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Shumona Sinhas Roman „Das russische Testament“: Gogol in Kalkutta

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Von: Cornelia Geißler

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Shumona Sinha.
Shumona Sinha. © Francesca Mantovani / Éditions Gallimard

Shumona Sinha erzählt in „Das russische Testament“ über die Kontinente hinweg.

Aufgewachsen ist Tania mit russischen Märchen und Kindergeschichten. Zum Beispiel von Kornei Tschukowski oder Samuil Marschak. Die Erfahrung dürfte sie mit (ost)deutschen Leserinnen und Lesern teilen, die noch „Doktor Aibolit“ oder „Das Katzenhaus“ kennen. Tania ist eine Romanfigur, eine der beiden Hauptpersonen in Shumona Sinhas Buch „Das russische Testament“. Aufgewachsen ist Tania allerdings nicht in der Sowjetunion oder der DDR, sondern in Kalkutta. Wenn man weiß, dass der Bundesstaat Westbengalen im Norden Indiens jahrzehntelang kommunistisch regiert war, wundert einen die Literaturauswahl wenig. Doch wer weiß das schon, ohne dieses erstaunliche Buch gelesen zu haben?

Zwei Frauen, zwei Welten

Die Autorin Shumona Sinha, in Kalkutta, Westbengalen, 1973 geboren, seit 2001 in Paris lebend, ist in der deutschen Literaturlandschaft keine Unbekannte. 2016 erhielt sie für ihr Buch über die Situation von Geflüchteten in Frankreich „Erschlagt die Armen!“ den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt, zusammen mit ihrer Übersetzerin Lena Müller. Es folgten die Romane „Kalkutta“ und „Staatenlos“. Sie wurden, wie auch „Das russische Testament“, alle von Lena Müller übertragen, sind alle in der Edition Nautilus in Hamburg erschienen. Schlug die auf Französisch schreibende Autorin bisher einen Bogen zwischen Indien und Frankreich, den beiden ihr vertrauten Länden, verknüpft sie nun Russland und Indien.

Das Buch:

Shumona Sinha: Das russische Testament. Roman. A. d. Franz. v. Lena Müller. Edition Nautilus, Hamburg 2021. 184 S., 20 Euro.

Dieser Roman mit zwei sehr unterschiedlichen weiblichen Hauptfiguren, Tania aus Kalkutta und Adel aus Sankt Petersburg, enthält nicht nur Lebensbilder aus dem 20. Jahrhundert, er beschwört die universelle Kraft von Literatur. Während in den Medien noch engagiert debattiert wird, wie die weiße und eurozentristische Wahrnehmung geändert werden könnten, erzählt Shumona Sinha selbstverständlich über die Kontinente hinweg.

Sie geht dabei von Tania aus, der das Lesen einen Schutzraum bietet, „wie schweben“ war es für sie. „Nichts war realer als Bücher.“ Russland gehörte in ihrer Kindheit „quasi zur Familie“, es war nicht ungewöhnlich, schreibt Shumona Sinha, „im Kalkutta der siebziger und achtziger Jahre Kindern zu begegnen, die auf die Namen Karl, Gogol, Pawel oder gar Bulganin hörten“. Tania erfuhr von der Hexe Baba Jaga, las die Tiermärchen von Dmitri Mamin-Sibirjak, die Heldengeschichten von Arkadi Gaidar, griff bald zu Tschechow. Als die Eltern sie verstießen, rettete sie sich ans Gorky Sadan, das Institut für russische Sprache und Literatur. „Sie wusste noch nicht, dass sie ihr Herz an einen Mann verlieren würde, der schon über fünfundsechzig Jahre tot war und den Maxim Gorki ebenfalls gerettet hatte.“

Damit endet der erste Teil des Buches, und die Frau mit dem seltsamen Namen Adel bekommt ihren Auftritt. Sie ist die Tochter des russisch-jüdischen Verlegers Lew Kljatschko, der von 1873 bis 1933 lebte und den Raduga-Verlag gegründet hatte. Kornei Tschukowski und Samuil Marschak veröffentlichten bei ihm, auch mit Majakowski und Pasternak machte er Bücher. Die Autorin lässt Adel in der ersten Person erzählen. Die alte Frau hat einen Brief von der Bengalin Tania bekommen, die sie besuchen und mehr über den Vater erfahren möchte. Sie selbst konnte nur einen Teil ihres Lebens den Büchern widmen, musste ihre Kinder durch die Belagerung von Leningrad retten, arbeitete zeitweilig in einer Fabrik. Und nun dieser Brief: Die „Erinnerungen schlagen wie eine Flutwelle“ über ihr zusammen. Daran lassen sich (kultur)politische Ereignisse ablesen. Als Jude wurde Kljatschko in der Sowjetunion unter Stalin bald in Verruf und um seinen Verlag gebracht. Gorki setzte sich für ihn ein.

Shumona Sinha führt die Frauen im Folgenden immer näher zusammen, es geht um das Tagebuch Kljatschkos, das Tania bei Adel vermutet. Tania versucht sich „durch den Spalt der Zeit dorthin zu schlängeln, wo sich der Mann hundert Jahre zuvor befunden hatte“. Solche Sprachbilder sind typisch für Sinhas Erzählen. Viele leuchten sofort ein, wenn etwa die Liebe im Pflegeheim „einem Rettungsring gegen Alzheimer“ ähnelt, andere sind von starker Symbolik, wenn „schreiben ein wenig wie sterben ist“, manche wirken arg aufgeblasen. Warum erscheint der alten Russin der dunkle Wald wie eine „Herde nachtwandelnder Elefanten“?

Die wirkliche Adel Kljatschko ist 2005 im Alter von 94 Jahren gestorben. Wenn Shumona Sinha aus ihrer Perspektive schreibt, „dem Westen war Russland nie geheuer, egal ob unter dem Zar oder dem Sowjet“, bezieht sie gleich noch die Gegenwart mit ein. „Das russische Testament“ ist ein in vielerlei Hinsicht erstaunliches Buch – anregend reich an Anekdoten, bedenkenswert gut gefüllt mit Realität. Und so, wie der Austausch innerhalb des Romans bengalisch-russisch geschieht, gelingt er auch französisch-deutsch für das Buch. Shumona Sinha und ihre Übersetzerin Lena Müller überwinden vermeintliche kulturelle Grenzen mit Literatur, mit dem Geist der Dichtung.

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