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Fotobuch

Sieht sich ähnlich

Kai-Olaf Hesses westdeutsche Topographie

Als "Topographie" bezeichnet man seit einigen Jahrzehnten fotografische Unternehmungen, die sich der Dokumentation der sozialen Landschaft widmen. Der Anspruch einer solchen Fotografie ist systematisch, was ihre Feindlichkeit gegenüber dem verständlichen Wunsch ungeübter Betrachter nach humaner Staffage begründet. So wenig wie die Topographie als Wissenschaft, deren Namen sie geborgt hat, kümmert sich diese Fotografie um das Akzidentelle und Beschauliche. Sie ist, in der Bildenden Kunst, der "Spurensuche" nah. Sie neigt zum Kargen.

Kai-Olaf Hesse gehört zu den wenigen deutschen Fotografen, die in dieser Tradition auf hohem Niveau arbeiten und sie durch umfassende und komplexe Werkgruppen bereichern. Seine erste große Arbeit dieser Art galt den Industriebrachen zwischen Dessau und Bitterfeld. Dann folgte eine Arbeit über die USA, aufgehängt an genretypischen Orten: D.C. für die Politik, Detroit fürs Auto, Los Alamos für die Atombombe und Hollywood für den Film. Zuletzt entdeckte Hesse die "Topography of the Titanic", eine frappierende Studie über eine irische Werft, die ein sehr kurzlebiges Schiff gebaut hatte, und die vertrackte Erinnerung an die Geschichte dieser monumentalen Enttäuschung (ausgestellt in The Exchange Place, Belfast, 23 Donegal Street, bis zum 12. September).

Unter dem kryptischen Titel 67/89 verbirgt sich Kai-Olaf Hesses Sammlung "siebzehn kollektiver Erinnerungsbilder der westdeutschen Geschichte, Orte ziviler und staatlicher Gewalt". Während es die vertraute Methode des Fotografen bisher war, in einem einzigen Bild möglichst viele Referenzen und Assoziationen zu schichten und zu verbinden, geht es hier um die einmalige - und durchaus vom Zufall beeinflusste - Begegnung mit historischen Orten von mythischer Dimension. Der zugige Autostellplatz unter Betonneubauten markiert den Beginn der Recherche und repräsentiert den Tod Benno Ohnesorgs in Berlin am 2. Juni 1967. Ein karges Betonplateau im Niemandsland steht für die Blockade eines amerikanischen Raketendepots im Schwäbischen, September 1983. Und das Ende der westdeutschen Vergangenheitsbewältigung, ihre tödlichen Irrtümer inbegriffen, wird symbolisiert durch eine recht undeutsch anmutende Straßensituation mit einem Billboard: die Bornholmer Straße, Öffnung der Mauer - ein Dutzend Jahre nach dem entscheidenden Moment.

Obwohl natürlich der topographische Dokumentarist, wie jeder andere Fotograf, reisen muss, ist die Reise nicht Thema dieser Fotografie. Ganz im Gegenteil, die Suche nach dem Besonderen ist ersetzt durch das Studium des Alltäglichen, das Hesse in einfachen, aber eindrücklichen Ansichten erlebbar macht. Die Bundesrepublik wird besichtigt, und sie sieht sich ähnlich.

Die siebzehn Fotografien hat Hesse auf siebzehn Klappkarten drucken lassen - unter Bewahrung ihrer exzeptionell farblosen Farbigkeit -, und diese Karten in eine graue Mappe eingelegt. So etwas nennt sich eine "Edition" und tritt, mit erschreckender Wirkung, was den Preis betrifft, an die Stelle des fotografischen Buches, das zu verlegen im Moment als unkalkulierbares Risiko gilt.

ULF ERDMANN ZIEGLER

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