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Short cuts in Köln

Guy Helmingers "Morgen war schon" belebt das Genre des Familienromans.

Von MAIKE ALBATH

Eigentlich ist dieser Roman ein Stadtplan. Ein großartiger Stadtplan mit einer Fülle von verschiedenfarbigen Straßen, überraschenden Abkürzungen, geheimen Schleichwegen, Sackgassen und immer wieder verblüffenden Querverbindungen. Das Modell einer Stadt bildet nämlich das untergründige Kompositionsprinzip von Guy Helmingers Roman Morgen war schon, in dem sich die Lebenswege verschiedener Figuren überkreuzen, mehrfach verschachteln und nach und nach zu einem fesselnden Generationenporträt verdichten. Das ist nicht nur geschickt gebaut: Es entfaltet eine ganz eigene Poesie.

Montagetechniken

Helminger, 1963 in Luxemburg geboren, seit über zwanzig Jahren in Köln zu Hause, ehemaliger Kellner in einem Punklokal und 2005 mit dem Erzählband "Etwas fehlt immer" einem größeren Publikum bekannt geworden, bedient sich der bewährten John-Dos-Passos-Montagetechnik aus "Manhattan Transfer" (1925). Natürlich liefert er nicht nur ein simples remake, sondern wandelt es für seine Zwecke um. Die Grundidee einer simultanen Chronik bleibt dennoch erhalten. Sechs Hauptfiguren und etliche Nebenfiguren sind mit von der Partie, alle haben mit allen zu tun, jedes Schicksal ist über mehrere Ecken mit dem Schicksal der anderen verzahnt, was sich aber zum Teil erst nach hundert Seiten heraus stellt und immer wieder für Überraschungsmomente sorgt. Auch auf motivischer Ebene spielt das Gebilde der Stadt eine Rolle: Immerhin ist der notorisch cholerische Feltzer, einer der Haupthelden, Taxifahrer von Beruf und Inhaber eines Fuhrunternehmens.

Der Roman ist gespickt mit Auskünften zu Straßenführungen und Wegbeschreibungen, die zum Teil von Feltzers Angestellter Claudia geliefert werden, gleichzeitig die beste Freundin seiner Frau Louise. Claudias Freund wiederum, ein lange missverstandener Maler, wird mit stadtplanähnlichen Gemälden über Nacht zum Star der Kunstszene. Und Feltzers Vater, ein pensionierter Briefträger, schreitet unablässig die alten Touren im belgischen Viertel ab: Brüsseler Platz, Maastrichter Straße, Brüsseler Straße, Aachener Straße. Die betondurchdrungene Kölner Nachkriegskulisse kommt immer wieder vor, und eigentlich ist das gesamte Personal noch in der Zeit des Zweiten Weltkriegs verhaftet.

Das Gravitationszentrum des verzweigten Romans bilden Feltzer und Louise. Alles beginnt mit einem Wutanfall Feltzers, der beinahe eine Gruppe potenzieller Fahrgäste über den Haufen fährt. Er hat gerade Zwölftausend Euro beim Pferderennen verbrannt und ist von Schuldgefühlen geplagt. Ein Mann ohne Brieftasche steigt bei ihm ein, und Feltzer nimmt ihn mit zu sich nach Hause, damit er dort telefonieren kann. Seine Frau Louise liegt auf dem Sofa, ein von pathologischer Langsamkeit durchdrungenes Geschöpf, und verwickelt den Gast in ein Gespräch: Er entpuppt sich als erprobter Weltenbummler, und Feltzer hatte Louise eine Reise nach Mali versprochen. Aus der nichts werden wird, wegen des verlorenen Geldes, was er sich ihr den ganzen Roman lang nicht zu sagen traut. Als er spät abends nach Hause kommt, sitzt der Fremde immer noch neben seiner Frau auf dem Sofa, in unveränderter Haltung. In der Nacht fällt Feltzer wild über Louise her. Bald darauf ist Louise schwanger, und die Schwangerschaft samt Geburt wird zum roten Faden der zersplitterten Geschichte.

Plötzlich stülpen sich Familienstrukturen um, Eltern und Großeltern kommen ins Spiel, alte Verhärtungen brechen auf, auf einmal beginnen Kinder und Eltern, Enkel und Großeltern, Ehefrauen und Männer miteinander zu sprechen oder sich endgültig zu trennen. Es geht um die geheimen Schmerzzentren in den Familien. Als da wäre der tabuisierte Selbstmord von Louises Großeltern, der bei ihrem Vater Adolf, einem gescheiterten Sanitär-Unternehmer, zu einer Schwatzsucht geführt hat. Seine Frau ist indessen verstummt.

Verzwirbelungen

Adolfs schlitzohriger Kompagnon Oswald Rehl war ein Jugendfreund von Feltzers Vater Reinhold, der sich tief gekränkt von ihm abgewandt hatte und immer noch an dem Zerwürfnis laboriert. Als Oswald eines Tages unvermutet vor ihm steht, klärt sich nach vierzig Jahren die Angelegenheit. Je tiefer man in die Familienverhältnisse eindringt, desto dichter sind die Netze geknüpft: Helminger bildet die Verstrickungen auch auf formaler Ebene nach. Feltzer und Louise sind nur die Ausläufer dieser Verzwirbelungen; ihre Lebenshaltungen gewinnen durch die Vergangenheit an Tiefe. Die Überblendungen der Schicksale haben nicht nur eine dramaturgische Funktion und erzeugen Spannung, sondern sie legen auch die Eigenarten der Figuren bloß. Nicht nur Feltzer, sein Briefträgervater, Louise und ihre Eltern sind einprägsame Charaktere, und auch Claudia, Louises Freundin hat es in sich. Sie pflegt eine faszinierende Marotte; überhaupt scheinen allen Figuren bizarre Formen der Selbstvergewisserung zu betreiben. Für Louise und Feltzer bringt die Schwangerschaft einen Reifeschub mit sich. Aber gerade ihre Geschichte nimmt eine bestürzende Wendung. Plötzlich ist viel von Pränataldiagnostik die Rede; selten hat jemand so anrührend von Intensivmedizin erzählt.

In "Morgen war schon" entsteht eine subtile Genealogie der Verletzungen. Die Verheerungen des Krieges verkapseln sich, werden verschoben und lagern sich im Leben der nachfolgenden Generation ab. Aber all das wird eben nicht linear dargestellt, wie es in den cinemascope-ähnlichen Familien-Sagas gerade Mode ist, sondern kombinatorisch verschlüsselt. Mit seinen Short cuts kommt der auf Deutsch schreibende Luxemburger dem Charakter seelischer Verkrustungen sehr viel näher als zahllose Breitwand-Epen. Bei Guy Helminger kann man lernen, wie die Zukunft des Familienromans auch aussehen könnte.

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