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Sibylle Berg: „RCE“ – Vor dem Ereignis

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Von: Judith von Sternburg

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Sibylle Berg. Foto: Katharina Lütscher
Sibylle Berg. © Katharina Lütscher

„RCE“: Sibylle Berg rettet im zweiten Roman ihrer Trilogie die Welt, und es scheint tatsächlich zu klappen – Fortsetzung folgt.

Ein paar Jahre später, „im fortgeschrittenen Jahrtausend“: Die hochbegabten, psychisch auffälligen, sozial vernachlässigten und völlig auf sich gestellten Kinder aus dem dystopischen Bestseller „GRM“ sind nicht mehr ganz so klein. Kindlich waren sie ohnehin nie, also kindlich in dem Sinne, wie man sich das so vorstellen mag. Jetzt überlegen sie einmal, ob sie zur Entspannung kurz an die See fahren sollen. Das kommt ihnen seltsam vor, vollständig im Wasser zu sein. „Baden gehen. Wie – Menschen.“ Schwimmen können sie eh nicht, aber sie können andere Sachen.

Der Anpassungsprozess, der sich am Ende von „GRM“ abzeichnete, ist beendet beziehungsweise trägt eigene, unvorhergesehene Früchte. Ihre natürlich erworbenen und weiter verfeinerten Kenntnisse als Hacker und Hackerinnen – und das ist ein Euphemismus dafür, dass sie Computergenies sind, allerdings in einer Welt, in der die, die sich nicht mit Computern auskennen, bereits weitgehend tot sind oder demnächst sterben werden – nutzen sie nun für einen Masterplan zur Behebung allen Übels.

Der Schlüssel steht im Titel von Sibylle Bergs Roman „RCE. #RemoteCodeExecution“, dem zweiten Teil einer umfangreichen Trilogie. Der Titel „GRM. Brainfuck“ bezog sich auf die schnelle, dunkle Hip-Hop-Spielart Grime, die wie die Kinder aus Großbritannien kommt und im Buch der Sound einer betrogenen Post-Brexit-Generation ist. RCE, die Remote-Code-Ausführung, ist der Zugriff auf einen Computer aus der Ferne, um ihm Befehle zu geben. Ein illegaler Akt, offensichtlich. In „RCE“ wird er auf die Spitze getrieben.

„Die Freunde“ Ben, Kemal, Maggy, Pavel, Rachel, dazu (aus dem ursprünglichen alten „GRM“-Quartett) Don und Karen haben die Fähigkeiten dazu und die Gründe dafür. Aus Rachels Sicht: „Der Versuch, die Welt zu retten, erschien ihr logisch, denn es war dumm, keinen letzten Versuch zu unternehmen, aufzuhalten, was ihrer und der Meinung Tausender ExpertInnen zufolge in Katastrophen enden würde.“ Jahre vor „dem Ereignis“ setzt die Handlung ein, bis Sibylle Berg gut 600 Seiten später die Katze aus dem Sack lässt.

Dann versteht man auch, warum das wie „GRM“ wieder backsteinartige Buch diesmal knallrosafarben ist: Es ist, kecke Doppelbödigkeit, selbst Teil der Kampagne. Denn die Computernerds begreifen, dass RCE nur ein Hilfsmittel ist, wenngleich ein machtvolles. Es soll ihnen dazu dienen, die Menschen für ihre Sache zu gewinnen: die Vernichtung des Systems, die Rettung der Welt – wobei sich die Ereignisse selbst auf Europa konzentrieren und beschränken –, eine Revolution. Eine Revolution! „Kommunismus war das Buzzword des Todes“, heißt es einmal, was einleuchtet, wenn Profit und Privatisierung wenige noch viel reicher machen, als sie schon sind.

Das Buch

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 698 S., 26 Euro.

Nicht nur „die Freunde“ haben Angst. „Die schreckliche Angst junger Menschen, die sicher waren, in der letzten aller Zeiten zu leben. Die sicher waren, dass die Generationen vor ihnen die Erde ruiniert hatten. Ihre Angst war so real, weil sie noch nicht wissen konnten, dass es noch viel schrecklicher werden konnte und dass sich Menschen auch daran gewöhnen würden.“ Doch, man kann es sich vorstellen, aber man denkt nicht jeden Tag darüber nach. „Die Freunde“ sorgen jetzt beispielsweise dafür, dass die Menschen über nichts anderes mehr nachdenken.

Der Masterplan besteht nicht nur in der Übernahme der Netzwerke, so dass zum Showdown hin Sibylle Berg ein Blockbuster-Feuerwerk zünden kann und genüsslich zündet. Er besteht erst recht in der Übernahme der Meinungshoheit, „die Freunde“ würden sagen, der Rückeroberung der Meinungshoheit. Dafür bauen sie mit geklautem Geld rasch ein Medienimperium auf, die RCE-App, die RCE-Zeitung (kostenlos, aber auf Papier, überall in Europa gelesen) und die RCE-Serie gehören, letztere ein Straßenfeger, wie man es gar nicht mehr kannte. In der Serie wehren sich coole kapitalismuskritische „RevolutionärInnen“ gegen schurkische Kapitalisten, so etwas war ewig nicht mehr zu sehen. „Es hatte sich gelohnt, unermüdlich in rechte Politik zu investieren.“ Die Aufmerksamkeit einer manipulierten Bevölkerung wird remanipuliert. Bizarre Nachrichten sollen ihr Interesse wecken. Das funktioniert ausgezeichnet, Sibylle Berg sorgt ständig für ein hohes Tempo, aber die Leute sind auch unheimlich bereit. „Recherche ist der sinnstiftende Lebensinhalt von Millionen Menschen, deren Dasein relativ überraschungsfrei ist. Rechercheure misstrauen allem. Außer dem Zeug, das sie ihm Netz finden. Das ist lustig.“ Also fangen „die Freunde“ an, die Menschen mit Wahrheiten und Lüge auf den Pfad der Revolution zu führen.

Aber: Ist das alles nicht unheimlich naiv? Das kommt, muss man aus der Sicht der in „RCE“ vorgestellten Menschen sagen, auf den Grad der Verzweiflung an. Der Grad der Verzweiflung ist sehr hoch. Aus der Sicht des „RCE“-lesenden Publikums kommt es darauf an, inwieweit es sich auf dieses turbulente Spiel einlassen will. Denn das ist eine waghalsige Aktion. Im Roman und für den Roman.

Während es in „GRM“ viel zu lachen gab – nicht dass einem wohl dabei gewesen wäre –, geht es in „RCE“ zur Sache. Und Sibylle Berg, bei allem gewieften Kolumnistinnenwitz, bei aller Ironie, bei aller perfekten Integration gesprochener, laxer, verkürzter, hektischer Sprache in eine literarische Sphäre – ähnlich wie in „GRM“, aber noch ausufernder –, meint es ernst. Wer nicht hören will, muss fühlen.

Ausufernd: Wie mit einer in einer Drohne platzierten Kamera oder wie die längst überall eingeloggten Freunde saust Berg über Schicksale und Situationen hinweg, groteske, gruselige, lachhafte. Alle Reizthemen unserer Tage werden rasant angeschnitten, vom Gesundheitssystem (in „RCE“ nur noch privat zu haben) über Arbeits- und Kapitalmarkt bis zu Rassismus, Kolonialismus, Genderfragen, Sozialen Medien, und was ist eigentlich aus dem Kulturbetrieb geworden? „Privat finanzierte Komödientheater und Cabarets, wo Frauen und Männer nackt tanzten oder Geschlechtsverkehr auf der Bühne hatten. Bei jeder Krise ging die Hälfte von ihnen bankrott und noch massenkompatiblere Orte entstanden. Mehr Nackte, die tanzen. Dazu hatten die europäischen KulturministerInnen vor einiger Zeit einen neuen Kulturleitfaden entwickelt. Der Worte wie ,BürgerInnennähe‘ und ,leichte Vermittelbarkeit‘ beinhaltet hatte.“ Auch erkennt Berg, wie das alte Geld immer noch bei den alten Leuten steckt. Die Adelstollen werden nicht aussterben. Und in der Schweiz (wo sie selbst lebt) schlagen die Uhren weiterhin anders.

Und während es um Manipulation und den üblichen verschwörungstheoretischen Erfolg von Fake News geht, setzen „die Freunde“ selbst auf diese Mittel, nur eben von der rechtschaffenen Warte aus. An der Integrität des Trüppchens kommt kein Zweifel auf. „RCE“ haut uns stattdessen den grauenhaften Zustand der Welt in nächster Zukunft um die Ohren, mit Berg’scher Eloquenz, aber auch mit einer Entrüstung, wie sie aktuell analog und digital wallt – wie sich die Gegenwart ohnehin viel weniger von „RCE“ unterscheidet, als es angenehm wäre. Man wird selbst bei vielen Details zu googlen beginnen.

„RCE“ stellt dabei automatisch bloß, dass die Entrüstung selbst in Misskredit geraten ist und mit guten Gründen, aber das – und hier wird es doch merkwürdig – ist gar nicht das Thema. Das Thema ist allen Ernstes die Frage, ob eine Revolution möglich wäre, bei der alles verschwindet, das dem Gros der Menschheit schadet, ohne dass grobe Gewalt angewendet werden müsste. Das wirkt dann tatsächlich naiv. Andererseits: Mal sehen, wie es weitergeht.

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