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Hieroglyphen im Tempel Ramses II. in Abu Simbel.
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Hieroglyphen im Tempel Ramses II. in Abu Simbel.

Buch über Schrift

Silvia Ferrara „Die große Erfindung“: Wie grüne Keimlinge im Asphalt

  • VonMarcus Hladek
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Eine eher staatsferne Angelegenheit: Silvia Ferrara geht in ihrem höchst anregenden Buch „Die große Erfindung“ den Geheimnissen der Schrift nach

Silvia Ferrara erforscht an der Uni Bologna antike Schriftsysteme. Welche genau und wie das vonstatten geht, erklärt ihr Buch „Die große Erfindung: Eine Geschichte der Welt in neun geheimnisvollen Schriften“, für das eine Zeitung sie zum Indiana Jones der Schrift erklärte.

Sinn für Abenteuer zeigt sie beim Nachzeichnen der verschlungenen Entzifferung von Schriften allemal. Dabei erlernt man ganz nebenbei das Abwerfen von Vorurteilen, die beispielsweise Champollion seine Arbeit an den Hieroglyphen erschwerten, bis er dahinter die Laut- und Silbenschrift aus rebusartigen Bildzeichen erkannte. Ende des 20. Jahrhunderts wiederholte sich das Kunststück an der Maya-Schrift.

Glaubte bis 1980 alle Welt, die Schrift an sich sei nur einmal entstanden (Monogenese) und habe sich dann verbreitet, so entstanden die Keilschrift Mesopotamiens und Ägyptens Hieroglyphen (vor 5000 Jahren), die chinesische (3200 Jahre) und die Maya-Schrift (unter 2000 Jahre) jeweils neu aus dem Nichts. Für Ferrara („Es geht auch ohne Schrift“) liegt die Zukunft der Zeichen übrigens in den Bildern.

Das Bildprinzip der Hieroglyphe wirke bis heute: vom Klo-Zeichen über Emojis bis zum Klammeraffen @, der 1345 im Wort „Amen“ auftauchte. Unsere „hyper-iconicity“ gründe in Auge und Gehirn, die in Natur und Dingwelt unentwegt Gesichter, Linien und Umrisse sehen wollten. So würden Icons zum „Sprungbrett“ für Schriften, und darum ähnelten sich viele Zeichen aller Sprachen weltweit, denn überall fungierten rechte Winkel (L, T) und simple Geometrien (O, X) wie Pixel einer naturgegebenen „DNA der Schrift“. Anders gesagt, lesen wir Zeichen wie Dingkonturen. Dazu brauche es kein „Lesezentrum“, sondern nur die Plastizität des Gehirns, das für Extras wie die Schrift oder das Radfahren immer einen Winkel zum Mitbenutzen übrig habe.

Da Alphabete schon entziffert sind, spielen sie bei Ferrara keine große Rolle und treten nur als „steinerner Gast“ auf, dessen klare Vorzüge (wenige Zeichen, direkte Lautlichkeit, Einfachheit) das Alphabet zu Ockhams Rasiermesser unter den Schriften mache. Obwohl Chinesisch die Sprache der Zukunft sein könnte, werde sich die komplizierte chinesische Schrift schwerlich je gegen das Alphabet durchsetzen. Viel wahrscheinlicher sei ein globales Chinesisch in „Pinyin“, einem chinesischen Alphabet.

Sympathisch an Ferraras Zugriff ist ihre Abneigung gegen die These der Schriftentstehung aus Rechensteinen für Handel und Verwaltung in Mesopotamien, die dann zu Tontäfelchen in Keilschrift mutierten. Damit wäre Schreiben bedingungslos ein Ding der Staatsbürokratie und das Doppel Staat – Schrift fast schon ein Synonym. Nicht jedoch für Ferrara, die es eher als arrangierte Ehe und Seelenraub an einer großen Entdeckung tadelt. Für sie funktioniert das Modell nicht, weil es in der Welt nur so wimmle von glanzvollen Kulturen ohne Schrift hier (das Reich Kusch vor 5000 Jahren) und von Schriften, die „wie grüne Keimlinge dem Asphalt“ entsprießen, dort.

Das buch:

Silvia Ferrara: Die große Erfindung. Eine Geschichte der Welt in neun geheimnisvollen Schriften. A. d. Italien. v. Enrico Heinemann. Beck 2021. 251 S., 25 Euro.

Solche staatsfernen Schriften glichen „Perlen in Austern, ohne Vorankündigung, territoriale Expansion oder Anreize zum Gebrauch“, oder auch Ehepaaren, die gegen aller Erwartung blühten, ja wie Ackergäule, die den Vollblütern im Turnier die Schau stehlen. Als Beispiele nennt sie die Runen, die Berberschrift Tifinagh, das Dongba im Himalaya und andere mehr.

Schrift beginne also gerade nicht im Kontrollraum kalter Staatsapparate, die Steuern und Strafen diktieren, sondern in der Sozialität der Menschen, und sei es der frühesten, die ums Feuer tanzen, Geschichten erzählen, Namen vergeben, Wände bemalen. Wenn 40 000 Jahre alte Höhlenbilder außer Tieren viele Symbole vom Handnegativ bis zu Kreisen, Zickzacklinien, Dreiecken und Parallelen zeigen, seien das „tiefgründige und kraftvolle Signaturen“, ja ein „erstes schöpferisches Aufblitzen“ in Richtung Schrift.

Für diese soziale und poetische Lesart spreche auch, dass von den bekannt-unlesbaren Schriften die Hälfte in der Laborsituation von Inseln entstanden und verdorrten: „Der kreative Blitz erlischt und wird zum toten Gleis.“ Kreta und Zypern sind sogar Teil Europas, das von Kretas vier Schriften nur Linear B zu lesen lernte (1952): ein griechischer Dialekt, notiert in vielen Silben. Ob man je alle vier Schriften Kretas lesen lernt und Europas Ursprünge somit besser versteht? Ferrara ist hoffnungsvoll: „Die Mauer... muss am Ende fallen.“

Noch optimistischer ist sie für das Kyprisch-Minoische auf Zypern. „Inscribe“ habe fast das ganze Zeicheninventar und Teile der Grammatik beisammen, verstehe die Schrift als „Halbschwester“ von Linear B und könne viele Eigennamen lesen. Allerdings bleibt die Sprache dahinter zu ermitteln, sonst verharrt Kreta so insular wie die Osterinsel mit ihren Statuenköpfen (Moai) und den Holztafeln mit Rongorongo-Zeilen auf insgesamt 26 Tafeln, deren 600 Silben oft Meeresgetier abbilden. Staatlich sei daran gar nichts.

An der historischen Primatsstellung der mesopotamischen (Keil-)Schrift als ältester Schrift überhaupt rüttelt Ferrara nach Kräften. Älter sei sie nur, wenn man Hunderte vordynastischer Elfenbeinplaketten und Siegelabdrücke aus der ägyptischen Nekropole Umm el-Qaab, ausgegraben 1988, ignoriere. Sie seien noch älter als alle Keilschrifttäfelchen und wie „flugunfähige Hieroglyphen, die nur darauf warten, sich in die Lüfte zu erheben“ – der Schrift im Vollsinn entgegen. Bis zur Schrift in China sollten da übrigens noch knapp zweitausend Jahre vergehen.

So Ferraras Buch in groben Linien, ohne ihre „einsamen Erfinder“ (Hildegard von Bingens „lingua ignota“, das Voynich-Manuskript, der Codex Seraphinianus) und jene „isolierten Zweige“, die der Entzifferung weiter trotzen: die Knotenschrift der Inkas, der Diskos von Phaistos, die Indus-Schrift im 3. Jahrtausend v.Chr. und all die „unknown unknowns“ (Donald Rumsfeld), die allzu spurlos verschollen gingen.

Für schwierige Fälle bleibt Ferrara nur die Hoffnung, dass wir Homo sapiens, die wir ständig „mit den Legosteinen des Ausdrucks“ spielen, vielleicht nichts chiffrieren können, was sich nicht auch dechiffrieren ließe. Zeit genug sollte sein, denn wie sagt Ferrara: „Ohne Schrift wären wir nur Stimme, schwebten wir in ständiger Gegenwart.“

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