Alaskas Natur als Gegenstück zum Silicon Valley aus Eggers? Vorgängerroman "The Circle".
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Alaskas Natur als Gegenstück zum Silicon Valley aus Eggers? Vorgängerroman "The Circle".

Dave Eggers

Wir sind dann mal weg

  • vonPetra Ahne
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In seinem neuen Roman "Bis an die Grenze" schickt Dave Eggers eine kleine Familie in Alaskas Einsamkeit.

Zuerst wundert man sich, dass das jetzt der neue Roman von Dave Eggers ist. Eggers, der 47-jährige Kalifornier, ist doch in den vergangenen Jahren der große Verdichter des Zeitgeists geworden, derjenige unter den US-Schriftstellern, der wie in einem Brennglas Stimmungen und Ängste zu konkreten Geschichten über die amerikanische Gesellschaft konzentriert. Durchaus plakativ und doch unverzichtbar, weil wir die Welt erzählt bekommen müssen, um sie zu begreifen.

Nach dem Reportageroman „Zeitoun“ wusste man mehr über die Paranoia, mit der die Amerikaner seit 9/11 vermeintliche Terroristen jagen. Nach „Ein Hologramm für den König“ hatte man die Kränkung des weißen amerikanischen Mannes begriffen, die ein paar Jahre später den jetzigen Präsidenten hervorbringen sollte. Und nach „The Circle“ kannte man die Kehrseite der schönen neuen Social-Media-Welt: Kontrolle durch Transparenz. Auch Hollywood sah die Strahlkraft dieser Geschichten, Eggers’ letzte zwei Romane wurden jeweils mit Tom Hanks in der männlichen Hauptrolle verfilmt, „The Circle“ kommt in Deutschland Ende Mai in die Kinos.

Randgebiet statt Zentrum

Und jetzt „Bis an die Grenze“? Ein Roman über eine unglückliche 40-Jährige, die aus ihrem Vorstadt-Leben in Ohio flieht und mit ihren beiden Kindern zu einer chaotischen Wohnmobil-Reise durch Alaska aufbricht? Was will Eggers, der sonst mitten ins gesellschaftliche Herz Amerikas stößt, am äußersten Rand des Kontinents?

Jede Menge, das merkt man schnell. Vielleicht sogar noch mehr als sonst. Es sind grundlegende Fragen, die „Bis an die Grenze“ stellt: Wie kann man arbeiten, eine Familie haben und bei Trost bleiben? Wie werden aus Kindern mutige Erwachsene? Haben wir uns verrannt in eine falsche Idee vom Glück? Und gibt es einen Weg zurück?

Es tut dem Roman gut, dass er nicht so offensichtlich wie seine Vorläufer Plot und Charaktere benutzt, um einem Unbehagen Gestalt zu geben. Josie, die vom Vater ihrer Kinder getrennt lebende Zahnärztin, ist eine spannendere, widersprüchlichere Figur als Mae, die arg holzschnittartig gezeichnete Internet-Angestellte aus „The Circle“. Und Ana und Paul, die fünf und acht Jahre alten Kinder, beschreibt Eggers so anrührend wie in seinem autobiografischen Erstling „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ seinen Bruder Toph, für den er nach dem Krebstod seiner Eltern sorgte.

Josie weiß eigentlich, dass es irrwitzig ist, die Kinder Hals über Kopf nach Alaska zu verfrachten, die planlose Reise in einem alten Wohnmobil der Schule als erzieherisches Abenteuer zu verkaufen und der vagen Hoffnung hinterherzufahren, dass alles gut wird, wenn sie erst das „Alaska der Magie und Klarheit“ gefunden hat. Sie weiß aber auch, dass sie raus muss aus ihrem alten Leben, das immer mehr zu zerfallen scheint: Ihre Praxis musste sie aufgeben, weil eine Patientin, deren Krebsgeschwür im Kiefer sie nicht erkannt hat, sie verklagt hat. Ihr Lebensgefährte hat sich als Fehlgriff entpuppt, dessen verlässlichste Eigenschaft ein erschreckend häufiger Stuhlgang zu sein schien, und ihr Stadtteil war voll von Übermüttern, die es – im Gegensatz zu Josie – schafften, zwischen Yoga und Besorgungen im Biomarkt pünktlich zu Schulveranstaltungen zu erscheinen.

Die Beschreibung einer angestrengten Mittelstands-Elternschicht ist eine von vielen lustigen Stellen in dem Buch. Tragikomisch sind auch die zahlreichen Missgeschicke, in die die Familie mit ihrem Wohnmobil rumpelt: Mal stinkt es abscheulich, weil sich die Exkremente im Tank erhitzt haben, mal erwischen die Kinder Josie beim Sex mit einer Reisebekanntschaft, mal fahren sie aus Versehen auf eine Feuerschneise zu.

Ruhe in Waldhütten

Die ganze Reise hat das Zeug, zur Katastrophe zu werden. Aber dann gibt es immer wieder Momente, in denen die kleine Familie zur Ruhe kommt. An drei Orten sind sie ganz bei sich, es sind „cabins“, Hütten – die kleinstmögliche Behausung, nur durch eine Wand von der Natur getrennt. In einem solchen leerstehenden Holzhaus im Wald bleiben sie mehrere Wochen lang, und Josie beobachtet beglückt, wie sich ihre Kinder verändern, gesünder aussehen, selbstständig werden und furchtlos.

Spätestens da wundert man sich nicht mehr, dass ein Roadtrip nach Alaska das Nachfolgebuch des vieldiskutierten „The Circle“ ist, im Gegenteil: Die beiden Romane gehören zusammen. Den falschen Heilsversprechen des Silicon Valley hat Eggers ein anderes gegenübergestellt, das eines echteren, einfacheren Lebens nahe an der Natur. Es ist eine so herzerwärmende wie naive Sehnsucht, und sie scheint Eggers selbst nicht ganz geheuer. Dem uneingeschränkten Happy End entzieht er sich ganz am Schluss durch einen rhetorischen Kniff. Winzig, aber wirkungsvoll.

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