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Wie man von sich schreibt

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Melitta Breznik setzt ihren Nachtdienst auf den Lafoten fort und hat ihren ersten Roman geschrieben. Die Psychiatrie ist für die Autrorin mehr als ein Beruf. Sie ist eine literarische Obsession. Von Falk Stakelbeck

Von FALK STAKELBECK

Hochgelobt seit ihrem Debüt, hat man bei der Erwähnung von Melitta Breznik noch immer die Chance, einen Geheimtipp zu landen. Dabei ist das Werk der österreichischen Autorin, bisher zwei längere und ein Band mit kürzeren Erzählungen, nur äußerlich schmal. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Breznik als Ärztin in der Psychiatrie, und der Hinweis auf ihre Profession fehlte bisher in kaum einer Rezension. Weit entfernt von österreichischen Beschimpfungsorgien oder abendländischer Bildungshuberei, wie es die Stichworte Österreich und Dichterarzt nahelegen, spielt ihre Prosa allerdings auf einem ganz anderen Register. Der Hinweis auf die Psychiatrie trifft dennoch eine zentrale Obsession dieser Autorin.

Auf die Verwerfungen der Psychiatriegeschichte, vom manischen Kategorisieren zum elenden Selektieren, reagiert die Psychiaterin Breznik mit einem soliden Solipsismus. Der Andere ist prinzipiell unerkennbar; ein Produkt unserer Projektion. Für den psychiatrischen Alltag bietet das ausreichend handwerkliche Absicherung. Der Autorin Breznik gerät dieser Solipsismus zur zentralen Problemkonstante. Das meint weniger den stofflichen Aspekt, wenn auch das gesamte Personal ihrer Erzählungen mehr oder weniger die Psychiatrie zumindest streift, sondern vor allem die Frage nach der Perspektive. Das Problem, wie man von sich erzählt, ist eben auch ein handwerkliches.

Protagonistin seit dem Debüt "Nachtdienst" ist eine österreichische Psychiaterin, die durchgängig aus der Ich-Perspektive berichtet. Wie aus den durchwachten Nächten der ängstlichen Tochter eines alkoholabhängigen, randalierenden Vaters ein lebenslanger Nachtdienst wird, enthüllt die Autorin dort ziemlich schonungslos. Auch in den Figuren ihres zweiten Buches, einem Reigen von Kurzgeschichten, kunstvoll durch die Sicht der Erzählerin gebunden, entfaltet sie reichlich vom Lebensstoff Psychiatrie.

Härter in der Diktion folgt sie in "Das Umstellformat" den Spuren der an einer Schizophrenie erkrankten und in die Fänge der deutschen Vernichtungspsychiatrie geratenen Großmutter. Das dokumentarische Material - Photos, Gerichts- und Krankenhausunterlagen - kontrastiert dabei auffällig die eigene Stimme.

Auch ihr neues Buch "Nordlicht", erstmals als Roman bezeichnet, entlässt die Autorin nicht aus ihrer Obsession. Um einen Roman im üblichen Sinn, wenn das Mehrstimmigkeit, Fülle an Reflexion und Polemik meint, handelt es sich allerdings nicht. Dazu ist diese Autorin in ihrer ganzen Haltung zu skrupulös. Allerdings führt Breznik nun eine zweite Protagonistin mit eigener Stimme ein, von der lange nicht klar wird, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis sie zur Erzählerin steht.

Illustration: Jörg Hülmann & Iris Ugurel

Mit ein paar Strichen entwirft sie am Anfang das Szenario einer entfremdeten, toten Ehe, um ihre Protagonistin schon nach einigen Seiten, als habe auch sie das Interesse an dieser Beziehung verloren, in eine Auszeit auf die Lafoten zu entlassen. Anna Bergmann, so heißt die Psychiaterin nun, ist die bekannte tragende Säule im ersten Teil. Über die letzten Monate ihrer Ehe mit einem gescheiterten Geschäftsmann, aber auch den euphorischen Aufbruch dieser Beziehung, erfährt man in Rückblenden, in gleichsam statischen Bildern. So weit zurück liegt dieses Ich, dass darüber wie über eine andere Existenz nur in der dritten Person gesprochen werden kann.

Zurückgezogen hat sich die Erzählerin auch, weil sie glaubt, verrückt zu werden. Einen Genesungsprozess zu schildern (mit Einkaufen, Essenkochen und Landschaftbetrachtung), ist natürlich nicht ohne Wagnis, und der Monotonie entgeht Breznik nicht immer. Nach Norwegen hat es Anna Bergmann aber auch verschlagen, weil sie hier den Spuren ihres im Zweiten Weltkrieg stationierten Vaters folgt. Ihm wird sie weniger durch die hinterlassen Tagebücher, Photos und Zeichnungen näherkommen, als vielmehr durch die Begegnung mit der anderen Protagonistin dieses Romans.

Giske Norman, gut anderthalb Jahrzehnte älter als die Erzählerin, Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten, den sie nie kennen gelernt hat, entwirft im zweiten Teil nun ihre Lebensgeschichte. Als "Deutschenbalg" der Mutter entrissen, in Kinderheimen, Psychiatrie und bei Pflegeeltern aufgewachsen, bietet ihre Darstellung ausreichend Möglichkeiten, die Spaltung der norwegischen Nachkriegsgesellschaft von Kollaborateuren und Widerständlern zu umreißen. Spannung erzeugt Breznik dadurch, dass sie erst am Ende des Romans verrät, in welchen Verhältnis, einem wahl- oder doch einem halbverwandtschaftlichen, die beiden Frauen stehen. Streng parallel sind die beiden Teile komponiert. Hier wie dort finden sich Rückblenden in beinahe statischen Bildern und dieselbe Scheu, der früheren Existenz noch in der Ichform zu begegnen. Breznik entwirft so ein Doppelporträt, das im wörtlichen Sinn die tiefe Sympathie der beiden Protagonistinnen darstellt.

Am Ende des Buches findet sich ein Paar, die Erzählerin hat wieder eine neue Stelle in der Psychiatrie, und die Suche wird für einen Moment in einem Landschaftsbild ruhig gestellt. Mellitta Breznik schreibt ein Werk in Fortsetzung. Man sollte alles von ihr kennen. Es ist zwar nicht immer das reinste Vergnügen, illusionsloser zu werden. Den Veränderungen ihrer Stimme zu folgen, schon.

Melitta Breznik: Nordlicht. Roman.Luchterhand Literaturverlag, München 2009, 256 Seiten, 17,95 Euro.

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