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1968, HR-Sendesaal: Heinrich Böll, Theodor W. Adorno und Siegfried Unseld (v.l.) bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung.

Suhrkamp

Aus dem Doppelleben des Verlegers

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zu Siegfried Unselds sehr anschaulichen und unverblümten Reiseberichten aus den Jahren 1959 bis 1998.

Siegfried Unseld (1924–2002) wurde 1952 Angestellter des Suhrkamp Verlages in Frankfurt. Nach dem Tod Peter Suhrkamps 1959 übernahm er das Haus als alleiniger Verleger. Damals begann der Aufstieg von Suhrkamp zu einem der angesehensten Verlagshäuser der Welt. Raimund Fellinger (1951–2020) wurde 1979 Lektor bei Suhrkamp. Von 2006 bis zu seinem Tode war er Cheflektor des Verlages. Er machte noch Unselds „Reiseberichte“ aus den Jahren 1959 bis 1998 fertig zum Druck.

Unseld war ein Berserker. Ein Mann, der ein riesiges Arbeitspensum bewältigte und daneben noch ein ausschweifendes Privatleben führte. Von letzterem ist hier keine Rede. Hier sind 35 Berichte zu lesen, die Unseld von seinen Geschäftsreisen verfasste. Fellinger suchte sie aus mehr als 1500 heraus. Es sind Berichte, in denen sich die Zusammenfassungen der Eindrücke von Ländern und Leuten mischen mit Hinweisen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verlages, die auf diese Weise informiert wurden über Vereinbarungen, die mit Autoren, anderen Verlagen, der Presse oder auch mit Politikern getroffen wurden.

Wir bekommen Einblicke in die beeindruckende Doppelexistenz eines Verlegers, der einerseits mit Autoren über ihre Texte spricht, der anderseits, aber auch sehr genau festgelegt wissen möchte, wer wie viel Geld bekommt und welche Institutionen man um finanzielle Unterstützung angehen muss, um zum Beispiel eine deutsche Buchreihe in einem russischen Verlag zu starten.

Die erste hier dokumentierte Reise führt Unseld in die Hauptstadt der DDR, ins Brecht-Archiv. Er hat Gespräche mit Elisabeth Hauptmann und Helene Weigel. Im Westen besucht er die Buchhandlung Schoeller. Der letzte hier abgedruckte Reisebericht stammt vom Mai 1998. Es ist eine Fahrt nach München zur Beerdigung des Autors Hermann Lenz. Unseld nutzt den Termin und verhandelt mit Hans Magnus Enzensberger, der zu seinem 70. Geburtstag lieber keine „Gesammelten Gedichte“ haben möchte, das sehe doch ein wenig zu endgültig aus. Die beiden gehen dann noch zusammen in die Buchhandlung Lehmkuhl.

Das Buch

Siegfried Unseld: Reiseberichte – Verlegererfahrungen aus 60 Jahren. Suhrkamp (Bibliothek Suhrkamp), Berlin 2020. 378 S., 26 Euro.

Sehr schön ist der Bericht vom Juli 1969 in München. Junge Autoren planen eine Zeitschrift. Unseld soll zahlen, aber nichts zu sagen haben. Ein Wunsch, der zur Autoren-DNA zu gehören scheint. Aus der Zeitschrift wurde nichts.

Peter Handke weist Unseld darauf hin, Erika Runges Interviews hätten einen „denunziatorischen“ Charakter. Sie spreche in ihnen ein klares Hochdeutsch, die Antworten der Arbeiter wären aber in bewusst verstümmelter Sprache wiedergegeben. „Das sei, so sagt Handke, nicht nur ungerecht, sondern zum Kotzen. Wir sollten diesen Punkt doch unbedingt beachten.“

Handke hatte sicher recht mit seiner Kritik, obwohl es auch gute Gründe dafür gibt, die Menschen so sprechen zu lassen, wie sie nun einmal sprechen. Aber man erinnert sich doch daran, wie viel die damalige „Hinwendung zur Arbeiterklasse“ etwas von einem Zoobesuch hatte.

Bücher aus der Vergangenheit werfen immer auch ein erhellendes Licht auf die Gegenwart. Seine Aufzeichnungen über einen Japan-Besuch beginnt Unseld mit einem Zitat aus einem Buch des damals (November 1985) überaus erfolgreichen Zukunftsforschers Herman Kahn: „Das 21. Jahrhundert wird den Japanern gehören.“ Es spricht wenig dafür, dass unsere Vorstellungen von der Zukunft zutreffender sein werden als die damals. Den Aufstieg Chinas sah damals kaum jemand voraus.

Vom 30. April bis zum 4. Mai 1989 war Unseld in Israel. 18 Seiten umfasst sein Bericht. Ein Stück diktierter Literatur. An manchen Stellen ein wenig überambitioniert, aber sehr schön, wenn Gershom Scholems Witwe Fania die mitgebrachte Orchidee, die Unseld zuvor als „schön und teuer“ bezeichnet hat, mit den Worten kommentiert: „Ja diese Blumen wachsen hier wie Mist.“ Fania war Gershoms Scholems Schülerin gewesen, sie stammte aus der Ukraine, aber in diesem Satz glaubt man Scholems Berliner Schnauze zu hören und ist gerührt.

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