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Sittsamkeit und Provokation

Sich auf den Islam berufen: Ein Sammelband von Nilüfer Göle und Ludwig Ammann widmet sich Fremdbildern und Selbstdarstellungen von Muslimen

Von ALEXANDER FLORES

Der Islam findet in den letzten Jahren eine kontinuierlich verstärkte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Das betrifft die globale Auseinandersetzung zwischen "dem" Westen und "dem" Islam ebenso wie die innergesellschaftliche Auseinandersetzung in Europa zwischen der Mehrheitsgesellschaft auf der einen und den angeblichen Gegengesellschaften muslimischer Migranten auf der anderen Seite. Die west-europäischen Staaten erscheinen so als Bannerträger einer human-aufklärerisch verstandenen Moderne, die Muslime gelten als beseelt von ihrer Religion, die sie angeblich gegen diese Aspekte der Moderne hermetisch abdichtet - eine allzu einfache Weltsicht, die gleichwohl weit verbreitet ist.

Da ist jede Publikation, die diesem Bild begründet widerspricht, willkommen, zumal wenn sie, wie der vorliegende Sammelband, ihren Widerspruch auf der Grundlage so breiten Materials einlegt. Er ist aus einem Forschungsprojekt am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen hervorgegangen. Gegenstand des Bandes ist die Art und Weise, wie der Islam in zwei Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, Türkei und Iran, und in der europäischen "Diaspora" öffentlich sichtbar gemacht wird.

Diesem Gegenstand nähern sich die Beiträge von sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten aus. Ihre gemeinsame These ist, dass die heutigen Muslime beziehungsweise die islamisch geprägten Gesellschaften von global wirkenden Modernisierungsprozessen zutiefst erfasst sind, dass sie in diesem Kontext, also modern, darauf reagieren und dass die Reaktion bei vielen von ihnen darin besteht, gleichberechtigte Teilhabe einzufordern, und zwar unter Betonung ihrer Eigenschaft als Muslime. Das strapaziert dann wieder die öffentliche Sphäre, soweit sie säkular konzipiert ist, und nötigt gegebenenfalls zu ihrer Revision im Sinne wahrer Multikulturalität.

Öffentlich und privat

Im ersten Teil des Bandes werden die Grundkonzepte der Untersuchung umrissen: Nilüfer Göle stellt die Grundthesen des Projekts vor und situiert die Einzelbeiträge in dessen großem Rahmen; Christian Geulen reflektiert über die Entwicklung des Öffentlichkeitsbegriffs; Ludwig Ammann zeichnet die Geschichte des Verhältnisses von Öffentlichem und Privatem im islamischen Bereich nach. Der zweite, bei weitem umfangreichste Teil des Buchs besteht aus den Fallstudien über die Türkei, Iran und muslimische Migranten in Europa. Die kemalistische Türkei hat ein radikal laizistisches Konzept von Öffentlichkeit gesetzt; islamische gesellschaftliche Kräfte, die sich öffentlich behaupten wollen, müssen darauf Rücksicht nehmen oder versuchen, es zu ändern. Das wird hier am Beispiel der Nurcu-Bewegung, von islamischen Kaffeehäusern in Istanbul und der islamistischen Romanliteratur der letzten beiden Jahrzehnte gezeigt.

Für Iran werden die öffentliche Sphäre, der Auftritt von Frauen in der Öffentlichkeit und die Widerstandsformen rebellischer Jugendlicher in Teheran untersucht. In Iran, wo die Regierung seit 1925 ebenfalls säkulare Konzeptionen verfocht, kam mit der islamischen Revolution 1979 eine islamistische Regierung zur Macht und drückt seitdem unter Anwendung staatlicher Machtmittel der ganzen Gesellschaft eine rigide islamische Lebensweise auf.

Jeder Versuch der Verteidigung oder gar Ausweitung autonomer Räume gerät mit dem islamischen Staat in Konflikt. Gleichzeitig erfasste die Modernisierung größere Teile der Gesellschaft und vermehrte so zivilgesellschaftliches Potential. Am Beispiel der Frauen: Die islamische Revolution verschlechterte ihren rechtlichen Status und schrieb ihnen den Schleier per Dekret vor. Frauen studieren aber sehr viel häufiger und nehmen ungleich stärker am öffentlichen Leben teil als vor der Revolution; ihre rechtliche Diskriminierung wird von Frauenrechtlerinnen heftig in Frage gestellt - mit religiösen Argumenten, wie unter den gegebenen Umständen ratsam, aber unter Berufung auf alternative islamische Konzeptionen.

Den Frauen wurde ein Kopftuch verpasst, aber unter ihm tut sich mehr, als man sich träumen lässt, wenn man seine Wahrnehmung aufs Kopftuch konzentriert. Für die islamische Diaspora in Europa werden die Religiosität junger Muslime in Frankreich und Deutschland, die Tabligh-Bewegung in Frankreich sowie die Erfahrungen und Aktivitäten moderner muslimischer Frauen in Deutschland untersucht. Auch hier tritt ein inhärenter Widerspruch wieder besonders im Hinblick auf die Frauen hervor. Muslimische Frauen in der Diaspora wollen sich behaupten und dies auch nach außen dokumentieren. Dazu gehört das Tragen des Kopftuchs - traditionell Symbol der Zurückhaltung, hier aber geradezu provokativ zur Schau gestellt. Dazu gehört auch die Betonung eines traditionellen Frauenbildes - die Frau als Mutter und Hüterin des Hauses, dem aber diese Frauen schon durch ihren Aktivismus widersprechen.

Im dritten Teil des Bandes finden sich noch grundsätzliche Überlegungen zur Öffentlichkeit in muslimischen Gesellschaften, zum Anderssein im öffentlichen Raum und zur Instrumentalisierung von Religion in Auseinandersetzungen, die keinen genuin religiösen Charakter haben und die der Autor, einer Mode folgend, Identitätskämpfe nennt.

Imperative des modernen Lebens

Die hier untersuchten Gruppen, sehr unterschiedlich im Einzelnen, sind doch alle modern und agieren entsprechend. Der Islam, auf den sie sich berufen und den sie als distinktives Merkmal hervorheben, ist nicht der traditionelle Islam ihrer Eltern. Er "erscheint nun nicht mehr als selbstverständliche Norm, die in sozialer Einbettung von Generation zu Generation weitergegeben wird, sondern er ist jetzt Diskontinuitäten und Brüchen ausgesetzt", schreibt Göle. "Der Islam, traditionell eine bindende Kraft unter all jenen, die einem bestimmten lokalen Zusammenhang, einer bestimmten Konfession und einem bestimmten Nationalstaat angehörten, wird heute zum Bezugspunkt für ein imaginäres Band zwischen sozial entwurzelten Muslimen." Es handelt sich aber hier auch nicht mehr um den revolutionären Islamismus der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern um eine neue, desillusionierte und integrationsbestrebte Generation, die "das islamische Anderssein (beansprucht) und gleichwohl gewisse Imperative des modernen Lebens (akzeptiert)".

Direkte praktische Nutzanwendungen schlägt dieser Band nicht vor. Er ist Widerspruch gegen das und Warnung vor dem oben angedeuteten einfachen Zerrbild von den westlich-islamischen Beziehungen; er gibt mit der Untersuchung einiger Facetten einen Eindruck von der Komplexität der realen Situation heutiger Muslime und ihrer Einbettung in die moderne Welt; und er liefert einige sehr anregende Reflexionen über diese Problematik, die uns alle mit Sicherheit noch lange beschäftigen wird.

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