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Autorin Silke Scheuermann 2016 in Offenbach, mit Hund Tao, der auch in der ersten Poetikvorlesung bereits vorkam. (Archivbild)

Frankfurter Poetikvorlesungen

Silke Scheuermann liest in Frankfurt

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Silke Scheuermann hält ihre erste Frankfurter Poetikvorlesung. Dabei spricht sie über Lyrik und die "Witterung des Unvorstellbaren" als Antrieb zum Schreiben von Gedichten.

Was bedeutet es für Silke Scheuermann, sowohl Gedichte als auch Romane zu schreiben? Lyrik, sagte sie jetzt zum Auftakt ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen, komme rasch und in aller Kürze zu den ganz großen Fragen (Liebe, Tod ...). Im Raum eines Gedichtes – einem Raum, den zuvor womöglich noch nie ein Mensch betreten habe – herrsche allein das lyrische Ich. Die Autorin befinde sich unterdessen nicht selten in extremen Stimmungen. Die Romanschriftstellerin Scheuermann hingegen führe eher einen Büroalltag, auch reise sie, spreche mit Menschen zu Recherchezwecken, sei als soziales Wesen unterwegs.

„Wie Tag und Nacht“, habe daraufhin eine fragende Zuhörerin bei einer Lesung gesagt. Und so versteht es auch Scheuermann, ganz buchstäblich. „Gerade noch dunkel genug“ heißt lockend und gerade noch hell genug ihre Vorlesungsreihe, die – wie es hinfort immer sein soll – nicht mehr in fünf, sondern in drei Teilen präsentiert wird.

Die lyrische Sphäre gehört für Scheuermann in die Nacht, um die es am ersten Abend unter dem Titel „Nacht oder Sterne sind Mathematik“ ging. Als sehr gute Erzählerin exerzierte Scheuermann das auch gleich szenisch durch, ließ sich selbst in einer sternenlosen Offenbacher Nacht aufwachen, nachdenken, zu Gedichten greifen: „Acquainted With the Night“ von Robert Frost zum Beispiel, um das Gedicht zu paraphrasieren, es regelrecht nachzuvollziehen – nicht nur als Literaturwissenschaftlerin, sondern auch als Handwerkerin im selben Metier. Rilke zum Beispiel, der das Wort „Nacht“ sehr oft verwendet, häufiger aber noch das Wort „vielleicht“.

Nächste Vorlesung am 6. Februar

Scheuermann erklärte, wie ein Gedicht den Tod eines Kindes im 18. Jahrhundert (bei Rückert), die Erblindung eines 43-Jährigen (bei Milton), die Gefangenschaft eines Tieres (bei Rilke), konkrete, dem Leser womöglich unbekannte Welten in wenigen Worten unmittelbar spürbar mache. „Im Gedicht kommt der Relativität der Dinge ein besonderer Stellenwert zu“, Jahrhunderte könnten übersprungen, nie gemachte Erlebnisse nachgeholt werden. Erzählerin Scheuermann führte eine weitere Figur ein, den jungen Naturwissenschaftler aus dem Waschsalon, der versucht, ihr die Komplexität des Universums näherzubringen. Einerseits vergeblich (Schicksal der Geisteswissenschaftler), andererseits formulierte Scheuermann nun: Die „Witterung des Unvorstellbaren“ könne als Antrieb für Wissenschaft wie für Lyrik gelten. Jedoch: Eine Theorie könne sterben, ein Gedicht sei mit Glück unsterblich. Keine bloße Nebenfigur dieser Nacht: Scheuermanns Hund Tao, allgegenwärtig, schlafend, zuhörend.

Nächste Woche geht es um den „Tag oder Was Mrs Dalloway auch noch dachte“, bevor sich die Dozentin ins „Zwielicht“ begibt. Im Druck erscheinen die Texte bereits am 6. Februar (wie alle ihre Werke bei Schöffling), zur letzten Vorlesung also und bevor am 7. noch die traditionelle Lesung im Frankfurter Literaturhaus folgt.

Dass die 44-Jährige nicht nur an der Goethe-Universität studiert, sondern auch im Büro der Poetikvorlesungen gearbeitet hat: Wunderbare Volten eines eindrucksvollen Aufstiegs.

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