Schauspiel Frankfurt

Sich in seinen Feind einfühlen

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Vor der Premiere von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“: Der Schriftsteller David Grossman spricht über Amos Oz, die Lage in Israel und den Kampf gegen Stereotype.

An Orten, wo Menschen leben, gibt es niemals einen Status quo.“ Dies gelte vor allem, so der israelische Autor David Grossman, wenn Menschen unterdrückt werden. Was wie ein stabiler Status quo erscheine, könne sich unerwartet in einer für beide Seiten erschreckend starken Explosion entladen. Die gegenwärtige Lage in Israel sei darum ein nicht hinzunehmender Zustand.

Die Folgen dieser stets präsenten gesellschaftlichen Spannung spiegeln sich im Werk des 1954 in Israel geborenen Autors. Detailliert analysiert er die Veränderungen, die sich in die Kindheit, das Liebes- und Eheleben und in das Selbstverständnis jedes Einzelnen einschleichen. Menschen verlieren ihre inneren Spielräume und verhärten.

Große Aufmerksamkeit erhielt der 2008 publizierte und ein Jahr später in der Übersetzung von Anne Birkenhauer auf Deutsch erschienene Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Hier beschreibt Grossman, wie die Mutter eines in den Krieg eingezogenen Soldaten aus ihrer Wohnung flieht, um für die Nachricht seines möglichen Todes unerreichbar zu sein. Während Grossman an dem Buch schrieb, holte ihn selbst diese Realität ein. Sein eigener Sohn war im Krieg gefallen. Dieser bewegende Text wird jetzt am Frankfurter Schauspiel erstmals in einer Bühnenfassung gezeigt, inszeniert von Jessica Glause. Zur Premiere am gestrigen Freitagabend ist David Grossman an den Main gereist. Am Abend zuvor sprach er im Chagallsaal des Schauspiels, moderiert von dem Journalisten Lothar Müller, über die Rolle der Literatur im Nahen Osten.

Wichtigste Stimme der israelischen Gegenwartsliteratur war bis zu seinem Tod vor kurzem Amos Oz. „Ohne ihn fühle ich mich wie ein Waise, der einen der bedeutendsten Menschen in seinem Leben verloren hat“, sagt Grossman. Amos Oz habe nicht nur ihn, sondern eine ganze Generation kritischer linker Autoren geprägt: „Ich wurde geboren, als es Israel schon gab. Amos ist zwar nur 15 Jahr älter, doch hat er den Kampf um die Staatsgründung erlebt. Er fühlte sich für den Staat verantwortlich. Seine kristallklaren Analysen haben die Ereignisse präzise eingeordnet und bewertet. Niemand kann ihn ersetzen.“

Amos Oz’ Stimme sei in Israel jedoch zunehmend marginalisiert worden, erzählt Grossman. Seine kritische, unter anderem eine Zwei-Staaten-Lösung befürwortende Position habe dem rechtsgerichteten, militanten Flügel in der Gesellschaft nicht entsprochen.

So sehr ein Staat feste Grenzen brauche, so falsch seien feste Denkmuster – so Grossman – gegenüber einzelnen Menschen. Mit größter Freude schreibe er darum gegen Stereotype an. „Auch wenn ich mich in meinen Feind einfühle, verliere ich nicht meine israelisch-jüdische Identität.“

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