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Sigrid Nunez „Eine Feder auf dem Atem Gottes“: Sie hätte gerne einen Namen wie Sue Brown gehabt

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Von: Cornelia Geißler

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Die New Yorkerin Sigrid Nunez. Foto: Marion Ettlinger
Die New Yorkerin Sigrid Nunez. Foto: Marion Ettlinger © Marion Ettlinger

„Eine Feder auf dem Atem Gottes“: Die großartige Schriftstellerin Sigrid Nunez erkundet ihre Herkunft und Prägungen

Als sie 20 Jahre alt war, erzählte die Mutter der Tochter, sie, die Tochter, sei damals der Tropfen gewesen, „der das Fass zum Überlaufen brachte“. Der letzte Grund, der die Mutter endgültig in der Ehe festhielt. Ungewollt. Hat die junge Frau das davor gespürt? Was war das für eine Familie? Die Schriftstellerin Sigrid Nunez erkundet in dem Buch „Eine Feder auf dem Atem Gottes“, wie sie wurde, wer sie ist.

Die Autorin, 1951 in New York geboren, hat eine riesige Leserschaft hierzulande. Ihr Buch „Der Freund“ über eine Frau, die nach dem Tod eines engen Freundes dessen riesige Dogge erbt, 2020 erschienen, begeisterte als Roman über das Weiterleben und Trauern, über das Schreiben und die Formen der Liebe. Nunez’ suchender, empathischer Stil, ihre Art, vom Beobachten zum Erinnern überzugehen und Emotionen in Handlungen zu übersetzen, ist etwas Besonderes, das auch eine Vielleserin überrascht und beglückt.

Über die Autorin wusste man damals nichts oder nur wenig, eine panamaisch-chinesisch-deutsche Herkunft vermerkte der Klappentext. Hier sind die Antworten: Nunez war der Nachname der Frau ihres chinesischen Großvaters in Panama. Ihr Vater verbrachte die Kindheit in Shanghai, kam mit etwa zwölf Jahren nach New York, durch die Einberufung zur Armee im Zweiten Weltkrieg wurde er Bürger der Vereinigten Staaten. In Deutschland stationiert, lernte er seine Frau kennen. Sie hat nordische Vornamen für Sigrid und deren Schwestern ausgesucht, unaussprechlich für ihn.

„Ich wäre gern ein typisch amerikanisches Mädchen mit einem Namen wie Sue Brown gewesen“, schreibt Nunez. Sie lebte in einem ärmlichen Viertel mit Eltern, die zu stolz waren, Sozialhilfe zu beantragen. Der Vater arbeitete in zwei Jobs, seine Sehnsucht nach China behielt er für sich. Die Mutter, für die Deutschland nicht ihr „altes Land“, sondern weiter das Zuhause war (ein idealisiertes, wie sie bei einem Besuch feststellen musste), lernte gut Englisch und empfand sich als dem Ehemann überlegen. „Mein Vater war nicht jemand, der nicht sprach, sondern jemand, dem niemand zuhörte.“

Das Buch:

Sigrid Nunez: Eine Feder auf dem Atem Gottes. Roman. A. d. Engl. v. Annette Grube. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 222 Seiten, 22 Euro.

In vier Teile ist das Buch gegliedert. Der erste gehört dem Vater, der nächste der Mutter. Nunez setzt eigene Erinnerungen mit dem zusammen, was sie recherchiert hat, will den Eltern gerecht werden. Den Vater kannte sie kaum, die Mutter vielleicht zu gut. Als sie mal als Kind nach einem Unfall wieder zu sich kam, „sah ich etwas“, schreibt sie, „das ich nie zuvor gesehen hatte, dessen war ich mir sicher: das Gesicht mütterlicher Besorgnis“.

Dieser Roman von Sigrid Nunez ist bereits kurz nach der Originalausgabe 1995 auf Deutsch erschienen. Es war noch nicht seine Zeit. Jetzt aber fügt er sich als meisterhaftes Beispiel in eine ganze Reihe literarischer Identitätssuchen. In ihrer Offenheit kommt einem Sigrid Nunez erschütternd nahe, macht ihre Schmerzpunkte spürbar.

In den Teilen drei und vier ergründet die Autorin sich als weibliches Wesen: Zunächst die Beziehung zum Körper in einer Teenager-Phase, als sie Ballett tanzte; dann die Beziehung zu einem Russen, der ihr Englischschüler war. Einige Sätze über Liebe und Sprache lassen an ihren großen Erfolg „Der Freund“ denken. Sie, deren Eltern nicht heimisch wurden in den USA, hört von Vadim eine unerwartete Kategorisierung: „Du bist mein Amerika“. Für ihn aber war das besitzanzeigende Pronomen das Wichtigste in dem Satz. Das wurde gefährlich für die Frau.

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