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Ingeborg Bachmann suchte die Grenzüberschreitung als Schriftstellerin und als Frau.

Ina Hartwig

"Es hat sich etwas zusammengebraut"

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Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig fragt in ihrem Buch: "Wer war Ingeborg Bachmann?". Ein Gespräch über eine große Dichterin, ihre Zerrissenheit, ihre Drogensucht und ihren anarchischen Freiheitsdrang.

Ein qualvoller Tod, es war ein für die Patientin Ingeborg Bachmann schreckliches Sterben.
Ja, und zugleich ist das Sterben von Ingeborg Bachmann zu einem Mythos geworden. Man hatte das Bild eines Flammentodes vor Augen, auch ich hatte diese Vorstellung, dass sie im Feuer gestorben sei. Wie sich jedoch herausgestellt hat, entspricht das nicht den Tatsachen. Ihr Nachthemd war versengt worden, vermutlich ausgelöst durch eine Zigarette, sie hatte großflächige Verbrennungen. Man weiß nicht, ob sie im Bett geraucht hat, man weiß nur, dass ihre ehemalige Haushälterin, die sie angerufen hatte, es irgendwie geschafft hat, sie in das Krankenhaus Sant’ Eugenio in der von Mussolini gebauten Vorstadt von Rom zu bringen. Das Drama war, dass die Ärzte nicht über ihre Tablettensucht Bescheid wussten. 

„Da ist ein X“, so wird der behandelnde Arzt im Buch zitiert.
Dieses X ist das Medikament, von dem sie abhängig war. Freunde haben wochenlang nach dem Namen des Medikaments gesucht. Nach drei Wochen ist sie gestorben.

Wäre sie zu retten gewesen?
Wäre sie gerettet worden, dann gewiss in einem grauenvollen Zustand, wie mir befragte Ärzte versichern. Gestorben ist sie an einem Mix aus Entzugserscheinungen und Verbrennungen.

Das Ende ist dann stark mystifiziert worden, von Angehörigen, von Freunden. Im Raum stand immer dieser ungeheuer bedeutungsschwere Satz aus ihrem Roman „Malina“: „Es war Mord.“
Die Freunde haben diesen schrecklichen Tod nicht ertragen, Hans Werner Henze hat sogar Mordanzeige gegen Unbekannt gestellt. In „Malina“, das ist offensichtlich, finden sich einige rätselhafte Formulierungen über die Möglichkeiten eines Verbrennungstodes. Das weibliche Ich in dem Roman spielt den Gedanken durch.

Die Biografie heißt „Wer war Ingeborg Bachmann?“ – das klingt nach dem Anspruch einer Korrektur bisheriger Lesarten.
Ich bin nicht mit dem Vorhaben angetreten, Ingeborg Bachmann zu entmystifizieren; wenn dies dennoch hier und da geschehen ist, so als Ergebnis einiger Fragen, die ich mir gestellt habe: Was ist mit dem Vater? Was ist mit ihrer Drogenabhängigkeit? Dann hat mich die politische, die intellektuelle Bachmann enorm interessiert. 

Was war mit dem Vater?
Sie hatte zu ihrem Vater, einem Lehrer, eine tief ambivalente Beziehung. Einerseits hat sie ihn sehr geliebt, zum anderen gab es die historische Dimension, an der sie laboriert hat. Der Vater war, wie seit Ende der 1990er Jahre bekannt ist, NSDAP-Mitglied schon seit 1932. Und Ingeborg Bachmann hat darüber niemals gesprochen, sie hat sich an einem kollektiven Schweigen beteiligt, nach außen hin. Gleichwohl hat sie das Thema Nationalsozialismus und Schuld literarisch sehr mutig aufgegriffen. Ihre Erzählung „Unter Mördern und Irren“ ist ein beeindruckendes Beispiel für ihre Beschäftigung mit der österreichischen Verdrängungssymptomatik. Hier trifft eine historische Konstellation auf eine psychische Konstellation. Die Vaterthematik hat sich literarisch auf verstörende, ja brutale Weise in dem Alptraumkapitel des Romans „Malina“ niedergeschlagen, mit dem bösen, überhöhten Vater, dem KZ-Schlächter und Vergewaltiger, dem Tochtermörder. Auf der anderen Seite kennen wir die lange, sehr schöne Erzählung „Drei Wege zum See“, die das Dokument einer liebevollen und zärtlichen Vaterbeziehung ist. Einiges spricht dafür, dass Ingeborg Bachmann ihr ambivalentes Verhältnis zum Vater zeitlebens nicht lösen konnte. Sie hat sich auf einen anderen Schauplatz geflüchtet, in die Literatur.

Sie wollte unbedingt Schriftstellerin werden. 
Das wollte sie. Und sie ist unglaublich schnell nach oben geschossen. Dabei war sie strategisch geschickt, sie hat keine Rücksicht genommen, sie hatte einen eisernen Willen, ja, sie wollte unbedingt Schriftstellerin werden. 
 
Sie wurde zur Gruppe 47 eingeladen, dort kam es bei dem Auftritt der Debütantin zu einem Debakel. Oder war die Hilflosigkeit nur inszeniert, Kalkül?
Jedenfalls war sie nicht die hilflose Debütantin, hatte Radioerfahrung, war versiert im Umgang mit dem Mikrophon. Sie war ganz bestimmt sehr aufgeregt, außerdem extrem kurzsichtig und zu eitel, um eine Brille aufzusetzen. Die legendären Schusseligkeiten, das Fallenlassen von Manuskriptblättern – das hat auch mit der Kurzsichtigkeit zu tun. Kalkül mag hinzugekommen sein, bei der Männerschar ist die Hilflosigkeit gut angekommen. Da wurden Beschützerinstinkte angesprochen. 
 
Ein Beschützer wie Hans Werner Richter, der Gründer der Gruppe 47, sprach von ihrem herben Charme. Welche Rolle hat Paul Celan für Ingeborg Bachmann gespielt?
Eine riesige Rolle. Sie sind sich 1948 in der Wiener Künstlerszene über den Weg gelaufen, da war sie 22 Jahre alt. Paul Celan ist Ingeborg Bachmanns große Liebe, eine ausgetragene Liebe. Das Liebesverhältnis selbst dauerte nicht länger als einige Monate, aber es ist eine in die Literatur übergegangene Liebesgeschichte. Sie ist in die Literatur eingegangen, sie lebte in der Literatur weiter und war in diesem Sinne sehr produktiv. Celan war äußert anspruchsvoll gegenüber seinen Freunden, auch gegenüber Ingeborg Bachmann. Sie sind parallel psychisch erkrankt und konnten dann einander nicht mehr helfen. 

Hat literarische Eifersucht bei Celan eine Rolle gespielt?
Ja, ganz sicher. Bei der Tagung der Gruppe 47, 1952 in Niendorf, war sie erfolgreich; er wurde abgelehnt. Das hat ihn gekränkt. Durch den Briefwechsel wissen wir aber, dass zwischen Paul und Ingeborg noch ein weiterer Konflikt hinzukam: Celan war bereits mit seiner zukünftigen Frau Gisèle zusammen, was er Ingeborg verschwiegen hatte, wodurch Bachmann sich gekränkt sah. Insofern ist also auch die Eifersucht von Ingeborg Bachmann zu berücksichtigen.

Zu ihrem Erfolg hat 1954 das legendäre „Spiegel“-Cover beigetragen. Das Titelblatt macht sie zu einem Medienstar. Sie wird fotografiert von jemandem, der einen schwulen Blick auf sie wirft, Herbert List. Kann man das so sagen?
Da ist etwas dran. Herbert List hat Bachmann als androgyne, fast knabenhafte Frau porträtiert, und das in einer Zeit, als die deutsche Hausfrau und die dienende Sekretärin als gängiges Frauenmodell galten. Das „Spiegel“-Cover zeigt Bachmann hingegen als eine moderne, von den Medien geformte Dichterin. Interessant, dass jemand wie List, der schon in den 30er Jahren für internationale Modemagazine gearbeitet hatte und zu der weltberühmten Agentur Magnum zählte, losgeschickt wurde, um die junge Lyrikerin in Rom zu fotografieren. Denn während der Text der „Spiegel“-Titelgeschichte die typische biedere Geschichtsklitterung der 1950er Jahre betreibt, forciert das Foto eine avancierte visuelle Ästhetik.

Und worin besteht der „schwule Blick“ bei Ingeborg Bachmann, der im Buch eine Rolle spielt?
Mit schwulen Männern, so meine Beobachtung, konnte sie sich entspannen und ein Stück weit identifizieren. 1952 hat sie den gleichaltrigen Hans Werner Henze kennengelernt, neben Celan vielleicht ihre wichtigste Beziehung. Es war die Liebe zu einem homosexuellen Freund, und dies war die Bedingung dafür, dass diese Freundschaft so lange so glücklich sein konnte. 

Das Königskinderpaar. 
So haben sie sich selbst bezeichnet. An Selbstbewusstsein hat es beiden nicht gemangelt. Sie war mit Celan gewiss eine andere Frau als mit Henze, sie war mit Max Frisch eine andere Frau als mit Henze. Man kann das auch an den Briefwechseln ablesen, denn sie hat mit jedem Briefpartner einen eigenen Stil entwickelt. Die Henze-Beziehung ist nicht nur äußerst glücklich gewesen, sondern äußerst produktiv, sie hat ja Libretti für seine Opern geschrieben, er hat Texte von ihr vertont. Henze hat ihr Talent, im Gegensatz zu Celan, sofort erkannt, ihr Genie, wie er sagte. Henze und Bachmann haben unglaublich viel teilen können, angefangen mit ihrer Liebe zu Italien. Adolf Opel, mit dem sie 1964 spontan Reisen unternahm, darunter eine nach Ägypten, hat später ausdrücklich bestätigt, dass sie ein großes Verständnis hatte für das Lebensgefühl homosexueller Männer.
 
Dagegen gilt Max Frisch, mit dem sie einige Jahre zusammen lebte, als der böse Mann.
Leider ist es mir nicht gelungen, den Briefwechsel mit Max Frisch einzusehen. Der liegt in einem Tresor in Zürich, angeblich soll er 2021 erscheinen. Heerscharen von Bachmann-Forschern stehen bereit, ihn zu lesen. Bevor wir nicht wissen, wie dieses komplizierte Paar miteinander korrespondiert hat, stochert man im Nebel. Bachmann war nach der Trennung von Frisch traumatisiert, so viel steht fest, aber dass Frisch allein für ihr Unglück verantwortlich zu machen sei, wage ich zu bezweifeln. 

Ingeborg Bachmann lebte in den 1960er Jahren in Berlin, sie hat die Mauerstadt erlebt, die Frontstadt, war in den literarischen Kreisen äußert beliebt, sie galt also enorm attraktiv. Wer eitel war, kokettierte damit, ein Liebesverhältnis mit ihr zu haben. Die Erinnerungen von Zeitzeugen in dem Buch belegen, wie sehr sie zum Teil angehimmelt wurde, zugleich zeigen sie sich bestürzt über ihren Alkoholkonsum. Bei allem kann sie Berlin auch deswegen genießen, weil sie ein fürstliches Stipendium von der Ford-Foundation bezog.
Das kann man wohl sagen, 60 000 D-Mark für zwölf Monate. Die Amerikaner haben viel Geld nach West-Berlin gepumpt, das als Bollwerk der Demokratie gegen den kommunistischen Osten gestärkt werden sollte. Darauf war die amerikanische Kulturpolitik des Kalten Krieges gerichtet, und von diesen Geldströmen hat Ingeborg Bachmanns Karriere erheblich profitiert. 
 
Wir nähern uns der Kissinger-Spur. 
Die für mich besonders interessant war. Als ich vor sieben Jahren im Literaturarchiv in Marbach auf einen Brief von Siegfried Unseld stieß, der an Ingeborg Bachmann schreibt: Pass mal auf, Kissinger hat mir geschrieben, den Brief soll ich Dir übergeben, Brief also anbei, antworte ihm doch bitte. Da habe ich gedacht, was ist das denn? Unseld, Kissinger, Bachmann, seltsame Dreierbeziehung. Das war der auslösende Kick. 

Da war die Detektivin herausgefordert?
Dass sie Kissinger seit Mitte der 50er Jahre kannte, seit ihrer Teilnahme am Internationalen Seminar der Summer School in Harvard, war bekannt. Aber es ist bisher nie wirklich vertieft worden, was dieser Aufenthalt bedeutete. Bachmanns Name taucht übrigens in keiner Kissinger-Biografie auf. Deshalb habe ich mich bemüht, ihn zu treffen, was mir dann glücklicherweise auch gelungen ist.

Von Henry Kissinger stammt, so ist es im Buch zu lesen, die gelungene Charakterisierung einer ambivalenten Persönlichkeit. Auf der einen Seite die raffinierte Frau, auf der anderen das unschuldige Wesen.
Er mochte sie sehr gern, sehr, sehr gern. Daraus hat er keinen Hehl gemacht. Als mir der 93jährige im Berliner Adlon gegenübersaß, sprach er, als hätte er sie 14 Tage vorher noch gesehen. Er hat in ihr etwas erblickt, was andere vielleicht gar nicht so gerne sehen wollten. Ich glaube, er hat ihr zutiefst anarchisches Wesen erkannt, ihren nicht einzuhegenden Freiheitsdrang. Das hat ihn...

... den Machtmenschen... 
fasziniert, und deswegen hat er sich ganz offensichtlich auch in sie verliebt. Er hat immer wieder, wenn er in Europa war, versucht sie zu treffen. 

Ihren Freiheitsdrang hat sie immer wieder ausleben wollen, immer wieder der Wunsch nach Grenzüberschreitung, nicht zuletzt auf einer Ägyptenreise an der Seite von Adolf Opel, nach einer Orgie.
Nun, diese Orgie ist vor allem eine Phantasmagorie, die sich literarisch niedergeschlagen hat in Entwürfen zu dem sogenannten Todesartenzyklus. Hier kommen eine ganze Menge von Motiven zusammen – die Wüste, der arabische Mann im Plural, fließende Identität, Postkolonialismus -, die man unter dem Stichwort des „inneren Orients“ zusammenfassen kann. Der Wunsch, Konventionen zu sprengen, wird hier sehr deutlich.

Spielte in den grenzenlosen Freiheitsdrang etwas Selbstzerstörerisches hinein?
So sehe ich das. Es hat sich am Ende etwas zusammengebraut, eine Mischung aus Einsamkeit, Älterwerden, nicht Gebundensein, vielleicht auch Bindungsunfähigkeit, Tablettensucht, Alkoholsucht. Das muss man sich in aller Härte vergegenwärtigen. Umso größer mein Respekt, dass sie immer wieder die Kraft aufbrachte, ihr anspruchsvolles, innovatives Romanwerk voranzutreiben. 
 
Worin besteht die literarische Radikalität Ingeborg Bachmanns?
Der jungen Lyrikerin sind die Metaphern zugeflogen, die späte Prosaautorin musste kämpfen. Als Lyrikerin war sie im Zustand der Gnade, es fiel ihr die Sprache zu, die Form, der Erfolg. Die Prosa hat sie sich hart erarbeitet, sie hat darin viele Themen vorweggenommen, die später in Mode kamen, wie die Genderthematik, die Frage nach der Souveränität des – weiblichen, schreibenden – Ich. Und vergessen wir nicht, dass sie, die frühe Musil-Leserin, eine Gesellschaftssatirikerin war mit einem großen Talent für Komik. 

War die politische Bachmann eine Achtundsechzigerin?
Nein, sie war distanziert. Im legendären „Kursbuch“ Nr. 15 von 1968,

… in dem der Tod der Literatur nicht nur erwogen wurde, sondern proklamiert wurde,…
... veröffentlichte sie vier Gedichte, während um sie herum die Kulturrevolution tobte. Sie hat die Kommunismus- und Marxmoden ihrer Zeitgenossen nicht mitgemacht. Sie hatte nach der Befreiung, 1945/46, einen jüdischen Freund, Besatzungssoldat der Britischen Army, der der 20jährigen nahelegte, Marx zu lesen. Meiner Meinung nach hat sie sich vom Marxismus bereits in ihrem grandiosen Radioessay über Simone Weil, Mitte der 1950er Jahre, befreit. Die 68er Revolte war auch deshalb nicht ihre Sache, weil sie die Kunst in Frage gestellt sah. Und die Kunst war für sie unantastbar.
 
Interview: Christian Thomas 

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