Man tut sich schwer mit Heimatgefühlen

Famlienepos zwischen Maas, Saar, Rhein, Save und krka: Die hinreißende Trilogie "Die Zugereisten" von Lojze Kovacic ist komplett

Von ROLF WÖRSDÖRFER

Erst im dritten Band seiner Zugereisten nennt Lojze Kovacic die vollständigen anagrafischen Daten aller Mitglieder jener slowenisch-saarländisch-lothringischen Migrantenfamilie, deren Geschicke er in den beiden vorangegangenen Büchern über die späten 1930er und frühen 1940er Jahre hinweg verfolgt hat. Die fünf Hauptfiguren haben in ebenso vielen Ländern irgendwo zwischen Maas, Saar, Rhein, Save und Krka das Licht der Welt erblickt. Die Zugereisten, das sind Alojz Kovacic senior, geboren 1873 in Cegelnica, Jugoslawien, und Elizabeth, geb. Faist, Jahrgang 1879, "aus Saarlouis in Deutschland stammend", ferner deren Tochter Clairi, 1910 in Brüssel, und der Sohn Alojz junior, 1928 in Basel geboren, schließlich Gisela, die "uneheliche Tochter der Claire, geb. 1936 in Mulhouse, Frankreich".

Die beiden ersten Bände handeln von der Ausweisung der Familie aus Basel und von ihrer Übersiedlung in das Geburtsland des Vaters, nach Slowenien. Alojz sen. ist Kürschner von Beruf, seine Tochter hilft ihm in der Werkstatt, während Elizabeth den Haushalt führt; der Junge geht noch zur Schule. Am wenigsten erfährt man zunächst über das gehbehinderte Mädchen Gisela, das später zum Liebling aller Insassen eines österreichischen Lagers für Displaced Persons wird. Der mit überreichem autobiografischem Material arbeitende Ich-Erzähler, Alojz junior oder Lojze Kovacic, liefert eine dichte Beschreibung des wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs seiner Eltern. Ursprünglich in der Schweiz einmal so gut gestellt, dass sie auf dem Wege der Rücküberweisungen Verwandte im ländlichen Unterkrain unterstützen konnten, werden sie zu Opfern der Weltwirtschaftskrise und eines ausländerfeindlichen Dekrets der eidgenössischen Regierung.

Die Etappen des Niedergangs sind aus der Perspektive des Buben dargestellt und schließen die Ausweisung, ein kurzes Intermezzo in Cegelnica, den Umzug in die Hauptstadt Sloweniens, deren Besetzung durch die italienische Armee 1941 und durch die Wehrmacht 1943, die Erkrankung und den Tod des Vaters ein. Der neue Band beginnt mit dem Freudentaumel über die Befreiung Ljubljanas durch die slowenische Osvobodilna fronta, um dann alsbald von der Vertreibung aller weiblichen Familienmitglieder aus der "Volksrepublik Slowenien" zu berichten.

Die Behörden begründen ihre Maßnahme damit, dass der inzwischen verstorbene Vater während der deutschen Besatzungszeit für das "Dritte Reich" optiert und damit für sich und seine Angehörigen die Möglichkeit verwirkt habe, die jugoslawische Staatsbürgerschaft zu behalten bzw. neu zu erwerben. Nur Kovacic jun. darf "frei" entscheiden, ob er Mutter, Schwester und Nichte auf den Transport folgen oder ob er in Jugoslawien seinen Schulabschluss machen möchte. Clairi, die ältere Schwester, hilft ihm aus dem schier ausweglosen Dilemma, sich entweder von den Freunden oder von der Familie trennen zu müssen. Er möge in Ljubljana bleiben und seine Kontakte zu den neuen Machthabern nutzen, rät sie ihm: Alles werde sich dann schon zum Guten wenden.

Doch der Ausweisungsbefehl ist nicht rückgängig zu machen und wird sofort vollstreckt. Erst später soll Alojz erfahren, dass der Zug mit den Ausgestoßenen noch tagelang zwischen der österreichischen und der jugoslawischen Seite, zwischen Kärnten und Oberkrain, hin- und herpendelte und dass für die Behörden genügend Möglichkeiten bestanden hätten, seine Angehörigen zurück zu holen.

Der in Unkenntnis über das Schicksal der "Frauen" gehaltene Siebzehnjährige hat im ersten Moment die Chance, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Sein Bewegungsspielraum wird durch die Tatsache eingeschränkt, dass er als ehemaliges Mitglied der Hitlerjugend im sozialistischen Jugoslawien erpressbar ist und bald in ein Wechselbad aus Verfolgung und Weiterförderung gestürzt wird. Diesem Auf und Ab - mal verkehrt er in den vornehmsten Salons der kommunistischen Inteligencija, dann wieder hat er nicht einmal ein Dach über dem Kopf - entsprechen auch seine Gefühle der neuen Staatsmacht gegenüber. Das Ljubljana der siegreichen Partisanen kann er nicht als "Heimat" annehmen, obwohl oder gerade weil er sich für seine Kompromisse mit dem NS-Besatzerregiment schämt.

Nachdem Alojz trotzdem begonnen hat, sich mit der neuen Lebensperspektive anzufreunden, die ihm seine Tätigkeit als Autor für verschiedene Jugendzeitschriften eröffnet, entzieht ihm das Regime den Boden unter den Füßen, indem es die Kürschnerwerkstatt des Vaters und die dazugehörige Wohnung beschlagnahmt. Aus dem Internat, das ihm danach ein Minimum an Geborgenheit bietet, wird er ausgeschlossen, weil er bei einem Freiwilligeneinsatz der Jugendarbeitsbrigaden in Bosnien gegen die Baustellenleitung aufbegehrt hat. Insgesamt zählen die Seiten über die bei glühender Hitze und strömendem Regen vorangetriebenen Arbeiten an der "Strecke der Jugend" zwischen Šamac und Sarajevo zu den gelungensten des Buches.

Glänzend ist die Darstellung des Ineinandergreifens von bürokratischem Kollektivismus und nationaler wie geschlechtlicher Segregation: An derselben Bahnlinie Schwerstarbeit verrichtend und von den Funktionären rund um die Uhr kontrolliert, unterhalten slowenische und mazedonische Freiwillige ebenso wenige Beziehungen untereinander wie Jungen und Mädchen aus den jeweiligen Unionsrepubliken zueinander finden können. Ganz fehlen auch die Kontakte zur ländlichen bosnischen Umgebung, auf die Alojz besonders gespannt war.

Die Erlebnisse des Jungen sind mit viel Freude am Erzählen, einem großen Reichtum an Farben und einer immensen sprachlichen Ausdruckskraft niedergeschrieben. Eingestreut finden sich längere Abschnitte über den Gegensatz zwischen dem literarischen Stil des Autors und dem Jargon der Monopolbürokratie, Reflexionen, die sich unmittelbar im Text niederschlagen. Was in den vorangegangenen Bänden noch sperrig war, liest sich jetzt überaus flüssig und wirkt bei aller Detailfreude auf fast 600 Seiten nie ermüdend. Selbst den Exkursionen auf das weite Feld jungkommunistischer Diskussionen und Monologe über Marxismus und Existenzialismus kann man problemlos folgen. Einiges steuert Kovacic auch zur Beantwortung der Frage bei, ob der staatssozialistische (Süd-)Osten Europas nach 1945 für die damals Unter-Zwanzigjährigen bessere Identifikationsmöglichkeiten bereit stellte als der durch die Amerikaner und Briten befreite Westen.

Am Ende ist der Leser froh, dass zum nachgelassenen Werk des Verfassers neben der jetzt abgeschlossenen Trilogie weitere Romane gehören, die noch nicht ins Deutsche übertragen sind. Ein Verleger und ein Übersetzer werden sich auch für diese Werke finden.

Lojze Kovacic:

Die Zugereisten.Eine Chronik.Drittes Buch. Aus dem Slowenischen übersetztvon Klaus Detlef Olof.Drava Verlag,Klagenfurt / Celovec 2006, 596 S., 34 Euro.

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