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Fünf von sechs: Antje Rávik Strubel (v.l.), Norbert Gstrein, Monika Helfer, Mithu Sanyal, Thomas Kunst.
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Fünf von sechs: Antje Rávik Strubel (v.l.), Norbert Gstrein, Monika Helfer, Mithu Sanyal, Thomas Kunst.

Deutscher Buchpreis

Shortlist-Lesung im Literaturhaus Frankfurt: Formen der Ungleichheit

  • VonAndrea Pollmeier
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Die Shortlist-Lesung im Frankfurter Literaturhaus.

Endlich konnte die Shortlist des Deutschen Buchpreises wieder mit Publikum vor Ort vorgestellt werden. Jeder Platz war im Literaturhaus Frankfurt besetzt, als Christoph Schröder mit der Österreicherin Monika Helfer über ihren Roman „Vati“ sprach.

Die eigentlich verbotene Frage, wie nah sich Autobiografie und Fiktion kommen, war hier gar zu verführerisch. Denn immer wieder spricht die Autorin humorvoll-selbstironisch von ihrer „Bagage“, der sie ebenfalls ein Buch gewidmet hat. Darin sei jedoch, so Helfer, der Vater „vernachlässigt“ worden. „Ich musste warten, bis alle im Grab waren“, erst dann habe sie die traumatische Geschichte des kriegsversehrten Vaters erzählen können. „Er war verschlossen, hatte Bücher lieber als uns.“

Kennzeichnend für Thomas Kunsts „Zandschower Klinken“, so Moderatorin Eva-Maria Magel, sei der Gedanke George Taboris, Leben habe einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber nicht in dieser Reihenfolge. „Ich schreibe Romane ohne jede Idee“, sagte der in Stralsund geborene, heute im Anhaltiner Land lebende Autor, „ich schieße mich weg mit diesen Dingen und erhalte so die Spannung in mir selbst“. Die Musik, die er beim Schreiben höre, rhythmisiere den Text. Seine im dörflichen Milieu angelegte Utopie sei ein Hohes Lied auf die Provinz und solle Vorurteile geraderücken.

Antje Rávik Strubel stellte im Gespräch mit Bianca Schwarz ihren Roman „Blaue Frau“ vor. Ein strenger Blick der Autorin glitt über das Literaturhaus-Publikum. Machtgefälle struktureller Art sind das Leitthema ihrer Erzählung über die junge Tschechin Adina. Sie schreibt über die Geschichte einer brutalen Vergewaltigung, aber auch von politischer, kultureller und erinnerungspolitischer Ungleichheit zwischen Ost- und Westeuropa, zwischen Ost- und Westdeutschland. Adina, in Helsinki gestrandet, ist in ihrem Inneren erstarrt, doch versuche sie, so Strubel, ihr Sprechen wiederzufinden. Es gehe immer um den machtprivilegierten Blick und die Frage, warum man mit Gewalt gegen Frauen so umgehe, als ob diese ein unvermeidlicher und somit quasi normaler Bestandteil der Gesellschaft sei.

Norbert Gstreins zehnter Roman, „Der zweite Jakob“, sei raffiniert komponiert und am Ende anrührend, so Schröder. Im Zentrum ein Schauspieler, dessen Charakter im Verlauf der Erzählung zunehmend an Unheimlichkeit gewinnt. Konkret sabotiert er die Beschreibung seines Lebens durch einen Biografen mit einem eigenen autobiografischen Entwurf. „Er möchte nicht auf seine Herkunft zurück definiert werden“, sagte Gstrein. Durch seinen Gegenentwurf werde der Schauspieler jedoch selbst zu einem unheimlichen Erzähler. Zudem macht er sich im Kontext unaufgeklärter Serienmorde selbst verdächtig. „Künstler stehen nicht über dem Gesetz“, betonte Gstrein. Es handle sich um einen hochmoralischen Roman, der deutlich mache, wie etwas sein könnte, aber zeige, wie gerade das Gegenteil davon stattfinde.

Christian Kracht, nominiert mit „Eurotrash“, hatte nicht anreisen können, den Abschluss machte also Mithu Sanyal mit „Identitti“ im Gespräch mit Eva-Maria Magel. Schon der Titel verweist darauf, wie die Themen von Identität und Sexualität ineinandergreifen. Für die Übertragung des Wortspiels, erzählte die Autorin, sei in der Gebärdensprache eigens eine neue Ausdrucksform entwickelt worden. Sanyal, in Birmingham als Tochter britisch-bengalischer Eltern geboren, dringt in ihrem Debütroman ein in die Gefühlswelt von Frauen, die sich im Dazwischen der Kulturen bewegen. „Mixed-Race-Menschen“ wie sie selbst seien als Ausrutscher betrachtet worden. „Im Dazwischen gibt es jedoch auch eine Form von Utopie.“ Diese visionären Optionen prägen ihre im Blog- und Twittersprech geschriebene Erzählung.

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