Ein Singen über den Köpfen

Julia Encke untersucht die literarische und psychologische Mobilmachung der Sinne zwischen 1914 und 1934

Von OLIVER PFOHLMANN

"Liebe Eltern, anbei Ansicht vom Kasino mit zerschossener Tür", schrieb Ernst Jünger 1915 auf die Rückseite eines Fotos. "Hebt bitte alle meine Bilder auf, ich möchte sie als Andenken sammeln." Offenbar grassierte auch unter Jüngers Kameraden die damals an der Front verbreitete Amateurfotografie. Im Nachlass Jüngers fand sich eine ganze Sammlung mit rund 200 Bildern aus den Weltkriegsjahren, Aufnahmen von zerstörten Kirchen oder Szenen aus dem Frontalltag: Männer beim Befestigen von Gräben oder beim Trinkgelage.

Eines der Fotos zeigt Jünger lesend im Schützengraben, ein anderes nur mit einem Handtuch beschürzt beim Sonnenbad - bizarre Erinnerungsbilder aus den langen ruhigen Zwischenzeiten im Krieg, wie sie in dieser Zeit massenhaft entstanden. Die mit den ersten handlichen Apparaten wie der "Bubi" festgehaltenen Motive blieben wie bei Jünger auffallend statisch, die "Frontschweine" porträtierten sich gegenseitig. Selten wagte es einer, die Kamera über den Schützengraben zu halten. Zu sehen war dann wenig mehr als eine menschenleere Mondlandschaft mit einem fernen Stacheldrahtgewirr. Dass Aufnahmen von Kampfszenen eine Seltenheit blieben, verwundert nicht. Im Ernstfall betätigte man doch lieber den Abzug seines Gewehrs als den Auslöser der Kamera.

Ein ganz anderes Antlitz des Weltkrieges präsentierte Jünger dagegen in den Weimarer Jahren. In seinem gleichnamigen Bildband mit "authentischen" Amateuraufnahmen dominiert die Action. Todesmutig klettern da die Soldaten aus den Gräben und stürmen dem Feind entgegen, ungeachtet der neben ihnen einschlagenden Granaten. Oft genug freilich war die Action ein Produkt des Labors, nicht des Schlachtfelds. Denn das Medium Fotografie ist nicht erst seit den Möglichkeiten heutiger Bildbearbeitung trügerisch. Julia Encke, die in ihrer instruktiven Dissertation die literarische und psychologische Mobilmachung der Sinnesorgane im und nach dem Ersten Weltkrieg untersucht, macht an vielen der von Jünger präsentierten Bilder nachträgliche Retuschen kenntlich, aufgesprühte Explosionen oder eingezeichnete Einschläge.

Jüngers Bildbände, Parallelaktion

Jüngers Bildbände waren eine Parallelaktion zu seiner politischen Publizistik in den zwanziger Jahren, lautet Enckes überzeugende These. Die Niederlage von 1918 sollte in einen Triumph des Willens verwandelt werden, das geschlagene Volk sich psychisch rüsten für den "kommenden Krieg". Bilderserien von Gefährlichen Augenblicken (wie ein weiterer Jüngerscher Bildband hieß) mit Schnappschüssen verunglückender Sportler sollten dem Leser ein "Schock-Training" bieten, "eine Art Trimm-Dich-Pfad" für das Überleben in der "gefährlichen Landschaft". Die Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung widerspricht damit Karl Heinz Bohrer, für den die bei Jünger zu findenden Beispiele für Momente der "Plötzlichkeit" eine rein ästhetische Angelegenheit sind, frei von allen ideologischen Verunreinigungen und Beleg für Jüngers Zugehörigkeit zur literarischen Moderne.

Während Bohrer genetische Aspekte ignoriert, untersucht Encke Jüngers jahrzehntelange Revision seines Kriegsjournals, vom Ur-Tagebuch, das dem schneidigen Stoßtruppführer auch als Merkbuch diente ("Eier: 0,50; Milch: 0,20 Kartoffeln: 1,50"), bis zur sechsten Bearbeitung von 1978. Das Ergebnis: In Jüngers Stahlgewittern blitzt und donnert es im Lauf der Zeit immer heftiger; jene Plötzlichkeitsmomente sind häufig nachträgliche Einschübe, Erweiterungen, Ausmalungen. "Jüngers ‚heißer Atem der Schlacht' entstammt der Schreibstube", folgert Encke. "Die jahrzehntelange Korrektur an den Stahlgewittern ließe sich (…) als unablässiges Retuschieren an den Bildern des Krieges beschreiben."

Es ist eine männlich heroische Lust am Erhabenen, an der Souveränität des Subjekts, die Jüngers Frühwerk dominiert. Dass er sich zur sensorischen Abhärtung seiner Leserschaft des Sehsinns bediente, ist kein Zufall, kann dieser doch die Objekte auf Distanz halten. Beim Hören ist das schwieriger, charakteristisch für das Ohr ist das Moment der Teilhabe. Nach Encke avancierte unter den Bedingungen des Stellungskrieges jedoch gerade das Gehör zum wichtigsten Sinnesorgan. "Über unseren Köpfen singt es, tief hoch", heißt es etwa im Kriegstagebuch Robert Musils. "Man unterscheidet die Batterien am Klang. tschuh i ruh oh - puimm."

Das Ohr, Einbruchstelle des Traumas

Während man in den Lazaretten das vom Trommelfeuer beschädigte Ohr als Einbruchstelle des Traumas identifizierte, entwickelten in den Dienst genommene Experimentalpsychologen wie Musils Freund Erich von Hornbostel riesige Horchgeräte, mit denen sie an der Front den Feind belauschten. Nicht umsonst sprach man vom "Maulwurfskrieg", bei dem sich Deutsche und Franzosen wechselseitig unterminierten. Die eindringlichen Beschreibungen vom Alltag der stollengrabenden Soldaten gehören fraglos zu den Stärken von Enckes materialreicher und erfreulich lebendig geschriebener Studie. Unter der Erde war man ganz aufs Ohr angewiesen - aber hörte man wirklich die Spitzhacke des Feindes? Oder nur das Klopfen des eigenen Herzens? Gerade der Ambiguität des Hörsinns widmeten sich in der Nachkriegszeit, wie Encke in luziden Interpretationen zeigt, sensiblere Autorengemüter wie Kafka oder Musil. Dem Maulwurf in Kafkas Der Bau macht ein mysteriöses Zischen die ersehnte Einsamkeit im selbstgegrabenen Labyrinth zur Hölle. In Musils Novelle Die Amsel lauscht der Protagonist einem "leisen Klingen", das allmählich zu einem singenden, auf ihn gerichteten Laut wird - der Ton eines Fliegerpfeils oder das Singen Gottes?

Wahrnehmungspsychologen arbeiteten deshalb nach dem Krieg an der Mobilmachung auch des Gehörs. Erich Waetzmanns Schule des Horchens sollte den Hörsinn so disziplinieren, dass sich künftige Krieger "der Führung des Ohres" anvertrauen konnten. Wenig später sorgten die Volksempfänger der Nazis für die praktische Erprobung. Wie aber alle Disziplinierung der Sinne sinnlos wurde, weil es nichts mehr wahrzunehmen gab, machte der Einsatz von Giftgas deutlich. Der "Hunnenstoff" Lost, das von den Deutschen entwickelte Senfgas, war praktisch geruchlos.

Julia Encke: "Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne 1914-1934." Wilhelm Fink Verlag, München 2006, 285 Seiten, 36,90 Euro.

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