1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

"Sie können mich mal!"

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Peter Michalzik

Kommentare

Im Hintergrund des Buches immer präsent: Der Korea-Krieg. Auf dem Bild von 1950 sieht man US Marines bei der Landung in Süd-Korea.
Im Hintergrund des Buches immer präsent: Der Korea-Krieg. Auf dem Bild von 1950 sieht man US Marines bei der Landung in Süd-Korea. © getty

Philip Roth ist der letzte Vertreter der großen Epoche des amerikanischen Romans. Heute erscheint "Empörung", ein kurzes, schmerzhaftes und großartiges Buch.

200 Seiten hat der neue Roman von Philip Roth in seiner deutschen Übersetzung, der jetzt unter dem Titel "Empörung" erschienen ist, 200 schlanke Seiten nur. Trotzdem steht dieses Buch so wuchtig da wie ein starker Stamm und ist so heftig wie ein fallender Fels.

Zwei Kräfte sind es, die deutlich wie noch nie in Roths Buch miteinander im Widerstreit liegen. Zwei Kräfte, die man benennen kann, die dadurch aber doch viel von der überwältigenden Eindruck verlieren, die sie in diesem Roman haben. Sigmund Freud hat sie benannt, als er die Worte Libido und Todestrieb fand. Roth benennt sie nicht, er evoziert sie, dadurch aber stehen sie viel präsenter im Raum und treffen den Leser, dieses äußerlich so ruhige Wesen, mit dieser ungeheuren Wucht.

200 Seiten sind es, auf denen das Leben von Marcus Messner erzählt wird - und zwar von ihm selbst. Die Erzählung beginnt mit seinem Eintritt ins College im September 1950 und endet zwei Jahre später. Zwei Jahre, 200 Seiten, das ist kurz, aber da ist alles drin.

Die eine Kraft verkörpert Marcus Messner selbst, ein junger Mann, der den bigotten Gottesdienst am College nicht erträgt und der die falsche Töne in der Fürsorge durch den Dekan des Colleges ebenso wenig ertragen kann. Eine regelrechte Qual aber scheint für Messner die übertriebene Ängstlichkeit seines Vaters zu sein. Da wird das Buch dunkel, die Empörung über Gottesdienst und Dekan ist weitaus expliziter als das Leiden am Vater.

Marcus Messner ist ein junger Mann, der die markige Eindeutigkeit des kurzen Satzes "Sie können mich mal!" gewundenen Worten vorzieht. Auf der anderen Seite kann Marcus Messner, Markie nennen ihn seine Eltern, nichts dagegen tun, dass Olivia Hutton seine Obsession wird, obwohl er genau weiß, dass er sich besser von ihr fernhalten würde.

Sie hat ihm, wir befinden uns wie gesagt in den fünfziger Jahren, bei ihrem ersten Rendezvous unglaublicherweise einen geblasen. Und sie hat Narben an den Handgelenken, die sie sich in eindeutiger Absicht selbst zugefügt hat. Sex - und was ist Sex bei Roth, wenn nicht die Lebendigkeit des Lebens selbst - Sex bringt auch diese Geschichte ins Rollen und treibt sie dann vorwärts.

Die andere Kraft aber, die durch dieses Buch tobt und es antreibt, ist finster, tödlich, bedrohlich, in diesem Fall ist es der Korea-Krieg. Diese bedrohliche Düsternis ist man aus Roths Romanen so nicht gewohnt. Schon immer ist Roth ein Meister darin, zeitgeschichtliche Hintergründe zu einem selbstverständlichen Teil seiner Geschichten werden zu lassen. Unvergessen zum Beispiel der Anfang von "Der menschliche Makel", wo Uni-Angestellte über Bill Clinton und Monica Lewinsky geredet haben und dabei mehr über Amerikas Sexualmoral verraten haben, als kluge Studien, Analysen oder Kommentare je werden zu Tage fördern können. Eine der Rollen von Philip Roth ist, zumindest seit "Sabbaths Theater", die des Chronisten Amerikas. Hier aber, in "Empörung", ist der zeitgeschichtliche Hintergrund noch mehr als ein perfekt integrierter Teil der Erzählung, er ist jene dunkle Macht, die ganz im Zeichen des Todes steht, und die auch auf Markies Leben viel Einfluss nehmen wird.

Beide Kräfte, das, was zum Tod und das, was zum Leben zieht, kämpfen in diesem Buch verbittert gegeneinander. Der Krieg bleibt dabei fern und bedrohlich, Markie dagegen ist präsent und vital. Der Krieg erscheint mit jener Gelassenheit, die der wirklich Mächtige ausstrahlt, Markie dagegen ist voll jener Erregung, die ihn als einen Novizen des Lebens auszeichnet. Man ahnt - und weiß es zu einem relativ frühen Zeitpunkt dann auch -, wer hier als Sieger vom Platz gehen wird.

Dieser Punkt, wo man alles erfährt, wo sich alles entscheidet, lässt sich genau angeben. Er steht im Buch auf Seite 52: "Und selbst als Toten, der ich bin, und zwar wer weiß wie lange schon, beschäftigt mich immer noch die Rekonstruktion der Sitten, die damals auf diesem Campus herrschten..." Dieser Satz trifft den Leser mit der bereits angesprochenen Wucht, er ist das Konzentrat des Buches. Warum allerdings Übersetzer Werner Schmitz und der Hanser Verlag hier, bei diesem entscheidenden Satz, eine Konstruktion wählen, bei der man den Sinn vergisst, weil man über die Grammatik stolpert, ist schwer zu verschmerzen. "...als Toten, der ich bin..."? Umso mehr als die Übersetzung Roths Sprache mit ihrer kraftvollen Eleganz auch im Deutschen blühen lässt.

Markie ist der einzige Sohn eines Ehepaars aus New Jersey. Die beiden sind koschere Metzger. Blut, das Blut der Tiere, ist ein wesentlicher Teil von Markies Kindheit und Jugend. Seine Mutter ist eine herzenswarme, starke Frau, sein Vater ein tüchtiger Mann, aber er wird verrückt vor übersteigerter Sorge um seinen einzigen und über alles geliebten Sohn, der - als er zu studieren beginnt - den Gefahren des Lebens nun allein ausgesetzt ist. Dabei scheint Markie ganz in des Vaters Sinn zu funktionieren, er schreibt eine gute Note nach der anderen, er ist gewissenhaft, unauffällig und trägt an den Wochenenden durch Arbeit in einem Diner zu seinem Lebensunterhalt bei.

Vielleicht tut Markie das alles, weil er hofft, so nicht eingezogen zu werden, vielleicht hat er aber auch ganz andere Gründe, die er selbst noch nicht richtig weiß. Markie ist jung, und wir werden es nie erfahren. Wieder eine Frage, die das Buch im Dunkel lässt, so dass die Bedrohung umso deutlicher wird. Weil die "Sitten auf dem Campus" so bigott sind, wie sie sind, und weil er das nicht erträgt, wird er keine Möglichkeit haben, sich zu entwickeln und zu erproben.

Höhepunkt des Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Dekan, ein langes Gespräch, wunderbar antithetisch und doch lebendig aufgebaut, eine Auseinandersetzung voller Spannung, in dem es ohne einen wirklichen Anlass um den großen Konflikt geht. Der Dekan kritisiert Markies Lebensweise, seine Zurückgezogenheit, weil er die Unangepasstheit, die sich hinter seinen hervorragenden Noten versteckt, genau spürt. Beide kämpfen hartnäckig und versiert um jeden Meter Boden, bis hin zu einer langen Passage, in der Markie wörtlich und beeindruckend Bertrand Russell und seinen Vortrag "Warum ich kein Christ bin" zitiert.

Überhaupt ist Roth Buch meisterhaft aufgebaut, immer bewegt es sich präzise am Thema entlang, nie schweift Roth ab, nie entwickelt sich die Geschichte in eine Richtung, die ihr etwas von ihrem exemplarischen Charakter nehmen würde, nie aber wirkt sie so, als sei sie auf diese exemplarische Qualität hin konstruiert, immer wirkt sie gelassen und frei erzählt.

Hat man "Empörung" gelesen, muss man fast unweigerlich auf die Idee kommen, dass Empörung - neben Sex - schon immer Roth' großes Thema gewesen ist, und dass beide - Sex und Empörung - Schwestern im Geist sind, die im Namen der Freiheit die Köpfe zusammenstecken. Zu beiden gehört ein kämpferischer, aufmüpfiger, juveniler Geist. Manchmal erscheint Amerika, das Reich der Freiheit, wie ein Gefängnis, wenn sie die Regie übernehmen.

Nach seinen letzten Büchern, "Everyman" und mehr noch nach "Exit Ghost", konnte man der Ansicht sein, der 1933 geborene Roth würde langsam etwas von seiner enormen schriftstellerischen Spannkraft einbüßen. "Empörung" erweist das Gegenteil. John Updike ist tot, viele andere sind tot, nun ist Philip Roth der Autor, der - vielleicht noch neben Don DeLillo - den amerikanischen Roman und seine große Epoche repräsentiert. Ian McEwan hat direkt nach Updikes Tod darauf hingewiesen.

Roths Bücher transportieren den Geschmack ihrer Zeit und Welt. Auch Markie, der mit 19 Jahren stirbt, kommt wie viele andere Helden von Roth aus New Jersey. Wann er geboren ist, kann sich jeder selbst ausrechnen. Roths Bücher strotzen vor Intelligenz, sie sind voll narrativer Ironie, sie haben Drive. Das alles ist in den 200 Seiten von "Empörung" noch einmal in bewundernswerter Weise enthalten.

Philip Roth:

Empörung. Roman, aus dem Amerikanischen von

Werner Schmitz, Carl Hanser Verlag. 208 Seiten,

17,90 Euro.

Auch interessant

Kommentare