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Canaletto: „Dresden vom rechten Elbufer oberhalb der Augustusbrücke“ (1747, Ausschnitt). Josef Fröhlich ist der Mann mit dem weißen Hund in der rechten Bildhälfte unten.
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Canaletto: „Dresden vom rechten Elbufer oberhalb der Augustusbrücke“ (1747, Ausschnitt). Josef Fröhlich ist der Mann mit dem weißen Hund in der rechten Bildhälfte unten.

Hans Joachim Schädlich "Narrenleben"

Sich in die Luft werfen lassen

Bajazzos tapfere Vorfahren: Der bald 80 Jahre alte Hans Joachim Schädlich erzählt in seinem neuen Roman extrem ökonomisch aus zwei „Narrenleben“. Josef Fröhlich und Peter Prosch gab es wirklich, übermäßig lustig war ihr Leben nicht.

Das neue Buch von Hans Joachim Schädlich führt in die Zeit Augusts des Starken und danach. Aber hier herrscht keine barocke Vollmundig-, vielmehr eine Schmallippigkeit. Geschäftige, redliche, tapfere Familienmenschen müssen für den Lebensunterhalt ihrer Lieben sorgen. Ihr Einsatz dabei ist gezwungenermaßen umfassend, körperlich, seelisch, geistig.

August der Starke lässt einen von ihnen zum „Fuchsprellen“ antreten. Beim „Fuchsprellen“ werden Füchse in die Luft geworfen und mit Tüchern aufgefangen oder eben auch nicht. Die Füchse kommen dabei jämmerlich um. Der Mensch, der nun in die Luft geworfen werden soll, sagt also, er denke ja nicht daran, er werde sich doch alle Knochen brechen. Der Fürst beharrt. Das Tuch werde groß genug sein. Er hält sozusagen Wort. Aber die Tortur ist schlimm, aber der Hof hat seinen Spaß, aber der Mensch geht zerschlagen heim, aber er verdient auf diese Weise sein Geld.

Nach seiner Voltaire-Friedrich-Novelle „Sire, ich eile“ widmet Schädlich sich in seinem sehr schmalen Roman erneut und doch auf eigene Weise zwei historischen Figuren. Der Titel „Narrenleben“ sagt, wie es ist. Der Steiermärker Josef Fröhlich (1694-1757) und der Tiroler Peter Prosch (1744-1804) teilen eine heute vordergründig gesehen aus der Mode gekommene Profession.

Fröhlich, um den es im ersten Teil geht, kann sich am Dresdner Hof Augusts des Starken als „Lustiger Rat“ etablieren, was ihm das „Menschprellen“ nicht erspart. Aber er kann Frau und Kinder versorgen. Schädlich, der sich eingelesen hat und hinten im Buch nach Art moderner Plagiatsproblematiken recht akribisch nachweist, wo er was zitiert, interessiert sich wie Fröhlich dafür, wie das praktisch abläuft. Prekär. Fröhlich erzählt von den Fährnissen eines Taschenspielers teils selbst, teils übernimmt ein Erzähler, auch im raschen Wechsel, auch mit Tempuswechseln, aber nicht atemlos, sondern konzentriert, geradlinig und schlank.

Erst gibt es aus nicht erfindlichen Gründen mal lange gar kein Gehalt. Dann kann Fröhlich sich einrichten, wobei er sich mit der Darbietung chemischer Tricks und dem Verkauf von Wundermedizin auf Märkten stets auch etwas dazuverdient. Nachher wird es wieder schwierig, als der Hof vor Friedrichs Preußen nach Warschau flieht. „Man kann mir viel befehlen. Ich folge nicht. Aber in Dresden, bei der Kurfürstin, werde ich nicht gebraucht. Und ich krieg meinen Monatslohn nicht. Auf dem Dresdner Markt ist momentan nichts zu verdienen. Den Leuten ist nicht danach, meine Kunststückchen zu sehen. Ich muss nach Warschau an den sächsischen Hof. Dort bekomme ich meinen Lohn.“

Fröhlich ist dabei kein Simpel. Er sammelt, liest und schreibt Bücher. Er sorgt vor. Er kommt aus dem Abhängigkeitsverhältnis nicht heraus und macht sich darüber keine Illusionen. Auch muss er weiterhin fröhlich sein, wenn wieder eines seiner kleinen Kinder gestorben ist. Unsentimentaler kann man eine Bajazzo-Geschichte nicht ausbreiten.

Immer schon herumgeschubst

Im zweiten Teil erzählt allein Prosch. Er möchte sich mit seinen Aufzeichnungen dem bekannteren Kollegen als „kleiner vazierender Narr“ vorstellen. Prosch ist ein Herumgeschubster schon immer, aus ärmsten Verhältnissen und ohne das Glück, wenigstens eine passable Anstellung zu finden. Die Späße, die man sich mit ihm erlaubt, sind durchweg handgreiflich und zeigen die ideenreichen Herrschaften in einer anhaltenden Analphase. Möglicherweise fällt dem Leser bei dieser Gelegenheit auf, dass Till Eulenspiegel ihm ein falsches Bild vom Alltag eines Berufsnarren vermittelt hat und der Begriff „Narrenfreiheit“ sehr relativ ist (Fröhlich ist der einzige, der August den Starken duzen darf, immerhin).

„Narrenleben“ ist keine Anklage. Es ist eine Bilanz, die für alle Zeiten moralisch ungünstig ausfällt für die, die Macht und Geld haben, und faktisch ungünstig für die, die nichts haben. „Ich dachte mir: Es ist doch eine harte Sache, mit großen Herrschaften umzugehen. Man zieht immer den kürzeren“, schreibt Prosch nicht bloß dahin. Hier ist nichts bloß dahingeschrieben. Der im Oktober achtzig Jahre alte Schriftsteller Schädlich scheint von Buch zu Buch noch ökonomischer vorzugehen, inhaltlich schnörkelloser, grammatisch nebensatzfreier. Mündliche Rede als solche interessiert ihn nicht, sie klingt wie schriftliche. Psychologie interessiert ihn in Maßen, Berufsnarren können sich nicht zu viel davon leisten.

Zur nüchternen Trübheit gehört, dass Josef Fröhlich und Peter Prosch sich nicht begegnen können. Als der Jüngere sich vertrauensvoll an den Älteren wenden will, ist dieser Jahrzehnte tot.

Zum nüchternen Trost gehört, dass es eine Dresdner Ansicht von Canaletto gibt, auf der – so erzählt Fröhlich – auch er zu sehen ist. Ein winziges Männlein, etwas abseits, mit einem weißen Hündchen. Ein paar Pünktchen sind wir am Ende, und unsere Mühen verlieren sich in den Weiten eines doch so schönen Gemäldes.

Hans Joachim Schädlich: Narrenleben. Roman. Rowohlt, Reinbek 2015. 175 Seiten, 17,95 Euro.

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