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Verschwimmen, eine Vorstufe des Verschwindens.
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Verschwimmen, eine Vorstufe des Verschwindens.

Lebendige Hybridgespenster

Silvia Bovenschen über "Das Verschwinden"

Nein, sagt Frederike, sie sei gereizt, sie schreite gerade ihre Empfindlichkeitsgrenzen ab und wolle keine Geschichte über das Verschwinden erzählen. Dann

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Nein, sagt Frederike, sie sei gereizt, sie schreite gerade ihre Empfindlichkeitsgrenzen ab und wolle keine Geschichte über das Verschwinden erzählen. Dann verschwindet sie eine Zeit lang. Die Anderen hingegen erzählen sehr wohl vom Verschwinden: Mysteriöses, Banales, Wahrscheinliches und Unwahrscheinliches. Hauptsache, sie sammeln Geschichten, denn das ist der Grundantrieb von Silvia Bovenschens neuem Buch, das auf eine ungewöhnliche Grundkonstellation baut: Ein Kreis von Freunden, allesamt akademisch gebildet, wie man ihrem Duktus entnehmen kann, trifft sich zu einem regelmäßigen Jour fixe.

Eine dieser Personen, Daniela, sitzt im Rollstuhl und sammelt die Erzählungen der Freunde über das Verschwinden ein - ein Rückgriff auf die Tradition der mündlichen Überlieferung im technischen Gewand der Neuzeit: Danielas Aufnahmegerät registriert die Vorträge der Freunde penibel und ungeschönt. Doch nicht umsonst bringt einer der Teilnehmer der Runde anspielungsweise Boccaccios "Decameron" ins Spiel.

Für die durch ihre Krankheit isolierte Daniela ist das Projekt, für das sie eigens eine Erklärung ausgearbeitet hat, die die Freunde zu unterschreiben haben und in der sie ihre Rechte an den Geschichten abtreten, eine Welterhaltungsmaßnahme; die Freunde wiederum sind, je nach Stimmungslage, amüsiert, genervt oder auch fasziniert: "Ihr Mischwerk, ihr Konglomerat, ihr Geschichtenkonvolut, ihr Plappercluster, ihre Erzählhäufelung, ihren Narrationskehricht, ihren Fabulierschutt, ihr Hybridgespenst. (...) Diese Schwundanthologie, von der wir die ganze Zeit reden, für die sie auch ein oder zwei Geschichten von dir unter Einsatz einer Mitleidserregung erpresst hat."

Dieses Konglomerat ist ein recht wilder Haufen aus Erinnerungsbruchstücken und Alltagsszenen: Eine der Freundinnen beispielsweise memoriert einen Sommerurlaub in den Fünfzigerjahren, in dem ein Junge, mit dem sie zuvor gespielt hatte, spurlos verschwand. Eine andere berichtet vom Diebstahl ihres Computers, durch den sie ihr sämtliches Datenmaterial verloren hat. Und eine dritte erzählt, wie sie einem Betrüger aufgesessen ist, der sich mit all ihrem Ersparten aus dem Staub gemacht hat.

Verschwunden, verschwunden, verschwunden: Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen hat ihre Miniaturen bis an die Schmerzgrenze mit Doppelbödigkeit aufgeladen; in jeder der Erzählungen läuft sozusagen die Erzähltheorie im Subtext mit. Diese absolute Unterwerfung des Inhalts unter die Form, die Schwundform, lässt das Buch gerade zu Beginn so sperrig und auch ein wenig manieriert erscheinen.

Doch gegen Ende hin zieht Bovenschen die Schraube an, und plötzlich wirkt hier nichts mehr gekünstelt und auch nicht ausgedacht; plötzlich wird das, was als Gedanke ohnehin hinter den Texten behauptet wurde, auch sprachlich und atmosphärisch deutlich - dass jedes Verschwinden ein Tod ist. Und dass der Tod die letztmögliche Form des Verschwindens ist. Denn während Daniela in ihrem Freundeskreis die Erzählungen einsammelt, läuft nebenher das Tagebuch einer der Beteiligten, in dem diese sich konsequent aus der Welt schreibt. "Die letzte Mitteilung an mich", heißt es dort, "ich werde nicht mehr sein". "Verschwunden", spätestens hier wird das klar, ist mehr als ein semantisches Spiel, ein Textexperiment. Es ist ein sich selbst zunehmend radikalisierendes Werk, das schließlich in vollem Kalkül Unbehagen zurücklässt: das Unbehagen angesichts der Konfrontation mit dem schwarzen Loch des eigenen Verschwindens.

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