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Silbrige Fische des Todes

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Von: Sylvia Staude

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Bei einer kalifornischen Flugshow im Jahr 2014 wird mit einer F4U-1 Corsair der Korea-Krieg nachgestellt.
Bei einer kalifornischen Flugshow im Jahr 2014 wird mit einer F4U-1 Corsair der Korea-Krieg nachgestellt. © rtr

James Salters Roman „Jäger“ über einen Piloten im Koreakrieg liegt jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor: Er ist ein beeindruckend kühler Bericht über einen Männerbund.

Nicht an eine Computersimulation, wie auch?, fühlt sich der Pilot Cleve Connell einmal angesichts eines Treffers erinnert, wohl aber ans triumphale Blinkern eines Spielautomaten. Romanfigur Connell ist Anfang der 50er Jahre Kampfflieger im Koreakrieg – und allemal kann man ihn als Alter ego des 1925 geborenen, US-amerikanischen Schriftstellers James Salter bezeichnen, der ebenfalls in Korea kämpfte und dessen erster, stark autobiographisch unterfütterter Roman 1957 „Jäger“ („The Hunters“) war. Genau 40 Jahre später, 1997, hat Salter ihn leicht überarbeitet und in den USA neu herausgebracht. Über die Art der Änderungen gibt die deutsche Übersetzung, die auf dieser neuen Fassung beruht, allerdings keine Auskunft.

Interessant wäre, ob Salter seinen Erstling aus dem Abstand heraus noch kühler gemacht, noch mehr von allem Gefühls-Zierrat befreit hat. Denn das fällt auf: Die Abwesenheit von Blut und Schmerz – und fast auch von Tod – in einem Kriegsroman; dafür eine Einsamkeit bis ins Mark, die allem doch stets mit Kriegsberichten verbundenen Kameradschaftsgerede Hohn spricht.

Sofort Schwarmführer

Mit großen Erwartungen kommt Cleve Connell nach Korea. Er ist 35, erfahrener Flieger und sofort Schwarmführer. Seine vier „Jungs“ sind ihm sympathisch, er ist froh und überzeugt: „Gemeinsam würden sie sich einen Namen machen.“ Will sagen: MiGs abschießen. Aber ohne Feindabschüsse ist man ein Nichts.

Und so kommt es: Einsatz um Einsatz geht vorbei, ohne dass Cleves Schwarm in Kampfhandlungen mit russischen MiGs verwickelt wird. Es sind immer die anderen Piloten, die mit schießpulvergeschwärzten Schnauzen wieder auf dem Stützpunkt landen. Cleve findet bald, dass die Tatsache, dass er Führer ist, „etwas Künstliches und Abstoßendes“ hat. Etwas später noch, nach 24 erfolglosen Einsätzen, versinkt er „in einem Trog der Verzweiflung“. Noch ein paar Flüge später ist er „wie ein Mann, der mit einem Mal schwer erkrankt“. Und es hilft nicht, dass seinem Schwarm ein Neuer zugeteilt wird, mit Augen „wie Säure“. Der 25-jährige Pell ist eine die Fäden der Intrige spinnende Figur wie Jago. Und wie Jago ist er leider erfolgreich, wird mit seinen Abschüssen zum neuen Fliegerass. Die Militäroberen wollen angesichts seiner Treffer nichts davon hören, dass er seinen Kameraden nicht den Rücken deckt, wie es ein Wingman eigentlich sollte. Dass umgekehrt Cleve einen vielversprechenden Angriff abbricht, um Pell zu Hilfe zu eilen.

Trinken, rauchen, angeben

Der Alltag, den Salter dazwischen beschreibt, ist ein öder. In der Gemeinschaft der Flieger wird getrunken, geraucht und angegeben, wenig sonst. Einmal, ein Regentag mit Wolkendecke reiht sich an den anderen, reist Cleve mit dem „Spaghettifresser“ DeLeo aus seinem Schwarm zum Urlaub nach Tokio, schläft im Hotel einen halben Tag, geht ins Bordell. Eine der Frauen beginnt zu weinen: Sie hat einen amerikanischen Freund, er reist ab, sie kann nicht mehr nach Hause. „Japanische Jungen nehmen sie jetzt nicht mehr“, sagt eine Kollegin.

Abgesehen von dieser Bordell-Episode erzählt der Roman ausschließlich vom soldatischen Männerbund, in dem nicht gerade Vertraulichkeit gepflegt wird. Vielleicht wirkt er auch deswegen so immens kühl, wie ein Bild freudloser, trüber Vereinzelung. Wetter und Landschaft spiegeln die Seelenverfassung. Mal fühlt sich Cleve erfroren bis ins Herz, mal ist er in Schweiß und „in Unwohlsein getränkt“.

Auch das fremde Land Korea spielt bei Salter kaum eine Rolle. Eine kurze, wunderbare Beschreibung des koreanischen Frühlings – „Auf den sanften Hügeln Richtung Seoul schienen mit einem Mal die Kiefern und vereinzelt auch die Weiden zu glänzen“ – wird so schon zum Ereignis. Öfter ist es das Fliegen selbst, das mit schlanken, aber mächtig schönen Worten beschrieben wird. Der schimmernde Himmel, durch den die Flugzeuge wie ein Schwarm silbriger Fische ziehen. Oder das „gestochene Blau“, darin manchmal nur die dünne Rauchsäule einer abgestürzten Maschine. Eine Ästhetik eines entfernten Todes. Am Ende wird Cleve jemand sein, der vermisst ist. Zuvor wird er sich noch einmal seiner Einsamkeit bewusst werden:

„Am Ende gab es niemanden, den man berühren konnte. Man konnte nach ihnen rufen, wie er eines Tages jemanden hatte rufen hören, dessen Maschine abstürzte, ein klagevolles, bittendes ,Oh Gott!‘, aber berühren konnten sie einen nicht.“ Von James Salters Roman aber wird man berührt.

James Salter: Jäger. Aus dem Englischen von Beatrice Howeg. Berlin Verlag 2014. 304 Seiten, 19,99 Euro.

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