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Sinn und Wert des Lebens - Viktor Frankl starb vor 25 Jahren

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25. Todestag Viktor Frankl
Viktor Frankl, Wiener Psychiater und Holocaust-Überlebender, in seinem Arbeitszimmer. © Robert Jaeger/APA/epa/dpa

Seine 32 Bücher wurden in 50 Sprachen übersetzt. Er ist einer der großen Sinn-Sucher. Der vor 25 Jahren gestorbene Arzt und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl gilt in Krisenzeiten als hochaktuell.

Wien - Die Frage lautet nicht: „Was habe ich vom Leben zu erwarten?“, sondern: „Was erwartet das Leben von mir?“ Das ist der Kerngedanke in der Philosophie des Wiener Psychiaters und Holocaust-Überlebenden Viktor Frankl (1905-1997), der sich in seinem Werk intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinandergesetzt hat - und dem aktiven Part, den jeder dabei zu spielen hat.

„Jeder Mensch, solange er atmet, hat einen ganz klaren Sinn-Auftrag“, sagt Annemarie Moser vom Vorstand des Frankl-Zentrums in Wien. Gerade in einer Zeit voller Krisen und Konflikte sowie dem Infragestellen des „Weiter so“ sei Frankl, der vor 25 Jahren (2. September) gestorben ist, ein hochaktueller Begleiter.

Die Ohnmacht, die Resignation, die Depression, die viele Menschen angesichts der Weltlage empfänden, sei das Gegenteil von Frankls Lehre, sagt Moser. Es gehe im privaten wie im öffentlichen Kreis jederzeit um menschenfreundliches Tun, Gestalten, um das sinnorientierte Übernehmen von Verantwortung. „Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen“, schreibt Frankl. Nach der Lehre des gebürtigen Wieners, dessen 32 Bücher in 50 Sprachen übersetzt wurden, kann das Leben umso sinnvoller werden, je schwieriger es wird.

Vier Konzentrationslager überlebt

Der Arzt und Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse wusste jedenfalls, wovon er sprach. Der bekennende Jude Frankl schlug im Nationalsozialismus seine Chance zur Flucht in die USA aus. Er blieb in Österreich, um seinen jüdischen Patienten helfen zu können und seinen Eltern beizustehen. 1942 wurde er deportiert und kam in vier verschiedene Konzentrationslager. Fast seine gesamte Familie starb im KZ. Frankls Erfahrungen in den Lagern wurden zu einem Schlüsselerlebnis, das er im Buch „....trotzdem Ja zum Leben sagen“ verarbeitete.

Der internationale Bestseller ist keine Abrechnung, sondern ein Bekenntnis zur Möglichkeit, selbst unter solch extremen Umständen noch Herr über sein Verhalten und seine Haltung zu bleiben. „Ihr könnt mir alles antun, aber ihr habt nie in der Hand, wie ich darauf reagiere“, so Frankl. Er beschrieb die NS-Gräuel, aber erwähnte auch, dass zumindest einzelne SS-Männer die Gefangenen nicht schlugen oder ihnen sogar auf eigene Kosten Medikamente besorgten.

Super-Star in den USA

Darüber hinaus lehnte Frankl eine Kollektivschuld der Deutschen ab. Diese Ansicht mag laut Moser ein Grund sein, warum der Arzt, der im Laufe seines Lebens 29 Ehrendoktorate internationaler Universitäten bekam, im deutschsprachigem Raum eher unbekannt blieb. „Seine Ansicht passte nicht ins Bild, er erhielt sogar Morddrohungen“, sagt Moser. „In den USA ist er dank seiner Veröffentlichungen ein Super-Star“. Auch in Südamerika und Asien sei Frankl bekannter als in seiner Heimat Österreich.

Diese sehe sich eher als Hort der Psychoanalyse Sigmund Freuds (1856-1939), meint Moser. Während Freud aber den Trieben eine große Rolle zumaß, hielt sein sich später von ihm distanzierender Schüler Frankl viel von der „geistigen Dimension“ als wichtiges Handlungsmotiv. Dazu gehören unter anderem Humor und Gewissen.

Überzeugt von der Bedeutung und Einmaligkeit jedes Menschen lehnte Frankl Suizid kategorisch ab. Schon als Medizinstudent gründete er 1928 in Wien eine Beratungsstelle für junge Menschen in seelischer Not und erreichte mit einer Sonderaktion für Schüler zur Zeit der Zeugnisverteilung, dass die Zahl der Selbstmorde wegen schlechter Leistungen auf Null sank. Eines der Rezepte: Den nach dem Sinn ihres Daseins fragenden Jugendlichen wurden ehrenamtliche Tätigkeiten vermittelt.

Wie Frankl seine Höhenangst überwand

Nach der Befreiung aus dem KZ - zuletzt war der Mediziner im Nebenlager Türkheim des Konzentrationslagers Dachau inhaftiert - geriet Frankl zunächst in eine Lebenskrise. „Ich bin unsäglich müde, unsäglich traurig, unsäglich einsam“, schrieb er - konfrontiert mit der Ignoranz vieler Zeitgenossen gegenüber dem Holocaust - in einem Brief an Freunde 1945. Und das sei kein Widerspruch zu seiner felsenfesten Lebensbejahung. „Ich sehe zunehmend ein, dass das Leben so unendlich sinnvoll ist, dass auch im Leiden und sogar im Scheitern noch ein Sinn liegen muss.“

Für seine Hobbys Extrembergsteigen und Fliegen fand er eine überraschende Begründung, nämlich die eigene Höhenangst zu überwinden. Diese Methode der paradoxen Intention empfahl er auch seinen Patienten: Der Mensch könne stärker sein als die Angst. Ganz generell fasste Frankl seine Erkenntnisse so zusammen: „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet. Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“ dpa

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