Pop im Sinne des Propheten

Julia Gerlach gibt einen exzellenten Einblick in Debatten und Bekenntnisse junger Muslime in Deutschland.

Von ANTJE SCHRUPP

Das Bild verfestigt sich: Muslime sind irgendwie dazwischen. Zwischen Pop und Dschihad, zwischen Ramadan und Reeperbahn lokalisieren sie zwei Veröffentlichungen, die versuchen, dem offenbar noch immer nicht als selbstverständlich empfundenen Phänomen eines deutschen Islam auf die Spur zu kommen. Auch wenn die unglückliche Titelwahl nur verlegerischer Fantasielosigkeit geschuldet sein mag, so ist doch die Assoziationskette klar: Die Muslime sind noch nicht richtig "hier", sondern auch noch ein bisschen "dort", irgendwo verläuft eine imaginäre Grenze, die heute und gestern, Aufklärung und Rückständigkeit, Abend- und Morgenland, gut und böse voneinander scheidet.

Das sollte aber niemanden davon abhalten, das wirklich exzellente Buch von Julia Gerlach zu lesen. Mit großer Sachkenntnis gibt sie Einblick in eine inner-muslimische Debatte, die noch kaum zur Kenntnis genommen wird: die Entstehung einer pop-islamischen Bewegung, vorangetrieben von engagierten, meist gut ausgebildeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie wollen Religion und Karriere, Trendbewusstsein und islamische Traditionen, Bekenntnis zur Herkunftskultur und Integration in Europa miteinander vereinbaren.

Dafür hat die Politik- und Islamwissenschaftlerin viele Interviews geführt, sich durch arabische Soaps und Talkshows gezappt, mit Vertreterinnen und Vertretern muslimischer Organisationen gesprochen und ist durch zahlreiche Internetforen gesurft. Ihre These lautet: Auch wenn die hier vertretenen Ideen und Vorstellungen sich an vielen Stellen deutlich von westlichen, liberalen Überzeugungen unterscheiden, sollte die Mehrheitsgesellschaft mit diesen Jugendlichen einen Dialog führen, ihnen realistische Möglichkeiten für eine Integration bieten und sich mit ihren Anliegen auseinandersetzen, anstatt einfach alles unter das Verdikt "islamistisch" zu stellen. Denn dieselben Jugendlichen, denen der Pop-Islam die Vision eines friedliebenden, sozialen und gleichwohl "rechtgläubigen" Muslimseins ausmalt, werden ebenso von extremistischen Hardlinern umworben, die für den Kampf gegen den Westen rekrutieren.

Friedlich und rechtgläubig

Es ist in der Tat eine sehr ambivalente Welt, die sich hier auftut. Gerlachs Ausgangspunkt ist die Debatte, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in der islamischen Welt aufgebrochen ist. Viele bis dahin weitgehend säkularisierte Musliminnen und Muslime begannen, sich mit ihrer Religion zu befassen: Ist der Islam wirklich gewalttätig? Rechtfertigt er den Terror? Alle, die in diesem Buch zu Wort kommen, beantworten diese Frage mit einem kategorischen Nein. Doch das Erschrecken über das Bösewicht-Image, das der Islam in der westlichen Welt seither hat, führte sie nicht etwa zu einer Annäherung an einen Liberalismus westlicher Couleur, sondern im Gegenteil zu einem umso entschiedeneren Bekenntnis zu einem guten, friedlichen, freilich aber auch klare Regeln vorgebenden Islam. Dieses Bild möchten sie nun in Deutschland verbreiten: Junge Frauen ziehen Kopftücher an und verteilen Butterbrote an Obdachlose oder gründen Frauenzentren. Junge Männer verzichten auf Alkohol und Disco und machen stattdessen Sozialarbeit mit sozial gefährdeten Kindern. Beide Geschlechter bemühen sich um gute Bildungsabschlüsse und wirtschaftlichen Erfolg.

Ihre wichtigste Frage bei all dem ist die nach "erlaubt" und "verboten" - der feste Wille zu einer Lebensweise, die genauestens den von Koran und Prophet vorgegebenen Regelungen entspricht, ist sozusagen das Erkennungszeichen der Bewegung. Orientierung geben dabei, wie in jeder Popkultur, einzelne Stars. Zum Beispiel der Fernsehprediger Amr Khaled, der via Satellit auch in Deutschland auf den Bildschirmen präsent ist. Oder Scheich Yusuf al Qaradwi, auf dessen Internetseite sich Anweisungen für alle Lebenslagen finden lassen. Beide sind für westliche Vorstellungen jenseits der Grenze des Akzeptablen, stehen aber im inner-muslimischen Diskurs für eher moderate Sichtweisen, wenn sie etwa zu Gewaltverzicht und Respekt vor Frauen mahnen.

Den zwiespältigen Befunden ihrer Recherche geht Julia Gerlach nicht aus dem Weg. Sie gibt keine pauschalen Antworten, sondern macht nur die Komplexität der Situation sichtbar. Ihre differenzierte Schilderung inner-muslimischer Diskussionsstränge, von Positionen, Personen und Institutionen, ist dabei ein unverzichtbarer Fundus für alle, die an dem Thema interessiert sind. Offen bleibt allerdings die Frage, in welchem Verhältnis die hier porträtierten Pop-Muslime zu denjenigen Stimmen stehen, die für eine kritischere, aber nicht minder glaubensfeste Auslegung des Korans stehen. Wie etwa das Zentrum für islamische Frauenforschung in Köln, die niederländische Journalistin Nahed Selim mit ihrem Buch Nehmt den Männern den Koran! oder die Tochter des Milli-Görüs-Gründers, Emel Abidin-Algan, die ihre Entscheidung, das Kopftuch abzulegen, religiös und nicht säkular begründet. Das Spektrum des Islam bewegt sich ja nicht nur zwischen radikalen Gewaltpredigern und friedlichen, indes sehr konservativen Pop-Muslimen, sondern ist viel breiter.

Dogmen und Klischees

Noch viel undifferenzierter ist jedoch das Bild, das Rita Breuer zeichnet. Sie handelt die zentralen Fragen ab, die hier zu Lande als muslimische "Integrationsprobleme" in der Diskussion sind: die Zwangsehe, das Kopftuch, den Schwimmbadbesuch, bireligiöse Ehen, Speisevorschriften und so weiter. Kapitel für Kapitel referiert sie dabei Positionen und Ansichten, die von den offiziellen muslimischen Institutionen sowie einschlägigen Rechtsgelehrten vertreten werden - allesamt sehr rückwärtsgewandt und antiliberal. Das ist aber in etwa so sinnvoll, wie aus den päpstlichen Dogmen zur Empfängnisverhütung oder zur Wiederheirat von Geschiedenen auf die Ansichten und Verhaltensweisen deutscher Katholiken zu schließen. Breuer präsentiert diese sehr konservativen Positionen so, als seien sie nicht nur derzeit weit verbreitet, sondern auch die einzig mögliche Interpretation muslimischer Rechtgläubigkeit. Damit gibt sie ihnen eine Autorität, die sie nicht verdienen.

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