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Callan Wink in Montana.
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Callan Wink in Montana.

Callan Wink „Big Sky Country“

Sich über Zäune und Marmelade unterhalten

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Callan Winks feiner, stiller Debütroman „Big Sky Country“, jetzt erschienen bei Suhrkamp.

Callan Wink, geboren 1984, arbeitet seit seinem neunzehnten Lebensjahr als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River in Montana.“ So steht es im Klappentext und man ist versucht zu sagen: Ein Angler also, deswegen vielleicht dieser gelassene, geduldige Erzählton, dieses ruhige Hinsehen, diese Lakonie und Schnörkellosigkeit. Wobei das geradlinige, unaufgeregte Erzählen ja doch auch Interesse und ein bisschen Spannung wecken muss, soll die Leserin, der Leser bei der Stange bleiben.

Im Fall von Callan Winks Debütroman ist es wohl einfach so: Es gibt darin Menschen mit heutzutage eher fremdartigen Lebensläufen und Tätigkeiten – Männer, die einen 40-Hektar-Milchkuhhof bewirtschaften, Frauen, die sich als das verdingen, was man früher Magd genannt hätte –, ein Milieu also, das neugierig macht und in das man hier unbemerkt hineinspitzen kann. Und es gibt die Momente, in denen man plötzlich Verbindungslinien sieht: Zwischen Capitol-Stürmern und „Querdenkern“ zum Beispiel und dem alten wütenden Farmer, der in Winks Roman an der Zufahrt zu seiner Farm Schilder aufstellt: „Wacht auf ihr Schafe!“ steht da, oder gar „Juden=Terroristen“ und „9/11 war der Mossad“.

Zwar nicht in der Ich-Form geschrieben, blickt das Buch doch durch die Augen des zunächst noch minderjährigen August auf die Welt; im 2020 erschienenen Original lautet der Titel darum schlicht „August“, Suhrkamp entschied sich für das bedeutsamer klingende „Big Sky Country“. Aber dieser Autor sucht sich nicht aufzuplustern, mit Beschreibungen grandioser Landschaften zu punkten, über die sich der weite Himmel spannt. Wink blickt eher auf den Zaunpfahl, der eingeschlagen, den Stacheldraht, der gezogen werden muss, als auf die Bergspitze. Und er dreht auch nicht an der Metaphern- und Symbolschraube. August, immer noch blutjung, fährt am Ende mit seiner Mutter zu seinem Vater – die beiden sind nun schon eine Weile geschieden – und wehrt ihre leicht überspannten Überlegungen zu einem bedeutsamen Generationenwechsel ab: „Ja, ich fahre dich, aber das ist kein Symbol für irgendwas. Ich mache es einfach. Es passiert.“

Es passiert: auch das könnte ein schöner Titel sein für diesen Roman. Was hier geschieht und erzählt wird, ist, dass August aufwächst auf einem Milchkuhhof. Sich erinnert an den staubigen Heuboden, kauende Kühe, eine grummelnde Pumpe. Sich erinnert, da ist er zwölf, dass sein Vater ihm einen Dollar für jeden Katzenschwanz verspricht, denn die Katzen haben sich in der Scheune zu sehr vermehrt. Irgendwann taucht die rosige, unkomplizierte Lisa auf, als Hilfe auf dem Hof. Augusts Vater wird sich ihr zuwenden, Augusts Mutter mit ihrem halbwüchsigen Sohn schulterzuckend weggehen. Und dieser wird sich, statt nach dem Schulabschluss auf die Uni zu gehen, wie es sich die Eltern wünschen, in Montana, in „Big Sky Country“ auf fremden Ranches verdingen.

Das Buch:

Callan Wink: Big Sky Country. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Suhrkamp, Berlin 2021. 380 S., 23 Euro.

Kein Rosenkrieg. Kein Zerwürfnis mit dem Sohn. Kein Drama, nirgends. Schlimme Dinge geschehen, aber es sind mehr ihre Auswirkungen, ist ihr Widerschein, der in dieser Geschichte eine Rolle spielt. Einer der Söhne des wütenden Alten ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, stellt er darum seine Schilder auf? Ein ehemaliger Schulfreund Augusts, Ramsey, hat bei der US-Army angeheuert und erleidet in Afghanistan so schwere Verbrennungen, dass er stirbt.

Läuft darum eine Party zu seinen Ehren aus dem Ruder? Weil die jungen Männer schon saufen müssen, um vergessen zu können? August beobachtet, dass plötzlich alle erzählen, Ramsey sei ihr bester Freund gewesen, dass „nichts so beliebt macht wie das Sterben“. Seltsam, wie schnell das geht. „Er selbst versuchte, sich an das Letzte zu erinnern, was er zu Ramsay gesagt hatte, aber es fiel ihm nicht ein.“

Das Wort Authentizität wird gern verwendet, wenn es um Musik geht. Hier ist es nun ein Roman – völlig egal, wie viel davon autobiografisch sein mag –, der gründlich und aufrichtig von einem Heranwachsenden erzählt. Von einem jungen Mann, der sich tatsächlich mal prügelt, stockbetrunken, aber es bedeutet eigentlich nichts in dieser Geschichte. Es passiert.

August ist einer, der die Dinge ernst meint, manchmal verflixt ernst, der fast nie lächelt, sich nach der Leere seiner kargen Wohnung sehnt – wenn er nicht gerade arbeitet, schuftet eher, einen Zaun baut, Heu zu Ballen presst. Der angeln geht, wo es keine Fische gibt; es ist ihm egal. Den seine Mutter zu einem „anständigen jungen Mann“ erziehen will – und der genau das zu werden scheint. „Reisen statt rasen“, erwidert August mal einem Kumpel, der findet, er fahre wie ein Opa.

Das kleine Wunder dieses Bildungsromans ist, dass er tatsächlich alles andere ist als ein Schelmen- oder Liebesroman (seine Jungfräulichkeit verliert August unspektakulär mit einer Freundin seiner Mutter), dass Callan Wink einen aber trotzdem in keinem Moment ermüdet. Ob der kleine August Katzen auflauert, um sich einen Dollar zu verdienen, ob der große sich mit einem Hutterer-Mädchen über Marmeladensorten und ihre Vorzüge unterhält: Genauso wird es wohl zugehen – wahrhaftig und keineswegs nur in Big Sky Country.

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