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Pierre Rougon ist wütend. Anonyme Illustration von 1906 zu „Das Glück der Familie Rougon“.
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Pierre Rougon ist wütend. Anonyme Illustration von 1906 zu „Das Glück der Familie Rougon“.

Emile Zola

Sich Frankreich in die Tasche stecken

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Émile Zolas 20 Bände umfassender Zyklus „Die Rougon-Macquart“ ist ein einzigartiges Sittenbild hemmungslosen Machtstrebens.

Sein Vorwort zu dem Roman „Das Glück der Familie Rougon“ hat Émile Zola (1840 – 1902) datiert: „Paris, 1. Juli 1871“. Der Roman ist der erste eines zunächst auf zehn Bände geplanten, dann zwanzig Bände umfassenden Zyklus „Die Rougon- Macquart“. Die Datierung ist wichtig: „Der vorliegende Band“, schreibt Zola in seinem Vorwort, „war schon geschrieben, als der Sturz der Bonaparte, dessen ich aus künstlerischem Gesichtspunkt bedurfte und den ich wie ein Verhängnis immer am Ende des Dramas fand, ohne ihn so nahe zu wähnen, mir den schrecklichen, aber notwendigen Abschluss meines Werkes an die Hand gab.“ Das zweite Kaiserreich war vorbei, es war zu einem abgeschlossenen Sammelgebiet geworden, einer „seltsamen Zeit der Schmach und des Wahnsinns.“

Man versteht Zola nicht, wenn man nicht begreift, wie ernst er es meinte, dass die Weltgeschichte sich so bog, wie es ihm aus künstlerischen Gründen zupass kam. Geschichte heißt eben auch Erzählung. Zola war immer – und das heißt in jedem Augenblick – beides. Und wo er es nicht war, da musste es wenigstens so scheinen.

Die Rolle, die Vererbung, die Lebensumstände bei ihm spielen, sind heute schwer zu ertragen. Die kurz angebundene Hemdsärmeligkeit, mit der immer wieder dazu neigt, das Verhalten seiner Protagonisten abzuleiten aus den Sünden ihrer Väter und Mütter – darum „Rougon Macquart“ -, verlangt dem Leser, der dazu neigt, einem solchen Fatalismus eher skeptisch gegenüberzustehen, Einiges ab. Aber für Zola werden seine Figuren dadurch zu tragischen Gestalten, vergleichbar den antiken Helden, die ihrem Schicksal nicht entgehen können. Selbst die Niedertracht erhält so fast etwas wie Größe. Allerdings sind es bei Zola die gesellschaftlichen Verhältnisse, die den einen den Aufstieg erlauben und die anderen auf die hinteren Plätze verbannen. Ändert man die Verhältnisse, so gewinnen andere die Oberhand.

Zolas Helden, die Sippe der Rougon-Macquarts, hatte auf den Sturz der Republik gesetzt. Dann aber, dank eines Sohnes der Familie, der sich bestens in den Pariser Intrigen auskannte, sich seit November 1851 darauf konzentriert, an ihrem kleinen Ort „Plassans“, einem fiktiven, ein wenig Aix-en-Provence nachempfundenen südfranzösischen Städtchen, sich als die besten Parteigänger Louis-Napoléon Bonapartes zu profilieren. Als der am 2. Dezember 1851, am Jahrestag der Kaiserkrönung seines Onkels Napoléon I., putschte und nach drei Tagen, die in ganz Frankreich gegen seinen Staatsstreich rebellierende Opposition besiegt hatte, war das der Anfang des Glücks der Rougon Macquart, der Anfang des Romanzyklus, der Zola bis 1893 beschäftigte.

Karl Marx nannte den Staatsstreich eine Farce. Zola schildert hier nicht das Geschehen in Paris, sondern mit spöttischer Scharfsichtigkeit, wie es sich spiegelt in den Auseinandersetzungen eines antirepublikanischen Salons in Plassans oder in der prorepublikanischen Arbeiterschaft der Umgebung. Der Roman setzt ein mit einer Liebesgeschichte, die in einer Nacht unter denen spielt, die die Republik gegen die Reaktion verteidigen möchten und sich vorbereiten auf eine große Demonstration. Die Intimität der beiden Liebenden und die Aufbruchstimmung der Demonstranten gehen eine erotische Verbindung ein, die einen alten Mann heute an das denken lässt, was Herbert Marcuse Ende der sechziger Jahre als „neue Sinnlichkeit“ beschrieb. Es ist, das sei warnend hinzugefügt, die Liebe zwischen einem 17- und einer 13-jährigen. An dieser Konstellation nahm damals, soweit ich weiß, niemand Anstoß.

Die Geschichte Louis-Napoléon Bonapartes erzählt, wie ein demokratisch gewählter Präsident die Macht an sich reißt und sich dann in einer Volksabstimmung über eine neue Verfassung diktatorische Vollmachten geben lässt: Am 21. Dezember 1851 stimmten 7,5 Millionen Franzosen für, 640 000 gegen ihn. Der Populismus hat eine lange Tradition. „Bei solchen Menschen wird Frankreich“, schreibt Emile Zola, immer dem gehören, der den Mut hat, es sich in die Tasche zu stecken.

Der Staat als Beute. Darum ging es. Darum geht es immer wieder.

Die Rougon-Macquarts sind Bürger. Sie sind raffgierig und herrschsüchtig. Sie leben in einer Epoche, die diese Eigenschaften fördert. Zola behauptet in seinen theoretischen Erwägungen, daran zu glauben, dass die Gesetze der Vererbung ebenso allgemein gültig sind wie die der Gravitation. Darum gibt es keinen Ausweg aus dem Untergang. Die schlechten Eigenschaften dieser Sippe eskalieren in immer neuen Ungeheuerlichkeiten zwanzig Bände lang.

Das könnte langweilig werden. Aber Zola ist vor allem Erzähler. Schon aus „künstlerischen Gesichtspunkten“ gibt es Gegenfiguren bei ihm, Familienmitglieder, die nicht zu jeder Gemeinheit fähig sind, sondern die daran glauben, dass Menschen einander auch helfen können, dass eine Gesellschaft nicht der Raffgier Einzelner sich ausliefern, sondern sich in der Dienst der Allgemeinheit stellen und sich als Republik organisieren sollte. Dreißig Jahre lang schien das unmöglich zu sein.

Dann kam Sedan. Am Vormittag des 2. September 1870 kapitulierte Frankreich. Napoleon III. wurde von preußischen Truppen gefangen genommen. Am 4. September wurde im Pariser Parlament die Abschaffung der Monarchie und die Einführung der 3. Republik gefordert. Bevor das Parlament zu einer Entscheidung kam, kam es in Paris zu großen Demonstrationen. Léon Gambetta (1838 – 1882), der als Kind eines genuesischen Einwanderers, erst 1859 Franzose geworden war, rief am 4. September 1870 die Republik aus. Er gründete eine „Regierung der nationalen Verteidigung“. Die nun folgenden Auseinandersetzungen führten dazu, dass Gambetta im Oktober eine neue Regierung ins Leben rief, die in Bordeaux zusammentreten sollte.

Frankreich hatte nicht nur den Krieg gegen die deutschen Staaten verloren. Es war für die preußische Vorherrschaft in Deutschland an Wirkungskraft kaum zu überbieten, dass am 18. Januar 1871 der preußische König Wilhelm I., der im März 1848 noch als Kronprinz vor der Revolution nach London geflohen war, im Spiegelsaal des besetzten Schlosses zu Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde.

Der Historiker und liberale Politiker Adolphe Thiers, der Gambettas Kriegserklärung gegen Deutschland für verrückt erklärt hatte, wurde im Februar 1871 von der gerade gewählten Nationalversammlung zum „Chef der Exekutive“ gewählt. Er führte jetzt die Verhandlungen mit Bismarck. Als er darauf drang, 400 aus den Vorräten der Armee gestohlene Kanonen dieser zurückzugeben, war das am 18. März 1871 der Auslöser für den Aufstand der Pariser Kommune, den seine Truppen am 28. Mai blutig niederschlugen. Für die sozialistische Bewegung dank ihrer Würdigung durch Karl Marx ein welthistorisches Ereignis. Für Zola ein Grund, auf alle politischen Ambitionen zu verzichten und sich ganz dem Romanwerk zu widmen. Er hatte einen Vertrag mit einem Verleger abgeschlossen, der ihm ein monatliches Gehalt garantierte, solange er jedes Jahr zwei Bände abliefere. Das war gut, aber nicht genug. So schrieb Zola weiter für Zeitungen, zum Beispiel über die Verhandlungen der in Bordeaux tagenden Nationalversammlung.

Am 10. Mai 1871 hatte das von Deutschland geschlagene Frankreich in Frankfurt einen Friedensvertrag unterzeichnet. Wer heute die Buchhandlung Hugendubel im Steinweg betritt, mag sich vorstellen, dass hier vor 150 Jahren das Hotel zum Schwan war, in dem die Friedensverhandlungen stattfanden. Bismarck, dessen preußische Truppen ja 1866 Frankfurt besetzt und annektiert hatten, erklärte nach dem Friedensschluss von 1871, er wünsche von Herzen, „dass der Friede von Frankfurt auch den Frieden für Frankfurt und den Frieden mit Frankfurt bringen werde.“

Im Juni 1871 wurden Aufständische der Pariser Kommune, die das Massaker überlebt hatten, von Brest aus nach Übersee verschifft. Am 31. August 1871 wurde Adolphe Thiers der erste Staatspräsident der Dritten Republik.

Am 1. Juli schreibt Émile Zola, er werde „die natürliche und soziale Geschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich“ erzählen. Er wusste, dass er viel mehr vorhatte. Er wusste nicht, dass es ihm gelingen würde, eines jener gewaltigen Werke in die Welt zu setzen, für die das 19. Jahrhundert so berühmt ist. Zolas „Rougon Macquart“ ist aus dem gleichen Hang zum Gesamtkunstwerk, aus dem gleichen Größenwahn geboren wie Wagners „Ring“. Der Wille, ungeheure Stoffmengen motivisch zu durchdringen, Natur, Gesellschaft und Geschichte mit hineinzunehmen in eine Handlung, die bei aller Verzweigung doch immer auch klar und eng geführt wird. Der Wille zum Großen, die Lust auf die Beherrschung von Allem hat die beiden Republikaner niemals losgelassen. So etwas zu erreichen, darauf hat Thomas Mann in seiner großartigen Wagnerrede von 1933 hingewiesen, setzt den Mut zum Dilettantismus voraus. Zola hat ihn auch. Wer nichts dagegen hat, dass immer von allem zu viel da ist, der ist gerne bei ihm.

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