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Wer sich in Gefahr begibt

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Gott steckt im Detail, wusste Flaubert. Der Teufel auch, wissen wir Normalsterblichen. Anna Katharina Hahn, die dieser Tage ihren ersten Roman "Kürzere Tage" vorlegt, weiß es erst recht. Von Ina Hartwig

Von INA HARTWIG

Der liebe Gott steckt im Detail, wusste Meister Flaubert. Der Teufel aber auch, wie wir Normalsterblichen wissen, und Anna Katharina Hahn, die dieser Tage ihren ersten Roman vorlegt, weiß es erst recht, wenn sie über einen gewissen Marco schreibt: "Seine Zunge fährt mit Stoßbewegungen in die beflaumte Wange, er grinst, ruft über die Schulter: ,In einer Stunde, da machen wir richtig Party, Alter!'"

Wir befinden uns in der Stuttgarter Constantinstraße, wo solide Altbauten mit prachtvollen Stuckdecken von wohlsituierten Familien bewohnt werden. Der genaue Ort: Nâzims Laden, die Zeit: Gegenwart, Spätherbst. Die Tage werden bereits kürzer.

Diejenige, die Marcos obszöne Geste wahrnimmt, ist Judith, eine der Hauptfiguren aus Anna Katharina Hahns Roman "Kürzere Tage". Judith steht mit ihrem kleinen Sohn beim Türken und fängt durch das Fensterglas Marcos Blick auf. Das Detail, in dem der Teufel steckt, ist hier der Wortstamm "Flaum" - an der "beflaumten" Wange erkennen wir nicht nur Marcos jugendliches Alter; der Flaum taucht gut 130 Seiten später wieder auf, ins Tragische gewendet.

Diesmal ist es Leonie, eine weitere Hauptfigur des Romans, der das Wort durch den Kopf schießt. Auch Leonie befindet sich in Nâzims Laden, und sie denkt an Felicias "flaumiges Haar" sowie an Lisas Schnute, das sind ihre kleinen Töchter, die sie kurz zuvor angeschrien hat, weil sie die Nerven verloren hat während eines Streits mit ihrem Mann Simon. Eine absolute Ausnahme vom geregelten Familienalltag war dieser Streit; aber er musste wohl einmal sein, weil sich einiges angestaut hatte. Jetzt ist Leonie in Panik: "Wie soll ich leben, wenn ich sie nie wiedersehe?" Sie meint Felicia und Lisa.

Kurz darauf wird Leonie auf dem Boden liegen und sich aus Angst in die Hose machen - genau wie Marco als Kind nicht aufhören konnte, in die Hose zu machen, denn auch er hatte Angst. Und jetzt überfällt der Unterklassenjunge mit der beflaumten Wange Nâzims Laden und fuchtelt mit einer Pistole herum - just in dem Moment, als Leonie und ihr Mann zufällig dort nach ihren entlaufenen Töchtern suchen.

Flaum, Urin und eine Eskalation in Gewalt: Es ist nicht so, dass die 1970 im schwäbischen Ruit geborene Anna Katharina Hahn als Erzählerin noch nicht in Erscheinung getreten wäre. Die studierte Germanistin und Spezialistin für Mittelhochdeutsche Literatur hat bereits zwei Erzählbände vorgelegt, für "Kavaliersdelikt" wurde sie vor vier Jahren mit dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet. Und Essays hat sie geschrieben, unter anderem für das Kursbuch, die durch eine ungewöhnliche, sarkastische Eloquenz auffielen, nur: Ein Roman fehlte.

Jetzt ist er endlich da, schnell ist es nicht gegangen mit dem Schreiben, und besonders umfangreich sind die "Kürzeren Tage" auch nicht gerade zu nennen. Doch zeugt das Buch von einem zugleich klugen, harten und einfühlsamen Realismus, der staunen macht - ja, und der einem nahegeht, der einen packt.

Ihren so herrlich unkeuschen Sarkasmus hat die Autorin weitgehend zurückgenommen; er kommt schon noch vor, doch überwiegt spürbar der Wille, den Figuren diesmal so unter die Haut zu kriechen, dass wir sie "spüren", und zwar in ihrem gesamten Konfliktpotential. Dass wir sie nicht ablehnen, nur weil sie peinliche Dinge sagen (und das tun sie) oder weil ihr Styling schlechten Geschmack verrät. Anders gesagt: Trotz ihrer scharfen Beobachtungsgabe hat Anna Katharina Hahn ein extrem empathisches Buch geschrieben.

Nur eine einzige radikal negative Figur ist auszumachen: Pornostar, so nennt Marco (für sich) den prügelnden Freund seiner überforderten Mutter; Porno, das kahlgeschorene White-Trash-Monster, das den ungeliebten Stiefsohn grün und blau schlägt und dem der arme Marco entkommen will - ans Meer, wo Eino wohnt, der frühere Freund der Mutter, ein Este, der es in Stuttgart nicht aushielt. Dass Marco in seinem Fernweh selbst zum Monster wird, oder nüchterner gesagt: zum Verbrecher, ist Teil des gnadenlosen Hahnschen Realismus. Ihr Blick auf "den Menschen" ist niemals sentimental, sondern psychoanalytisch gestählt. Sie weiß, was das prophetische Wort von der Wiederkehr des Verdrängten bedeutet.

Besonders an der Figur der Judith wird dieses Drängen durchgespielt - Judith, die sich aus der Passion für Sören (der sie nie ganz wollte) und dem Tavor-Nebel ihres früheren Lebens im Osten Stuttgarts geflüchtet hat in die saubere brave Welt des "hoffnungslos optimistischen" Klaus, Professor inzwischen, der sie ehelicht, zweimal schwängert und der der abgebrochenen, abgewrackten Kunstgeschichtsstudentin ein gutbürgerliches Leben als waldorfpädagogikversessene Ehefrau bietet.

Von der Hackstraße in die Constantinstraße bedeutet: Möhrchenkuchenbacken und Nachmittage mit den beiden Jungen im Gärtle als Schutzschicht gegen die alten Dämonen. Dass in einem Döschen im Bad weiterhin die nerventröstenden Tabletten lagern, die Judith nun in geringerer Dosis einnimmt als früher, ahnt der liebe gute Klaus nicht, dem die Hose am Hintern zu sehr schlabbert - Sörens praller Anblick bleibt Judiths Maßstab -, und doch führt sie der neuen Nachbarin Leonie ihren Klaus gern als den Mann vor, der wiederum diesem "geschminkten Karrieremund" so offensichtlich fehlt: "ein Vater, der bei Tageslicht nach Hause kommt".

Ausgerechnet die alte Frau Posselt merkt, dass bei Judith etwas nicht stimmt: "Eine schöne Frau ist die Rapp, aber immer traurig, immer ängstlich. Gift im Essen, der tödliche Straßenverkehr, ein Winter ohne Schnee. Im Krieg haben solche es nicht geschafft."

Es sind stachelige Wahrheiten, die Anna Katharina Hahn ausspricht, ob es sich um den Betrug an der eigenen Seele handelt, den Seitensprung aus Frust oder den Bombeneinschlag der Erinnerung. Vor allem die Frauen dieses Romans leben neben sich; unter der Idylle lauert die Fratze von Zweifel und Unsicherheit, und Anna Katharina Hahn legt die Fratze systematisch, soghaft frei.

So systematisch, dass beispielsweise die alte Frau Posselt den über Nacht neben ihr verstorbenen Ehemann, ihren geliebten Wenzel aus Böhmen, stundenlang gar nicht als tot erkennt - und als es soweit ist, dass die Witwe endlich einen Schock erleidet, schickt die Autorin die beiden entlaufenen Mädchen von Leonie ans Bett des Toten, wo sie mit den beiden Söhnen von Judith zusammentreffen. "Mama, der Herr Posselt ist zum lieben Gott gegangen, und wir passen auf ihn auf. Dafür kriegen wir Süßis."

Anna Katharina Hahn ist eine Meisterin der Milieuschilderung. Die Stuttgarter Constantinstraße erscheint dabei wie ein Laboratorium. Hier laufen die Fäden zusammen. Von hier schwirren die betäubten Wünsche hinaus in die Welt, um ihr Unheil anzurichten; sie schwirren zum Leser irgendwo außerhalb Stuttgarts, auf dass dieser bemerke, dass Stuttgart überall ist.

Denn hier findet sich die (west)deutsche Einwanderergesellschaft in ihrem gefährlich trügerischen Mix konzentrisch zusammen gefasst, untermalt durch den Sound des schwäbischen Dialekts. Das ist kunstvoll gemacht, wie auch die Erzählweise selbst: ein sanftes Ineinander von auktorialer Perspektive und innerem Monolog. Eine Erzählerin, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihr Realismus ist radikal unnaiv und verteufelt liebevoll.

Anna Katharina Hahn:

Kürzere Tage.

Roman.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 223 Seiten,

19,90 Euro.

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