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August 1949: Legere Trümmerfrauen in Berlin.

Jens Bisky

Sinfonien einer großen Stadt

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Von 1440 bis heute: Jens Bisky hat eine faszinierende Geschichte Berlins geschrieben.

In dem in den letzten Jahren zu erstaunlicher urbaner Blüte gelangten Neukölln verläuft die Hobrechtstraße vom Maybachufer im Norden des Berliner Bezirks bis zur Karl-Marx-Straße im Süden. Das Viertel ist beliebt, in den Straßen haben sich Cafés und Pop-up-Stores angesiedelt. Aber kaum ein Passant und nur wenige Einheimische dürften hier wissen, wer der Namensgeber der Straße war. Dabei ist James Hobrecht eine der bedeutendsten Personen der Berliner Stadtgeschichte. Von ihm stammt der sogenannte Fluchtlinienplan aus dem Jahre 1862, in dem festgelegt wurde, welche Grundstücke bebaut werden durften und welche Straßen und Plätze freizuhalten waren. Er sei, so schreibt Jens Bisky in seiner voluminösen Stadtgeschichte, „so etwas wie die Matrix der kaiserzeitlichen Großstadt geworden, man spürt es bis heute, wenn man durch Hobrecht-Plan-Gelände geht.“

Der Stadtplaner beließ es aber nicht bei dem nach ihm benannten Plan, der der wachsenden Stadt ein wenig Luft zum Atmen ließ. Später wurde er mit der Umsetzung seiner Pläne einer Kanalisation mit zwölf Radialsystemen beauftragt, über die die Abwässer auf die neu angelegten Berliner Rieselfeldern gepumpt wurden. Die 1893 fertiggestellten Radialsysteme machten Berlin zur Stadt mit dem saubersten Wasser der Welt.

Es sind Geschichten wie diese, die Biskys Buch zu einer lustvollen Entdeckungsreise machen. Das Grundgerüst einer Chronik, die ohne die Eckdaten der Herrschaftsgeschichte nicht auskommt, wird bevölkert mit Akteursgeschichten, die den Stoff erst lebendig machen.

Im Verlagsgeschäft hat man sich angewöhnt, Stadtgeschichten wie dieser den Gattungsnamen Biographie zu geben. Vorbild hierfür ist der britische Autor Peter Ackroyd, der Lebensgeschichten über London, Venedig oder auch die Themse geschrieben hat. Der Begriff Biographie legt nahe, dass es vor allem darum geht, dem Areal eines dicht besiedelten Gebildes einen individuellen Charakter zu attestieren. Wie ein Menschenleben verändert sich auch eine Stadt, obwohl unverkennbare Wesensmerkmale das Gesamtbild prägen.

Der Gedanke ist nicht ganz neu. In Bezug auf Berlin hat ihn der Kunstschriftsteller Karl Scheffler bereits in seiner scharfen Polemik „Berlin – ein Stadtschicksal“ aus dem Jahre 1910 genüsslich buchstabiert. Er beklagt darin die Rohheit und Stillosigkeit der preußischen Metropole, die er vor allem auf das zu schnelle Wachstum während der verspätet einsetzenden Industrialisierung zurückführt. Berlin wurde gewissermaßen von den Phänomenen des Fortschritts überrannt und hat dabei den Typus des Emporkömmlings hervorgebracht. Man kann Schefflers Buch, wie Bisky es tut, als schlecht gelaunten Kulturpessimismus auffassen, in dem durch den empörten Ton zutreffende Beobachtungen allzu leicht verloren gehen. Von Scheffler stammt die berühmte Sentenz, dass Berlin dazu verdammt sei, immer zu werden und niemals zu sein. Er interessiere sich, kritisiert Bisky, vor allem für das, was Berlin fehlt.

Bisky ist auf Neubewertung und überraschende Kontextualisierungen aus. Vieles von dem, was man heute als „Typisch Berlin“ zu bezeichnen geneigt ist, hatte sich bereits herausgebildet, ehe die kurfürstlichen Privatstädte Cölln und Berlin 1709 zu einer Stadt vereint wurden. Der „Berliner Unwille“ ist so gesehen nicht nur die historische Benennung für eine um 1440 begonnen Auseinandersetzung der Berlin-Cöllner Bürger über den Bau einer Burg auf der Spreeinsel.

Nicht minder steht Unwille, der mit der berühmten Berliner Schnoddrigkeit verwandt scheint, für den Eigensinn eines städtischen Bewusstseins, das sich anders herausbilden musste als etwa das Patriziertum der großen Handelsstädte.

Mit dem Soziologen Georg Simmel beschreibt Jens Bisky, Berliner Kulturkorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, das sich beschleunigende Großstadtleben als „fürchterlichen Nivellierer“. Die Anpassung an Reizfülle, Geldwirtschaft und Rechenhaftigkeit erschöpfe sich aber nicht nur in einer Verstandeskultur, seelischer Robustheit, sachlicher Härte sowie Blasiert- und Reserviertheit. Die große Stadt ermögliche und erfordere zugleich die Ausbildung einer urbanen Individualität. In den Großstädten, so Simmel, ringen zwei Formen des Individualismus miteinander: das Bewusstsein der Gleichheit und der Wille, unverwechselbar zu sein. Berlin war immer ein Schauplatz für beides.

Mit stilistischer Schnörkellosigkeit versteht es Bisky, soziologische Verdichtung mit historischen, architektonischen und stadtplanerischen Entwicklungen zu verbinden. Neben der Hervorhebung so berühmter Baumeister wie Johann Gregor Memhardt, Andreas Schlüter oder Karl Friedrich Schinkel bleibt genügend Raum für Berliner Lokalgeschichten. So absurd es für ein Werk von fast 1000 Seiten klingen mag, bestand die Herausforderung beim Schreiben dieses Buches wohl in der Kunst des Weglassens.

Wie verführerisch mag es für Bisky gewesen zu sein, die Rolle von Königin Luise als modernes preußisches Role-Model in Berlin zu beschreiben. Schließlich hatte es der Bildhauer Johann Gottfried Schadow in seiner Prinzessinnengruppe mit Luise und ihrer Schwester Friederike, die heute als Partygirl der Preußengeschichte gilt, schon früh vorgegeben. Bei Bisky aber kommt Luise lediglich am Rande vor, die Berliner Emanzipationsgeschichte, insbesondere auch die der Berliner Juden, rief andere weibliche Akteure wie etwa Rahel Varnhagen auf den Plan.

Ein markantes Merkmal der Berliner Geschichte in deren verschiedenen Epochen ist der Bevölkerungszuwachs. Wie ein roter Faden zieht sich die Wohnraumfrage als dauernd anwesendes kommunales Problem durch das Buch. Eine Besonderheit Berlins besteht darin, dass die arme Bevölkerung seit jeher im Zentrum siedelte, während die Wohlhabenden in die Randbezirke auswichen. Und wer die akuten Wohnungsprobleme ins Verhältnis setzt zu der in Berlin unterrepräsentierten Ausbildung von Wohneigentum, der findet bei Bisky genügend Hinweise, dass die Ursachen dafür sehr viel älter sind als die beschleunigten Verhältnisse zur Zeit der Industrialisierung.

Und die Nazi-Zeit, die Nachkriegsjahre und das Leben in der geteilten Stadt? Sie nehmen bei Bisky die opulente zweite Hälfte des Buches ein, für die ganz ausdrücklich die Kunst der gekonnten Komposition gefragt war. Scheinbar mühelos entgeht Bisky der Gefahr, in ideologischen Dichotomien zu verharren, die bis heute die Berlin-Erzählung dominieren. Den weitsichtigen und menschenfreundlichen Entscheidungen des russischen Stadtkommandanten Nikolai Bersarin, der wenige Tage nach Kriegsende die Theater wieder öffnen ließ und große Sportveranstaltungen ermöglichte, gewährt Bisky hinreichenden Raum, ohne die düstere Atmosphäre eines in weiten Teilen auch rechtsfreien Berlins zu verschweigen, in dem Vergewaltigungen durch russische Soldaten die Frauen in Angst und Schrecken versetzte. Bisky kommentiert nicht, sondern lässt die Berichte von Zeitzeuginnen für sich sprechen.

Auf die hinreichend bekannte Neigung der Berliner zur Selbstmythisierung antwortet Bisky mit klugen, oft lakonischen Zusammenfassungen. „Der Berliner Nachkrieg war eine Zeit der Paradoxien. Der Wiederaufbau ging unaufhörlich mit der Teilung einher, jeder Schritt der Normalisierung verfestigte einen anormalen Zustand, die Stadt verlor viel von ihrer Bedeutung als wirtschaftliches und politisches Zentrum und konnte dennoch der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sicher sein. Dem Volk von Berlin blieb gar nichts anderes übrig, als sich neu zu erfinden.“ Ernst Reuters paradigmatische Rede an die „Völker der Welt“ erscheint so weniger als emphatischer Hilferuf, als der er wahrgenommen wurde, sondern als geschickt inszeniertes geschichtspolitisches Narrativ.

Und während die Zeit der Teilung ideologisch gewollte Differenzierungen hervorbringt, wird Bisky nicht müde, die Analogien und Ähnlichkeiten herauszustellen. Der Soundtrack von 1968 jedenfalls war derselbe. Man hörte die Stones, Bob Dylan und Joan Baez – auf beiden Seiten der Mauer.

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