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Die Natur ist für die Partisanen eiskalt, aber trotzdem schön.

Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung

Wir sind nicht bedauernswert

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Aharon Appelfelds hochliterarischer Roman über jüdische Partisanen in der Ukraine setzt sich philosophisch mit der im Prinzip zurückzuweisenden Chance, dass das Entsetzliche etwas Gutes bewirken könnte, auseinander.

Aharon Appelfelds hochliterarischer Roman über jüdische Partisanen in der Ukraine setzt sich philosophisch mit der im Prinzip zurückzuweisenden Chance, dass das Entsetzliche etwas Gutes bewirken könnte, auseinander.

Dieser Roman bewegt sich auf drei Ebenen in den Regionen des normalerweise scheinbar Unmöglichen, des völligen Ausnahmezustandes.

Inhaltlich geht es um jüdische Partisanenkämpfer in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder werden anhören müssen: „Man erwartet von Juden nicht, dass sie kämpfen“ oder „Juden akzeptieren ihr Schicksal widerspruchslos.“ Wenn die jüdischen Partisanen in die Luft schießen, sind Bauern wie Dorfrowdys meistens schon fassungslos. Es entsteht aber nie der Eindruck, man müsse sich bloß wehren, dann gehe es schon. Es entsteht lediglich der Eindruck, dass es ein großes Glück ist, wenigstens versuchen zu können, sich zu wehren. Überhaupt noch etwas tun zu können, was man sich vorgenommen hat. Die Juden in den Zügen können das nicht. „Ich möchte nichts Falsches sagen. Wir leben tatsächlich in Gefahr, aber wir sind nicht bedauernswert.“

Philosophisch geht es um die im Prinzip zurückzuweisende Chance, dass das Entsetzliche etwas Gutes bewirken könnte. In der kleinen Partisanengruppe herrscht Disziplin, aber auch bedingungsloser Zusammenhalt und eine Fürsorglichkeit, die utopische Züge trägt. Der junge Erzähler wird hier vom kompliziert Pubertierenden zum verantwortungsbewussten Erwachsenen. Während die deutsche Vernichtungsmaschinerie über die Juden rollt, ist hier das Leben jedes Einzelnen das Kostbarste auf der Welt. „Wir sind wenige, aber auch wenige können Züge stoppen, die Juden in den Tod bringen sollen.“

Das Gebot der Nüchternheit

Literarisch geht es darum, das sprachlich zu bewältigen, ohne in Pathos oder Sentimentalität zu verfallen. Hierfür wählt der Autor neben der Nüchternheit als selbstverständliches Gebot der Stunde sensationellerweise auch einen biblisch hohen Ton, eine förmlich hochgestimmte Sprache. Der 17-jährige Edmund führt nach eigenem Bekunden eine Art Tagebuch, aber hier wird kein Privatstil imitiert, kein Tagebuchdekor eingeflochten, kein Innenleben ausgebreitet. Die Form dient lediglich dazu, den Erzähler im Präsenz, in kurzen Sätzen und zügig voranschreiten zu lassen, ohne dass er schon weiß, was der nächste Tag bringen wird.

Edmund erklärt, er schreibe, um später seinen Eltern von seinen Erlebnissen berichten zu können. Selbstverständlich wird er sie nicht wiedersehen. Die Situation ist künstlich und verschleiert es nicht, wobei künstlich in diesem Falle nicht bedeutet, dass sie unglaubwürdig wäre. Im Gegenteil. Wenn die Partisanen miteinander sprechen, und sie sprechen viel, dann sprechen sie hochgestimmt. „Werft den Geist der Niedergeschlagenheit ab“, sagt der Kommandant: „Ein geschändetes Volk kann sich solch einen Luxus nicht leisten.“ Die Partisanen wundern sich manchmal selbst über die Wortwahl. Aber es muss offenbar so sein.

Auch in seinem neuen Roman begibt sich der 81 Jahre Aharon Appelfeld, 1932 in Czernowitz geboren, zurück in die Zeit seiner Jugend, den Kampf ums Überleben im Holocaust im vollen Bewusstsein darüber, dass mehr als das eigene und das Leben sehr weniger anderer nicht zu retten sein wird: nicht das Leben der Eltern, die den jungen Erzähler am Bahnhof vor der Deportation angefleht haben, noch schnell zu fliehen, nicht die Welt, in der man ein Heim und eine Familie hatte, aufs Gymnasium ging und in den Sommerferien immer in dasselbe nette kleine Hotel fuhr.

Edmund findet sich in seiner neuen Situation zurecht. „Mir macht meine Veränderung insgeheim Freude“, schreibt er, als er merkt, wie er seinen Körper immer besser benutzen kann. Er schreibt auch: „Ich glaube, dass wir eines nicht sehr fernen Tages zu Geschöpfen des Waldes werden und Bäume und Gebüsch uns einhüllen werden wie ein warmer Mantel.“ Edmund ist verwirrt, wie die anderen Partisanen, er versucht wie sie, dem Leben einen Rhythmus zu geben. Es gibt „regelmäßige Mahlzeiten“, „karg bemessen, aber schmackhaft“. Abends singen sie Volkslieder, russische Revolutionslieder, Lieder aus der Jugendbewegung. An die jüdischen Riten kann nur eine alte Frau anknüpfen.

Die Partisanen sind auf der Suche nach Wurzeln, die sie erst vor einer Generation gekappt haben, Edmund denkt daran, wie sein Vater am Sabbat begeistert Proust las. „In den letzten Jahren sind Bücher unsere Hauptbeschäftigung gewesen, doch plötzlich sind wir von ihnen getrennt.“ Es gelingt den Partisanen, Bücher sicherzustellen. „Ein Leben ohne Bücher ist ein beeinträchtigtes Leben“, sagt der Kommandant, den Appelfeld und Edmund wirklich sehr schätzen.

„Kultivierung des Herzens“

Kommunisten, Atheisten, Darwinisten treffen aufeinander. „Solange ich hier Kommandant bin, ist jeder frei, seine seelischen Eindrücke auszusprechen“, sagt der Kommandant, als es laut wird. Edmund staunt über die „seelischen Eindrücke“. Der Leser aber merkt bald, wie sehr die Männer und Frauen diese Sprache brauchen. Nicht nur, um an die Vorväter anzuknüpfen und sich zu ihrem Judentum vorzuarbeiten, sondern auch: Um die „Kultivierung des Herzens“ voranzutreiben, wie der Kommandant sagt. Um überhaupt wieder Anschluss an und Vertrauen in Kultur zu finden, wie man auch sagen könnte.

„Auf der Lichtung“, einem Titel mit changierender Bedeutung, denn wer sich verstecken muss, sucht das Dunkel und sehnt sich nach dem Licht, ist ein hochliterarisches Stück Erinnerungskultur. Die Partisanen trotzen den deutschen und ukrainischen Truppen, aber auch der Verrohung und Verdummung in einem Ausmaß, wie es selten niedergeschrieben worden ist, ohne naiv zu wirken. Hier wirkt es keineswegs naiv, eher: informiert und wie das einzig Vernünftige. Appelfeld wiederum, der jünger ist als Edmund, sich aber ebenfalls in den Wäldern versteckt hat und, hier ein zwangsläufig erscheinender Weg, anschließend nach Israel ging, trotzt einem realistischen Schreiben, indem er – nun in Mirjam Presslers ausgezeichnet zu lesender Übersetzung – seine Figuren zu vielleicht tapsigen, aber jedenfalls zu Poeten macht.

Dass „Auf der Lichtung“ ein kunstvoller Roman ist, der das in keiner Hinsicht verbirgt, gibt ihm am Rande auch Gelegenheit, viele Aspekte offen artifiziell durchzugehen: Es gibt symbolbeladene Situationen in großer Zahl, und Antisemiten, Helden, Feiglinge, Anpasser können an der Partisanengruppe vorüberziehen wie in einem Lehrbuch über die Erfahrungen eines Juden. Das ist es aber nicht, sondern Literatur.

Dies alles geschieht ohne jede Verharmlosung. „Die Verzweiflung ist kein Charakterzug, an dem wir festhalten sollten“, sagt aber der Kommandant.

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