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"Ich versuche, mich von meinen Lesern fernzuhalten“, sagt  Jo Nesbø.
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"Ich versuche, mich von meinen Lesern fernzuhalten“, sagt Jo Nesbø.

Jo Nesbo

„Es sind nur zufällig Polizisten“

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Der Thriller-Autor Jo Nesbø äußert sich im FR-Interview über die Besonderheiten des Krimischreibens und das Bedürfnis nach Tiefe.

Der Thriller-Autor Jo Nesbø äußert sich im FR-Interview über die Besonderheiten des Krimischreibens und das Bedürfnis nach Tiefe.

Herr Nesbø, haben Sie eine Theorie, warum skandinavische Krimiliteratur in Deutschland so außergewöhnlich beliebt ist?

Keine Ahnung. Ich lese kaum Krimis, jedenfalls sicher weniger, als Sie denken, und eigentlich nur um zu wissen, was da so los ist. Das wissen Sie also vermutlich besser als ich, warum die Leute das lesen.

Und warum haben Sie sich entschieden, Krimis zu schreiben?

Das war eigentlich ein Zufall. Denke ich. Wissen Sie, Sie beantworten eine Frage einmal, und dann glauben Sie, die Antwort ist wahr. Und vielleicht ist sie das ja. Und die Antwort, die ich auf diese Frage schon einmal gegeben habe, lautet: Es war ein Zufall. Vielleicht ist das ja die Wahrheit. Ich wollte irgendwas schreiben und hatte nicht viel Zeit dafür. Also wählte ich etwas Einfaches, einen Krimi. Ich dachte, das kann ich in fünf Wochen. Während ich schrieb, entdeckte ich eigentlich erst den Kriminalroman. Ich war zu dieser Zeit kein besonders enthusiastischer Krimileser, ich hatte Dashiell Hammett gelesen, Jim Thompson, das Übliche halt.

Und haben Sie Ihren ersten Krimi dann tatsächlich in fünf Wochen geschrieben?

Die erste Version, ja. Aber als ich von einem Verlag angerufen wurde und die mich fragten, wie lange es dauern würde, das Buch fertig zu schreiben, sagte ich: eineinhalb Jahre.

Was macht einen Kriminalroman Ihrer Meinung nach einfacher zu schreiben? Die Genre-Regeln?

Ja, es gibt eine Struktur. Der Kriminalroman folgt bestimmten Konventionen, trifft bestimmte Vereinbarungen mit dem Leser. Das macht die Kommunikation mit dem Leser einfacher, er weiß, was los ist. Dass der Autor zum Beispiel den Leser manipuliert, aber auf eine faire Art und Weise. Das hat mich interessiert, diese Übereinkunft. Auch findet man im Krimi die grundlegendsten Techniken des Schreibens. Ich komme aus einer Familie, in der viele Geschichten erzählt werden, manchmal immer und immer wieder. Und nur Details werden verändert. Aber alles hängt ja an den Details.

Aber das macht doch im Grunde jede Familie mit ihren Geschichten.

Ja, so definieren sich Familien und auch ganze Stämme.

Sie schreiben auch Kinder- und Jugendbücher, außerdem Songtexte. Wo ist der Unterschied?

Ich glaube, es gibt keinen, es ist mehr oder weniger das Gleiche. Ob Sie einen Liedtext schreiben oder einen 500-Seiten-Roman, das macht keinen großen Unterschied. Es gibt jedenfalls mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede.

Sind also Krimis nur Märchen für Erwachsene?

Ja, der größte Teil aller Literatur sind Märchen, sie versetzen den Leser an einen anderen Ort. Natürlich gibt es Kriminalromane, die einem etwas über menschliche Beziehungen mitteilen wollen oder die eine politische Agenda haben. Aber insofern sie auch etwas über Moral sagen wollen, sind sie Märchen. Die Kriminalliteratur hat diese Aufgabe, von Richtig und Falsch zu erzählen, von moralischen Dilemmata und moralischen Fragen, von den anderen Genres übernommen. Es gibt zum Beispiel den politischen Roman nicht mehr in der Form, wie es ihn einst gab. Vielleicht ist das der Grund, warum die Welt so fokussiert ist auf skandinavische Kriminalliteratur: Weil sie den Ruf hat, politisch zu sein, Gesellschaftskritik zu üben. Ich denke aber nicht, dass meine Romane in dieser sozialkritischen Tradition stehen, eher doch in der des Hardboiled-Romans, Raymond Chandler etwa.

Aber Sie schildern doch zum Beispiel auch die Korruption innerhalb der Polizei.

Wenn Sie sich die Geschichte der norwegischen Polizei ansehen, wird Sie der Mangel an Skandalen und Korruption verblüffen. Ich nutze meine Romane also nicht, um über die norwegische Polizei zu schreiben. Der Kriminalroman handelt von menschlichen Wesen, sie sind nur zufällig Polizisten. Es ist im Grunde auch nicht wichtig, ob im Krimi jemand ermordet wird. Sie könnten auch über jemanden schreiben, der einen Penny gestohlen hat oder einen Apfel. Es geht um Menschen, die die Regeln brechen, das ist der Kern der Sache. Andererseits: einen Apfel zu stehlen, das ist zu geradlinig, zu simpel. Jemanden umzubringen ist viel komplexer. Oft wird ja nicht aus materiellen Gründen getötet, sondern wegen starker Gefühle, Leidenschaften. Auch das macht vielleicht das Skandinavische aus: In diesen Ländern müssen die Menschen nicht aus materieller Not töten. Verglichen mit dem amerikanischen Hardboiled-Roman, wo es häufig ein Drogenkartell gibt oder die Mafia oder jemanden, der wegen Geld tötet, ist das im skandinavischen Roman selten.

Gibt es Genre-Regeln, die Sie gern brechen?
Wenn Sie mich fragen, was genau die Regeln des Kriminalromans sind: Ich kenne sie nicht. Aber ich spüre es natürlich, wenn ich mich innerhalb einer Tradition bewege. Und ich nutze diese Tradition. Wenn ich das, was ich tue, spannend finde, dann breche ich vermutlich die Regeln (lacht). Und wenn es zu den Regeln gehört, dass der Kriminelle immer erwischt wird, dann halte ich mich nicht daran. Mir geht es um die innere Logik dere Geschichte. Es gibt diese Philosophie, diese Theorie, dass alles, was passiert, vorherbestimmt ist. Dass zum Beispiel das, was man gleich sagt, vom Gehirn schon entschieden ist. Dass es nur physikalische und chemische Vorgänge sind. Ich finde das interessant, denn in gewisser Weise erfinde ich eine Geschichte, der ich auf andere Weise folge, indem ich den natürlichen Wegen meiner Charaktere folge.

Bekommen Sie viele Leserreaktionen, etwa, wenn Sie eine Ihrer Figuren sterben lassen, was ja übrigens durchaus vorkommt?

Ja, ich erhalte Reaktionen, aber ich versuche doch, mich von meinen Lesern fernzuhalten. Ich nutze die sozialen Medien, etwa Facebook, nicht, ich lese nicht oft, was über meine Bücher geschrieben wird, ich gehe nicht auf Internet-Seiten, wo zum Beispiel über Harry (Hole, die Ermittler-Hauptfigur, d. Red.) diskutiert wird.

Recherchieren Sie stark für Ihre Bücher?

Ich habe Kontakte zu Polizisten, ich rufe sie an und sie helfen mir. Manchmal schreibe ich was und schicke es einem der Beamten. Ich frage dann nicht: würden Sie das so machen? Sondern: könnte das so sein? Ich schreibe ja keine Sachbücher über Polizeiarbeit, aber ich möchte doch innerhalb der Grenzen des Möglichen bleiben. In der Figur des Harry Hole wollte ich jemanden schaffen, der einerseits dem Bild des Hardboiled-Ermittlers entsprach, andererseits ein typischer norwegischer Kerl ist. Nach einer Weile entdeckte ich, dass die Kombination aus hartem amerikanischem Cop und typischem norwegischem Mann ganz gut funktioniert. Bis zu einem gewissen Grad hat Harry auch ein Eigenleben entwickelt. Der Fokus der Romane wanderte von der Handlung mehr zu Harry selbst. Wenn Sie eine Serie schreiben, haben Sie nicht nur die Chance, mehr in die Tiefe zu gehen, sondern die Figuren können sich auch ändern, zu neuen Erkenntnissen gelangen, ihr Denken verändern. Zum Guten und zum Schlechten. Es gibt ja auch den Trend zu TV-Serien statt einzelner Kinofilme. Ich glaube, der Zweistundenfilm stellt uns nicht mehr zufrieden, wir möchten als Zuschauer in die Tiefe gehen. Und wir können die Serien heute ansehen, wann wir wollen, darin sind sie wie ein Buch. Wenn ich sehe, wie die Leute sich auf eine TV-Serie konzentrieren, lässt mich das auch für die Zukunft des Romans optimistisch sein. Die Menschen sind willens, viel Zeit zu verwenden auf etwas, das sie interessiert.

Aber darf es so schräg oder neu sein, dass es sie irritiert?

Nehmen Sie TV-Serien: In diesem sehr kommerziellen Bereich amerikanischer Kultur haben Sie die interessantesten Geschichtenerzähler, ganz und gar kein Mainstream. Jedenfalls zur Zeit, mal sehen, was kommt. Oder nehmen Sie Karl Ove Knausgard, ein norwegischer Schriftsteller, der sechs Bücher über sein Leben schrieb, das ein ziemlich normales Leben war. Aber er war aufrichtig, er hat nichts ausgelassen. Die Bücher waren ein Experiment und standen auf Platz eins der norwegischen Bestsellerliste. Es ist große Literatur. Das macht mich hoffnungsvoll, was die Menschheit betrifft.

Interview: Sylvia Staude

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