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Dieses Haus war noch bewohnt, wird in den Informationen zum Dust-Bowl-Bild aus den 1930ern betont.

Marilynne Robinson „Gilead“

Wir sind nicht nur, was wir tun

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Marilynne Robinsons Roman „Gilead“ erzählt von einem, der um Gedankenfrieden ringt.

Mit „Gilead“ hat die 1943 geborene amerikanische Schriftstellerin Marilynne Robinson 2004 eine Trilogie begonnen, die mit „Home“ (2008) und „Lila“ (2014) weiterging – nicht sehr umfangreiche Romane allesamt. Und davor lag nur „Housekeeping“ (1980). Ein penibles kleines Werk. Und obwohl „Gilead“ den Pulitzer-Preis erhielt, kamen diese Romane nur unter Holpern, kam „Home“ bis heute nicht auf den deutschen Buchmarkt. Erst seit „Lila“ hat sich der Fischer-Verlag Marilynne Robinsons angenommen, die freilich auch eine wie aus der Zeit gefallene Autorin ist, da sie über Glauben, Religion, Gewissen, Moral schreibt, als müsste uns das etwas angehen, als spielten sie für die Lebensführung unbedingt noch eine Rolle und täten wir gut daran, uns mit Sorgfalt zu positionieren. In Robinsons Romanen atmet die Gedankenwelt; das bedeutet aber auch, dass sie kaum Handlung im üblichen Sinn transportieren.

„Gilead“ erschien bereits 2006 auf Deutsch im kleinen Brendow-Verlag und weitgehend unbeachtet. S. Fischer hat den Roman nun von Uda Strätling neu übersetzen lassen. Ein paar ihrer Entscheidungen teilt man nicht, etwa, wenn sie schlichte englische Wörter zu unüblichen macht (aus „died“ wird „verendet“, dies über einen Menschen), aber sie trifft Robinsons gemessenen Ton, ihre ausbalancierten Satzkonstruktionen doch sehr gut.

Er legt Rechenschaft ab

Erzähler von „Gilead“ (ein fiktiver Ort) ist Reverend John Ames, der weiß, dass sein Herz schwach wird – im wortwörtlichen Sinn –, der aber mit fast 70 noch Vater geworden ist und darum einen tagebuchartigen, langen Abschieds- und Rechenschafts-Brief an seinen kleinen Sohn schreibt. Ames’ Erinnerungen an Vater und Großvater, beide ebenfalls Priester, sind darin Thema wie auch seine „eigene dunkle Zeit (...), die Zeit meiner Einsamkeit“: Nachdem er seine erste Frau im Kindbett verloren hatte, lebte er vier Jahrzehnte allein. Bis Lila kommt – ja, die junge Frau, die in „Lila“ zur Sprecherin wird. Eine aparte Gegenperspektive, ein Dialog zwischen zwei Romanen.

Der im Jahr 1956 schreibende John Ames ist ein mild gewordener alter Mann, ein vorsichtiger „denke ich mal“-Formulierer, bestrebt, vor seinem Tod noch Menschen zu vergeben, den letzten Rest strenger, bisweilen scharf verurteilender Gedanken niederzuringen. Grund dazu hat ihm einst vor allem ein Sohn seines Freundes Boughton geboten, Jack (eigentlich: „John Ames Boughton“!), der eine 16-Jährige geschwängert, dann mit Baby im Stich gelassen hatte. Es klingt mehr als nur an, was Ames’ von dieser „Niedertracht“ hält, was ihn daran besonders umtreibt: Dass er Frau und Tochter begraben musste, umso mehr die Vaterschaft – auch seine späte – als tiefe Gnade sieht. „Tatsache ist“, schreibt er in diesem Zusammenhang, „dass ich nicht alt sein will“. Dass Lila und der für einige Zeit nach Gilead zurückgekehrte Jack sich gut zu verstehen scheinen, schwärt wie eine Wunde in ihm. Er gibt es zu.

Marilynne Robinson erzählt nicht von unerhörten Begebenheiten. Vielmehr in allen ihren Büchern von kleinen, oft mühsamen Leben, die sich freilich dadurch auszeichnen, dass diese Menschen ein Bewusstsein für ihr Geworfensein, aber auch ihre Verantwortlichkeit haben. Wir sind nicht nur, was wir tun, sondern auch, was wir denken.

Gegen die Sklaverei engagierte sich Ames’ Großvater, Robinson hat die Figur angelehnt an den kongregationalistischen Geistlichen John Todd. Der alte Mann erinnert sich an die Rücksichtslosigkeit seines Großvaters, an seine flammenden Predigten für den (Sezessions-)Krieg, daran, dass er wohl auch selbst jemanden tötete. Und an seinen wütenden, pazifistischen Vater. Er erinnert sich aber auch, wie er als Junge mit eben diesem Vater ins Dust-Bowl-Gebiet wanderte, hungernd und fast verdurstend, um das Grab des Großvaters zu suchen.

Nun versucht er, den Tag zu genießen. Die Blumen, die ihm Frau und Kind bringen. Das Sonnenlicht auf dem Haar seines Sohnes. Die rücksichtsvolle Sorge Lilas. Schreibend versucht er, ihnen etwas zurückzugeben. Und sich mit dem Ende zu arrangieren – manchmal auch gegen die Religion, wie er sie offiziell vertritt: „Ich kann nicht glauben, dass wir unseren Kummer gänzlich vergessen werden. Das hieße vergessen, dass wir gelebt haben, menschlich gesprochen.“

Marilynne Robinson: Gilead. Roman. Aus dem Englischen von Uda Strätling. S. Fischer, Frankfurt 2016. 320 Seiten, 20 Euro.

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