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Geistiges Idyll in der Gartenlaube, nachempfunden auf einem Holzstich von 1879: Wieland, Schiller, Carl August, Herder, Goethe (v. l.).
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Geistiges Idyll in der Gartenlaube, nachempfunden auf einem Holzstich von 1879: Wieland, Schiller, Carl August, Herder, Goethe (v. l.).

Goethe in Weimar

„Eine Existenz ganz nach meinen Wünschen“

  • vonHarro Zimmermann
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Geist und Macht, Zugewandtheit und Verstörung: Sigrid Damm, die am Montag ihren 80. Geburtstag feiert, schreibt mit passionierter Sachkenntnis über Goethe und seinen Dienstherrn Carl August.

Als am 15. Juni 1828 die Nachricht vom Tod des Großherzogs Carl August in Goethes Haus am Frauenplan eintrifft, speist der Staatsminister gerade in illustrer Runde und bei bester Laune zu Mittag. Wenig später sein Tagebucheintrag: „Die Nachricht vom Tode des Herzogs störte das Fest.“

Der alte Freund und Förderer ist gestorben, und der Dichter nimmt davon eher gelangweilt Notiz? Sigrid Damm setzt diesen wahrhaft trügerischen Eindruck an den Anfang ihres neuen Buches, in dem sie die persönlichen Interieurs und historischen Hintergründe einer einzigartigen, nicht selten bizarren Männerfreundschaft ausleuchtet. Geboten wird – wie schon oft im Goethe-Weimar-Werkkreis der Autorin, die am heutigen Montag 80 Jahre alt wird – die gründlich recherchierte, in schöner Geradlinigkeit erzählte Historie einer bemerkenswerten Liaison aus Geist und Macht, aus Zugewandtheit und Verstörung.

Was beide Protagonisten miteinander erleben, voneinander erfahren und gegeneinander denken, was die Zeiten und Umstände aus ihnen werden lassen und welche Metamorphosen ihre Freundschaft durchmachen muss, sollte für den alten Goethe jener eigenartigen Sphäre des „Dämonischen“ zwischen individuellem Schicksal und großer Politik angehören. Das gelte erst recht für Männer vom Range Mozarts, Paganinis oder Napoleon Bonapartes, aber zweifellos habe auch der verstorbene Großherzog zu den dämonischen Naturen gehört, „voll unbegrenzter Thatkraft und Unruhe, sodass sein eigenes Reich ihm zu klein war, und das größte ihm zu klein gewesen wäre“.

Goethe hat während seines langen Weimarer Aufenthalts dem Großherzog ein dankbares Treueverhältnis bewahrt, er hat ihm niemals hart widersprochen und ist ihm zu allen Zeiten respektvoll und diensteifrig begegnet, ja er trat ihm als alter Mann in forcierter Hofnoblesse gegenüber. Goethe war Freund und Gefährte, Erzieher und Berater, Amtsuntergebener und gelegentlich familiär eingebundener Konfident, aber er besaß durchaus einen kritischen Blick für Carl August als Menschen und herrschaftliche Person, besonders für seine politisch-militärischen Aspirationen und Eskapaden.

Umgekehrt hat sich der Fürst zumeist als großzügig und tolerant erwiesen gegenüber dem immer berühmter werdenden Künstler und Denker am Weimarer Hof, er hat ihn reichlich entlohnt und in vielfacher Weise gefördert, nach der „Italienischen Reise“ des Freundes erweist er ihm sogar die Ehre, mehr oder minder freischaffend die schönen Wissenschaften und Künste in Sachsen-Weimar weiter zu entwickeln: „Er war mir August und Mäcen. (…) Niemand brauch ich zu danken als Ihm“, sagt Goethe über seinen Dienstherrn, auch wenn ihm klar ist, dass er hier von zwei wahrhaft „antipodischen Existenzen“ spricht: „Ich bin ihm so unendlich viel schuldig, indem ich ihm eine Existenz verdanke, ganz nach meinen Wünschen, ja über meine Wünsche.“

Das Buch

Sigrid Damm: Goethe und Carl August. Wechselfälle einer Freundschaft. Insel Verlag, Berlin 2020. 319 S., 24 Euro.

Mit passionierter Sachkenntnis erkundet Sigrid Damm die Spannungen, Widersprüche und Verärgerungen zwischen den beiden einander beobachtenden Freunden. Goethe weiß, dass Carl August ein „von der Natur höchst begünstigter, glücklich ausgebildeter Fürst“ ist. Er bewundert seinen politischen Genius, seinen Mut und seine innere Sicherheit im Entscheiden und im repräsentativen Auftritt, aber er kennt auch die Derbheiten und Schwächen dieses großen Landesfürsten auf kleiner Erdscholle. Ihm missfallen seine Jagdleidenschaft und seine fatale Neigung zu allem Militärischen und politisch Überdimensionierten, später auch seine positive Haltung gegenüber dem patriotisch-liberalen Geist der Jenaer Studentenschaften, mitsamt der leidigen „Preßfreiheit“.

Umgekehrt hat sich Carl August nicht selten maßlos, ja „halb zuschanden geärgert“ über das Gebaren seines Beamten in Fragen der Universität und der Wissenschaften. Lässt Goethe nicht das „alberne critische wesen“ der Romantiker, aller freisinnigen Philosophen und Historiker Jenas einfach ins Kraut schießen, so dass zum Beispiel im „Atheismus-Streit“ der Rausschmiss Fichtes nicht mehr zu vermeiden ist? Und immer, wenn er Goethe zur Rede stellt, kommt es zu einer so „wort- u sophismen reichen discution, dass mir alle Gedult ausgeht, und ihm zuweilen die Clarheit und Einfachheit des Gedankens.“

Im April 1817 dann der offene Eklat – der Großherzog entlässt den Freund als Intendanten des Weimarer Hoftheaters, nachdem es erhebliche Kritik an seiner Repertoire- und Reformpolitik und Krach mit Caroline von Heygendorff, der Mätresse Carl Augusts, gegeben hat. Fortan sollte der Entlassene immer mehr Zeit in Jena verbringen und dort seine „Oberaufsichtsgeschäfte“ kontinuierlich ausweiten. Der Groll zwischen Dienstherr und Minister ist nicht so leicht aus der Welt zu schaffen. Doch nach wie vor bietet der Gegenzauber des eigenen Dichtwerkes Befreiung, Inspiration und Trost genug, trotz aller äußeren Drangsal schreitet die Arbeit an den berühmten Texten sowie der Ausgabe letzter Hand voran. Eindrucksvoll, in welch widrigem historischem Konfliktfeld dies alles dennoch zustande kommt.

Sigrid Damms Erkundungen zu den politischen Widersetzlichkeiten zwischen Carl August und Goethe sind besonders interessant. Wie oft hat der Dichter den Staatsmann wegen seiner überzogenen Ambitionen in jener revolutionsbewegten und so heillos kriegerischen Welt der Politik ermahnt, er solle sich lieber um das Wohl der ihm anvertrauten Untertanen kümmern, statt politischen Großmachtträumen und einer Soldatenkarriere in preußischen Diensten nach-zuhängen. Der Napoleon-Hasser Carl August und der Napoleon-Verehrer Goethe – sie sollten nur in wenigen Politikfragen auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Und immer skeptischer wird sich der beamtete Privatier, Dichter, Szientist und Wissenschaftsmanager zum Leidwesen seines Herrn aus den akuten Machtgeschäften herauslösen. Ob Carl August einen deutschen Fürstenbund gründen möchte und als preußischer Feldherr ruhmlos gegen Napoleon ins Feld zieht, ob er sich gegen die Übermacht der Metternichschen Restauration behaupten oder nach englischem Vorbild einer konstitutionellen Monarchie verschreiben will, Goethe erinnert in seinem vorsichtig taktierenden Konservatismus immer wieder an die Gefahren der politischen „Unordnung“ im Lande. Gelegentlich beweist der Weimarer Herrscher mehr Liberalität als sein berühmter Geistesfreund.

Und dennoch, Goethe hat seinen Herrn nicht nur menschlich in Ehren gehalten, sondern auch seine historische Bedeutung über die Maßen geschätzt als „ein Dienen in Erreichung großer Zwecke, ein Dienen zum Wohl seines Volkes!“ Sigrid Damm bezeugt in ihrem meisterhaften Buch eine Wechselbeziehung zwischen Geist und Macht, über deren Inspiriertheit man zu Zeiten des Trumpismus ins Grübeln geraten kann.

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