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Silke Kipper: „Die Nachtigall“ – Quorror tiu zqua pipiqui

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Von: Sandra Danicke

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Was singt sie nur, die Nachtigall?
Was singt sie nur, die Nachtigall? © imago images / Nature in Stock

Silke Kipper erforscht die Nachtigall und ihren Gesang und legt in einer charmanten Zwischenbilanz offen, was man bisher darüber weiß.

Wie sich ihr Gesang genau anhört, wissen die Allerwenigsten. Was bei dem kolossalen Ruf, den die Nachtigall in der Poesie genießt, schon ein wenig erstaunt. Johann Matthäus Bechstein hat es vor mehr als 200 Jahren einmal so festgehalten: „Tiuu tiuu tiuu tiuu, Spe tiu zqua. Tio tio tio tio tio tio tio tix. Qutio qutio qutio qutio, Zquo zquo zquo zquo; Tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzü tzi. Quorror tiu zqua pipiqui.Zozozozozozozozozozozozo Zirrhading ...“.

Leider ist der Klang mit Buchstaben nur äußerst ungenau zu übersetzen. Das Gleiche gilt für die Bedeutung der Laute. Was man weiß, ist, dass sie der Markierung des Territoriums und als Balzrufe dienen. Alles andere ist Interpretationssache - zumindest fast. Jemand, der wie Silke Kipper seit mehr als zwanzig Jahren die Nachtigall erforscht, hat naturgemäß das ein oder andere herausgefunden. Vor allem aber hat sie herausgefunden, dass es noch so viel mehr herauszufinden gibt. Ein Phänomen, das jede ernstzunehmende Wissenschaftlerin kennt. Ihre bisherigen Kenntnisse hat die Tierforscherin in einem charmanten Buch mit dem schlichten Titel „Die Nachtigall - Ein legendärer Vogel und sein Gesang“ zusammengetragen. So wenig ist es gar nicht.

Abgesehen von ihrem Gesang (eigentlich muss es „seinem Gesang“ heißen, denn es geht um das Tirilieren der Männchen) ist ja die Nachtigall ein eher langweiliger Vogel: klein, braun, mit durchschnittlichem Verhalten. Der Gesang allerdings (wenn man denn überhaupt von Gesang sprechen will) ist in seiner Komplexität schwer zu toppen: 200 verschiedene Strophentypen gibt es. Sapperlott. Warum? Schwer zu sagen. Eines steht allerdings fest: Die Nachtigall singt nicht, um uns Menschen zu erfreuen. Sie singt auch nicht aus Lust und Laune.

Die Nachtigall macht es uns schwer. Allein die Klassifizierung in eine der Singvogelarten ist kompliziert, schreibt Kipper. Molekularbiologische Daten verorten den Vogel bei den Fliegenschnäppern. Was andererseits Unsinn sei, denn die Nachtigall schnäppert nicht, fängt ihre Nahrung also nicht im Flug.

Das Buch

Silke Kipper: Die Nachtigall. Ein legendärer Vogel und sein Gesang. Insel Verlag, Berlin 2022. 176 Seiten, 20 Euro.

Nachtigallen sind Zugvögel. Sie begeben sich zweimal im Jahr auf eine extrem lange Reise: Rund 60 Stunden Flugzeit, ohne Nahrung und Wasser. Ihre Körper, ihr Ernährungsverhalten sind auf dieses Ereignis bestens ausgerichtet. Sie lagern Fettreserven ein, und weil das nicht reicht, schrumpfen ihre inneren Organe auf jedem Langstreckenflug, was jedoch nicht schlimm ist.

Aber wir wollten ja über den Gesang schreiben. Der ist allemal einzigartig. Jedes Männchen singt - innerhalb eines bestimmten Regelwerks - anders, vor allem jedoch ziemlich laut, zwischen 70 und 95 Dezibel, so laut wie ein Staubsauger oder eine Holzfräse. Vier-Sekunden-Strophen wechseln mit ebenso langen Pausen ab. Eine Strophe besteht aus vier Teilen. Erst ein paar kurze „Schnalz-Schmatz-Geräusche“. Kipper vergleicht sie mit dem menschlichen Räuspern. Dann eine Art Vorspiel aus kontrastierenden Tonlagen. Im dritten Teil, dem Herzstück, „wird eine kurze Folge von einem oder sehr wenigen kurzen Elementen vielfach hintereinander vorgebracht, so dass der typische Trill oder ,Schlag‘ entsteht.“ Die Strophe endet mit einem einzelnen, zumeist hochfrequenten „Terminalelement“. Woher die Tiere das können? Sie lernen es.

„Die Sequenzen von einjährigen Vögeln in ihrer ersten Brutsaison sind deutlich ungeordneter als die der älteren Herrschaften. Es kommt aber noch besser: mehr Ordnung in der Gesangssequenz korreliert mit stärkerer späterer Beteiligung an der Fütterung der Küken! So singen die Männchen also in ihren Sequenzen lautstark vor sich hin, wie sie sich später als Väter schlagen werden. Da will ich doch hoffen, dass die Nachtigall-Damen solche relevante Information dekodieren können, mit welchem Algorhythmus auch immer!“

Auch die Gesundheit, Größe und Herkunft lassen sich am Gesang einer Nachtigall ablesen, könnten also bei der Partnerwahl berücksichtigt werden.

Wie um alles in der Welt, fragt man sich, kann ein so kleiner Körper einen so lautstarken und komplexen Sound von sich geben? „Anders als unser Stimmorgan, die Larynx, die wir nur beim Ausatmen zur Stimmproduktion nutzen können, zirkuliert der Atem-Luftstrom im Vogelkörper über mehrere ,Luftsäcke‘ so trickreich, dass er die Schallmembranen der beiden Syringen beständig in Schwingung versetzen und damit Töne erzeugen kann.“

Bleibt die Frage, wie es die Nachtigall geschafft hat, zur perfekten Projektionsfläche menschlicher Emotionen zu werden. „Die persische Dichtung und die Dichtung der deutschen Romantik sind ebenso voll davon wie die Lyrik englischer Naturdichter.“ Gar nicht zu reden von ihrer jahrhundertealten Rolle in Mythen und Sagen, in der Musikgeschichte nicht zuletzt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ihr komplexer Gesang so viele Interpretationen zulässt. Quorror tiu zqua pipiqui - was lässt sich da nicht alles hineindeuten.

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