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Marie-Luise Scherer im Oktober 1994 in Frankfurt, als ihr der Ludwig-Börne-Preis verliehen wurde.

Marie-Luise Scherer

Silbenarbeit an jedem Satz

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Marie-Luise Scherer zum 80. Geburtstag

Marie-Luise Scherer ist eine auktoriale Reporterin. Sie weiß alles über die Personen, die sie journalistisch begleitet. Sie dringt in die Köpfe und Herzen ihrer Protagonisten und erdreistet sich zu erzählen, was sie dort findet. Ihre Sätze sind hart, das „Ich“ ist ein marginalisiertes Stilmittel. Am Ende des Schreibprozesses stehen ausgiebige Reportagen, die unentwegt die Fragen aufwerfen: Woher weiß sie das, wer hat ihr das gesagt? „Sie verweigert den O-Ton“, formuliert es Angelika Overath über Marie-Luise Scherer, die am Montag 80 Jahre alt wird.

Trotz (oder genau wegen) dieser Konstruktion der Objektivität und des faktischen Gehalts, kann man Scherers Texte ohne weiteres als Erzählungen lesen. Journalismus und Literatur, das sind keine Gegensätze. Émile Zola betrieb für seine Romane Milieurecherchen, Truman Capotes „Kaltblütig“ popularisierte den non-fiktionalen Roman, die Journalistin Swetlana Alexijewitsch erhielt für ihre Oral-History-basierten Bücher 2015 sogar den Literaturnobelpreis.

Marie-Luise Scherer ist schon lange im Geschäft. Rudolf Augstein stellte sie der Männerdomäne des „Spiegel“ mit den Worten vor: „Das Mädchen ist völlig ungebildet, aber gucken kann sie“. Als eine der ersten Personen erhielt sie das Privileg der Namensnennung im „Spiegel“, für den sie 23 Jahre lang arbeitete. Immer wieder wird sie von Schriftstellerinnen und Schriftstellern als Einfluss genannt, zuletzt 2018 von Christian Kracht in seiner Frankfurter Poetikvorlesung. Über ihre eigenen Einflüsse schweigt sie fast kokett; sie bewundere die Präzision Gustave Flauberts.

Mehrmals hat sie gemahnt, nicht immer als „Gewesene“ betrachtet zu werden. Dass sie aus einer anderen Medienwelt stammt, ist jedoch unstrittig. Als der „Spiegel“-Verlag auf Computer umstellte, kaufte sie sich aus den Altbeständen für 20 Mark eine elektrische Schreibmaschine, erzählt sie im keilkurzen Telefongespräch. „Aber wenn man sein Leben lang manuell geschrieben hat, dann braucht man den bebenden Aufschlag.“ Bis heute tippt sie auf einer ihrer zwei mechanischen Schreibmaschinen. Ein antiquiertes Medium. Jedoch haben Scherers große Reportagen sowieso nie auf Aktualität gepocht.

Geboren am 15. Oktober 1938 in Saarbrücken, beginnt sie ihre Laufbahn ohne Abitur bei der „Saarbrücker Zeitung“, stößt zum „Kölner Stadtanzeiger“, wechselt zur „Berliner Morgenpost“, schreibt ab Ende der 60er für „Die Zeit“. Hier entstehen Reporte und Reportagen querbeet durch gesellschaftliche Themen. 1974 kommt sie schließlich zum „Spiegel“, für den sie bis 1998 arbeitet. Ab jetzt heißt es „Spiegel-Redakteurin Marie-Luise Scherer über …“. Mal ist sie Society-Reporterin in Berlin, Paris oder St. Gallen, bespricht Modeschauen oder den „Hite-Report“, schreibt über den Nachlass von Hans Habe und Zara Leander, über Yoga und Casinos, über Barbara Valentin und Hildegard Knef. Ein anderes Mal portraitiert sie Otto Schily, Schickeria-Friseure, eine Alkoholkranke, einen Fixer, die Telefonseelsorge. Sie besucht die Filmsets von Schlöndorffs „Blechtrommel“ und „Eine Liebe von Swann“. 

Hellmuth Karaseks Schlüsselroman-Satire „Das Magazin“ widmet einer Gesellschaftsreporterin namens Helene Gäbler ein ausführliches Portrait – Karaseks und Scherers Laufbahnen beim „Spiegel“ begannen und endeten fast zeitgleich. Gäbler wird als eine existenzielle Zweiflerin geschildert, die trunken noch den Chefredakteur aus dem Bett klingelt. Eine Eigenbrötlerin, eine Nachteule. Gäbler und Scherer sind nicht deckungsgleich, aber in jedem Fall wesensähnlich. Was Fiktion und reale Figur eint, ist ihre Sprachverbuhltheit.

Scherer kann die Finger nicht von den Fakten lassen

Scherers beinah neurotische Suche nach den richtigen Wörtern und Satzbauten ist legendär. Als sei die Bezeichnung der Sprachverbuhlten noch nicht genug, hat sie ihr Schreiben einmal selbst als „Silbenarbeit“ bezeichnet. Für einen Satz braucht sie nicht nur viel Zeit, sondern manchmal auch 40 Zigaretten. Wer dann eine 50- oder 130-seitige Reportage von ihr in den Händen hält, kann den Kraftakt erahnen.

Über vier Jahrzehnte sind im Zigarettenrauch so eine Handvoll Meistererzählungen entstanden. In „Der letzte Surrealist“ leitet sie mit bildungsbürgerlicher Nonchalance durch die Geburtsstunden des Surrealismus. Eine Reise durch den Verweisdschungel der Kunstwelt, fast mehr Proseminar als Reportage. Von Augsteins „ungebildet“ keine Spur. Es folgt „Die Bestie von Paris“, die Rekonstruktion einer Mordserie an fast einem Dutzend älteren Frauen im Paris der 80er Jahre. „Der unheimliche Ort Berlin“ beginnt ebenfalls mit einer Frauenleiche. 1985 wird das verschnürte Skelett von Ingrid Rogge auf einem Dachboden in Berlin-Kreuzberg gefunden. Aus dem unaufgeklärten Tod wird eine Milieustudie von SO36, die Einblicke in das Leben süddeutscher Aussteiger, Alternativer und Süchtiger gewehrt. Eine Reportage, die Kreuzberggläubige damals wie heute schockiert zitieren.

Wer aufmerksam liest, der wird in vielen Reportagen Scherers auf die Beschreibung von Hunden treffen. Als langjährige Hundehalterin sucht ihr Blick vielleicht gezielt nach Hunden, vielleicht weisen die gehäuften Erwähnungen des Tieres jedoch einfach den Hund als anthropologische Konstante aus. „Die Hundegrenze“ von 1994 beleuchtet nicht einfach ein Milieu, es kreiert eines. Im Mittelpunkt stehen die Grenzhunde der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Im Hunde-Netzwerk trifft der Grenzer auf den Bezirksscheintäter, den Zuchtwart, den Oberfähnrich und einen einarmigen Tierpfleger. Wenn nächtens bei Nebel der leistungsstarke gegen den lahmen Grenzhund ausgetauscht wird, dann klingt das wieder einmal nicht nach journalistischer Reportage, sondern einer Groteske.

Seit drei Jahrzehnten wohnt die Grenzgängerin Scherer in einer ausgebauten Tischlerei im niedersächsischen Dörfchen Damnatz, einen Steinwurf entfernt von der Elbe, dem ehemaligen Grenzfluss zur DDR. Doch anders als in Kreuzberg hat die Abgeschiedenheit des Ortes den Mauerfall überdauert. 

Die Reportage „Der Akkordeonspieler“ erschien 2004 erst gar nicht mehr in einem Magazin oder einer Zeitschrift, sondern gleich in Buchform. Begleitet wird ein russischer Straßenmusiker erst durch Berlin, dann durch den Kaukasus. 2016 und 2017 dann zwei Texte von ihr in „Sinn und Form“, die konsequenterweise Romanauszüge heißen. Hier wird Scherer zur Literatin, die sie schon immer gewesen ist. Die Texte erzählen von einer saarländischen Familie, dem Dorfleben und einem Westberliner Paar auf Reisen. Vergleicht man die Erzählungen mit der Rede, die Scherer anlässlich des Erhalts des Kunstpreises des Saarland 2012 gehalten hat, wird klar: Ganz kann sie nicht die Finger von den Fakten lassen. Nur stammen diesmal die Fakten aus ihrem eigenen Leben.

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