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Sich den Geheimnissen stellen

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Von: Christian Thomas

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John Berger ist am 2. Januar 2017 gestorben.
John Berger ist am 2. Januar 2017 gestorben. © imago/Leemage

John Berger ließ seine Leser in eine Welt der Bilder eintauchen, diejenigen der Moderne ebenso wie die seit alters her. Zum Tod des Augenmenschen, Schriftstellers und Kunsthistorikers John Berger.

War für den nächsten Morgen ein „Berger“ im Blatt angekündigt, war die Redaktion bereits am Vortag anders gestimmt. Nein, nicht andächtig, aber doch gebannt, nämlich aufmerksam den Geheimnissen der Welt gegenüber. Denn von den zahlreichen Texten John Bergers im FR-Feuilleton, vor allem denen, die still daherkamen, fühlte man sich mitgenommen, so oder so.

Es ging mit John Berger in eine Welt der Bilder, diejenigen der Moderne ebenso wie die seit alters her: „Voller Angst und Erstaunen lebten die Cro-Magnon in einer Zeit der Ankünfte, die sich vielen Geheimnissen gegenübersah. Ihre Kultur überdauerte 20 000 Jahre. Wir leben in einer Kultur der endlosen Abschiede und des ständigen Fortschritts, die bisher zwei oder drei Jahrhunderte anhält. Doch statt sich den Geheimnissen zu stellen, versucht unsere, sie zu überflügeln.“

So schrieb Berger im Februar 2003 über sein „Hinabtauchen“ in die Stille der Höhle von Chauvet, nicht der erste FR-Text über „endlose Abschiede“ unter dem Diktat eines „ständigen Fortschritts“, der ihn in ein Erstaunen versetzte, an dem er seine Leser teilhaben ließ. Denn es ist der Fortschritt, der dem Menschen einen Tort antut, zu einem Wesen auf der Schwelle festnagelt.

Den Schriftsteller Berger selbst machte es zu einem Schwellenkundler gerade in solchen Erzählungen, die zu einem Memento auf die bäuerliche Welt im französischen Savoyen wurden, wo er seit den frühen 70er Jahren für viele Jahrzehnte lebte, etwa in seiner Chronik „Von ihrer Hände Arbeit“. Erinnerung an ein Leben, das aus einer Kultur des Überlebens schöpfen musste.

Das Bilderlesen beibringen

Seinen Lesern las er immer wieder die Bilder der Kunstgeschichte vor, die 75 000 Jahre alten Abbildungen von Bären, Mammuts oder Pferden in den Höhlen von Chauvet oder Altamira ebenso wie diejenigen der frühen Neuzeit, von Velázquez oder Goya, bis hin zu den Klassikern der Moderne, Matisse und van Gogh, Picasso und Modigliani. Der „seltsame Fall des Giorgio Morandi“ war ihm nicht von ungefähr ein Anlass, einen „Einsiedler“ zu würdigen, der „sein ganzes Leben umgeben von Menschen verbrachte“.

Berger pochte darauf, ein Marxist zu sein. Doch es war nicht die bedingungslose Konsequenz, die für den Essayisten erkenntnisleitend war. Noch weniger das Dogma. Geschult durch den Blick auf die Künste, hatte er den offenen Blick. Er war ein Kunsthistoriker, der nicht von der Thesenstärke der Kritik zehrte, ebenso wenig von der Synthesestärke der wissenschaftlichen Weltanschauung. Mit beidem, der Weltanschauung und der Kritik vertraut, vertrat er die Hypothese des abwägenden Urteils.

Der Augenmensch hatte als Maler begonnen. Mit seinem zweiten Roman „G.“ gewann er 1972 den Booker-Preis. Wie er vor allem in seinen „kleineren“ Texten über das Beiläufige schrieb, machte er das ungeheuer Unscheinbare respektwürdig, darunter Tiere ohne (vermeintliche) Eigenschaften. In der Art, wie er schrieb, zeigte sich, bei aller Verstörung über die Zumutungen einer heillosen Gegenwart, Gelassenheit – ja, mehr noch, wie Wolfram Schütte, der John Berger für die FR gewinnen konnte, zu dessen 80. Geburtstag formulierte: „Bei ihm ist ,der Mensch’ wie der ,Autor’. Diese ebenso seltene wie erstaunliche Identität ist sein offenes Geheimnis, und dessen Grundlage: Offenheit, Neugier, Demut, Enthusiasmus & Takt.“

Fotos zeigen den „liebenswerten Mann & homme à femmes“ (Wolfram Schütte) mit dem wettergegerbten Gesicht eines Mannes vom Lande und dem Anflug einer Beckettfrisur. Jahrgang 1926, feierte John Berger im vergangenen November seinen 90. Geburtstag. Es wurde zu einem Anlass, auch daran zu erinnern, dass er sich, seit Jahren wieder in Paris lebend, weiterhin ein Motorrad leistete, eine richtig schwere Maschine. Legendär auch John Bergers Teilzeitexistenz auf dieser Rasierklinge, wenn er etwa nach München brauste, zu seinem Verleger Michael Krüger, der im Hanser-Verlag die Erzählungen, Essays und Romane in Empfang nahm.

Am 2. Januar ist John Berger in Paris gestorben. Er hinterlässt auch diesen Gedanken: „Was mich mehr als irgendetwas sonst mit meinem eigenen Tod aussöhnt, ist das Bild eines Ortes: eines Ortes, wo deine Gebeine und meine bestattet, unbedeckt zueinander geworfen sind. Sie sind dort wild durcheinander gestreut. Eine deiner Rippen lehnt an meinem Schädel. Ein Mittelhandknochen meiner linken Hand liegt innerhalb deines Beckens. Die hundert Knochen unserer Füße liegen verstreut wie Kies. Es ist seltsam, dass dieses Bild unserer Nähe, wo es sich doch auf nichts als Kalziumphosphat bezieht, ein Gefühl des Friedens verleihen soll. Doch das tut es. Mit dir kann ich mir einen Ort vorstellen, wo es genügt, Kalziumphosphat zu sein.“

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