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Der Sinnbildung eine Stätte bieten

Georg Simmels Denken ordnen: Im Begriff der "Kulturphilosophie" hat Wilfried Geßner einen roten Faden gefunden

Von Thomas Meyer

Wenn es um die Ahnenreihe der Kulturphilosophie geht, dann taucht immer wieder der Name Georg Simmel (1858 - 1918) auf. Das war nicht immer so: Adornos Diktum von 196: "Simmels Philosophie bedient sich, wie Brecht allem Feinsinn gegenüber es zu nennen pflegte, des Silbergriffels; die Fiber des Gedankens kapituliert vorm Kunstgewerbe" ist inzwischen selbst historisch geworden - interessant an ihm ist allenfalls noch die Selbstüberschätzung seines Autors. Die bei Suhrkamp erscheinende Ausgabe von Simmels Schriften und gewichtige Monographien haben ihn in den letzten zehn Jahren erfolgreich von dem Vorurteil befreit, er sei in erster Linie ein Vielschreiber ohne wirklichen Gedanken. Gleichwohl ergeben sich immense Schwierigkeiten, Simmels Gedankenwelt auf einen Nenner zu bringen. Das hängt nicht nur mit vielfältigen Fragestellungen ab, die ihn beschäftigten, den zahlreichen Überarbeitungen seiner Bücher und der Sprunghaftigkeit der Argumentation, sondern auch mit der für seine Zeit typischen Mischung aus Faszination und Skepsis gegenüber Systementwürfen.

Willfried Geßner glaubt in seiner Habilitationsschrift Der Schatz im Acker eine Spur gefunden zu haben, die eine ordnende Rekonstruktion von Simmels weitverzweigtem Denken verspricht. "Kulturphilosophie" lautet das Zauberwort, dessen gleichzeitiger Weite und Inhaltsleere sich Geßner bei seiner Lektüre anvertraut. Im Rahmen der Analysen will er Simmel als kulturkritischen Philosophen rehabilitieren, dessen Werk eine "Einheit" darstelle. "Die Problematik der Kultur bildet den ?roten Faden', der den Weg seines Denkens als Entwicklung begreifbar macht." Geßner achtet dabei sehr genau auf die einzelnen Stadien in Simmels Werkgenese, die in der Völkerpsychologie seiner Lehrer ihren Anfang nahm, um dann den gesamten Kreis der Kulturphänomene auszuschreiten. Indem Geßner immer wieder die Anfänge von Simmels Denken in Erinnerung ruft, entsteht nach und nach ein Gewebe, das mit gutem Grund den Namen "Kulturphilosophie" tragen kann. Denn "Kultur" ist einer wenigen Begriffe, an denen Simmel Zeit seines Lebens festhielt.

Besondere Bedeutung für die Arbeit besitzt die Philosophie des Geldes (1900/1907). Geßner sieht darin den alten Streit zwischen "Psyche" und "Physis" geschlichtet. Im vermittelnden Symbol "Geld" zeigt sich die Möglichkeit von Objektivität. Diese Objektivität, nach Simmel genauso wie der Begriff "Wert" Ergebnis einer sozialen Konstruktion, ist positiv gesetzt. Sie gewinnt sich aus den geistigen Erzeugnissen der kulturellen Subsysteme wie Kunst, Politik oder Wirtschaft. In diesen Systemen ergibt sich nämlich ein Spiel zwischen spezifischen Zeichensystem und dem jeweiligen herrschenden "Geist", das "eine alle Grenzen sprengende Eigendynamik" entwickelt.

Geßners Arbeit bleibt an dieser Stelle aber nicht stehen, sondern begreift Simmels späte Kulturphilosophie als "Kritik an der Kultur". Feste Begrifflichkeiten, wie etwa Wahrheit, lösen sich auf, je weiter die "Eigendynamik" um sich greift. Nach und nach wird der evolutionäre Hintergrund von Simmels Denken freigelegt. Wichtig ist dabei, dass die hier präsentierte Kulturkritik nicht als bloß negative verstanden wird. Naheliegend wäre das schon, denn Simmels Rede von der "Tragödie der Kultur" führt nicht grundlos zum wenig originellen Chauvinismus der Schriften zum Ersten Weltkrieg. Anderseits kann Geßner nachweisen, dass die Rede von der "Tragödie" in erster Linie als Warnung vor kultureller Erstarrung zu verstehen ist. Kommt die Eigendynamik der Austauschprozesse zum Erliegen, drohe der Kultur der Zusammenbruch. Denn Kultur ist jener Ort, wo Sinnbildung überhaupt nur geschehen kann. Diesem Ort versucht Simmel die Philosophie bereitzustellen. Damit ist die Fragilität der Kultur nicht aufgehoben, aber man kann verstehen, in welchem Rahmen einem Chancen und Gefahren begegnen können. Instruktive Analysen liefert Geßner darüber hinaus zu Simmels Sicht der Geschichte und zur Philosophie als "kulturelle Form". Denn auch die Philosophie kann keinen exklusiven Ort für sich beanspruchen: Sie unterliegt den gleichen Prozessen wie die anderen Subsysteme, deren Beschreibung sie zunächst liefert.

Geßner verzeichnet die Konsequenz daraus, die "Relativität der Weltbilder", als Gewinn. "In Simmels eigenem Werk verkörpert sich der Begriff der Philosophie als ein Suchen, das auch dann nicht fruchtlos bleibt, wenn es seinen Abschluss nicht im Finden hat." Das ist wenig tröstlich, aber auch verständlich: Denn metaphysischen Balsam aus Simmel herauskratzen zu wollen, wäre doch entschieden zu viel verlangt. So einleuchtend Geßners Analysen auch sind, überzeugen können sie nicht. Das liegt einmal an der Anlage der Arbeit. Der Autor kann sich nie entscheiden, wie weit Simmel in die Diskurse seiner Zeit eingebettet werden soll. Manches wird mitgeteilt, anderes verschweigt er grundlos. Inzwischen ist man etwa sehr gut über die Beziehungen zwischen Simmel und Ernst Troeltsch durch Friedemann Voigt unterrichtet. Auch Simmels "Entfremdung" von der Religion, wie sie Hans Liebeschütz eindringlich beschrieben hat, findet bei Geßner keine Beachtung. Es wird nicht klar, inwieweit Simmels Denken Vorhut oder Rückfall ist.

Hinzu kommt ein noch gewichtigerer Einwand: Die Habilitationsschrift möchte neben der Rekonstruktion von Simmels einheitlicher Kulturphilosophie einen ideengeschichtlichen Beitrag leisten: Simmel als Vorläufer und Wegbereiter Ernst Cassirers. Das ist einerseits wenig originell, andererseits schlecht ausgeführt. Cassirer hat sich häufig mit seinem frühen Lehrer auseinander gesetzt, zuletzt sehr kritisch mit dem Konzept einer "Tragödie der Kultur". Doch davon findet sich bei Geßner keine Spur, stattdessen begnügt er sich mit Hinweisen, Begriffs- und Zitatübernahmen und überlässt den Rest dem Leser. So wäre zur Illustration des angeblichen Einflusses unbedingt nötig gewesen, Hermann Cohens Philosophie kontrastierend einzuführen. Doch auch das unterbleibt. Die große Monographie über Simmel steht noch immer aus.

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