben vielfach blanke Formulierungen, knochenhart und knochenbleich." Das ist nun wahrhaft knochenhart und -bleich formuliert, nur lassen sich in dieser Tonlage zwischen Schulfunk und Volkshochschule weder Zeit- noch Geistesgeschichte zutreffend behandeln, und die überreich den Text punktierenden Ausrufezeichen machen ihn auch nicht überzeugender.

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