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„Es liegt eine Art Traurigkeit darin, etwas nicht zu wollen, was dem Leben so vieler anderer Bedeutung verleiht“, sagt Sheila Heti.

Literatur

Was ist wichtiger als Muttersein?

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Sheila Heti schreibt in ihrem neuen Buch über selbst gewählte Kinderlosigkeit.

Am Anfang war ich skeptisch, als ich von dem neuen Buch der kanadischen Schriftstellerin Sheila Heti hörte. „Mutterschaft“ heißt es und es geht um Kinderlosigkeit. Zur Zeit gibt es viele Texte darüber, wie toll es ist, keine Kinder zu haben, wie egoistisch, nervig und klimaschädlich Eltern sind. Ich bin den anderen Weg gegangen, habe spät Kinder bekommen. Würde auch Sheila Heti, die seit ihrem Bestseller „Wie wir sein sollten“ als eine der wichtigsten Autorinnen der Gegenwart gilt, Mütter runtermachen?

Ihr Buch wird damit beworben, dass es darin um die Kinderfrage geht. „In ihren späten 30ern, als die Freundinnen sich fragen, wann sie endlich Mutter werden, fragt Sheila Heti sich, ob sie es eigentlich werden will“, steht auf dem Buchdeckel.

Doch wenn man das Buch liest, merkt man sehr schnell, dass das so nicht stimmt. Sheila Heti will nicht herausfinden, ob sie Mutter werden will oder nicht. An einer Stelle schreibt sie, dass sie schon als kleines Mädchen wusste, dass sie später keine Kinder haben wolle. Sheila Heti, Jahrgang 1978, will untersuchen, woher es kommt, dass sie kein Bedürfnis nach Kindern hat. Und warum sie sich dabei so schuldig fühlt. Ist es in Ordnung, keine Kinder zu haben? „Es liegt eine Art Traurigkeit darin, etwas nicht zu wollen, was dem Leben so vieler anderer Bedeutung verleiht“, heißt es an einer Stelle gleich am Anfang. Ihr Buch ist kein Ratgeber, auch kein typischer Roman, eher ein Monolog, der sich mal wie ein Essay, mal wie ein Tagebuch liest. Autofiktion sagen Literaturwissenschaftler dazu. Man folgt dem Gedankenstrom der Protagonistin, die mit Sheila Heti mehr oder weniger identisch ist: 36 Jahre alt, Schriftstellerin, sie lebt mit ihrem Freund Miles in Toronto. Miles, ein aufstrebender Anwalt, hat eine Tochter aus einer früheren Affäre, weitere Kinder will er nur, wenn sie es unbedingt wolle. Er kommt rüber wie der Typ Mann, der sich schon vorher für seine spätere Abwesenheit als Vater entschuldigt.

Ich habe die ersten Seiten schnell gelesen, Sheila Hetis Erzählweise entwickelt einen großen Sog, man ist nah dabei, bei ihrem Ringen, ihrer Selbstbefragung. Das Beste ist vielleicht, dass sie nicht polemisch oder ausgrenzend schreibt, sie gibt keiner Lebensform den Vorzug, sondern lässt Raum für alle Entscheidungen.

Sie sinniert darüber, warum sie sich so unter Druck und in die Enge getrieben fühlt, jedes Mal, wenn eine Freundin ein Baby bekommt. Ich mochte ihre klugen Beobachtungen, wie sie über die neuen Normen von Weiblichkeit schreibt, die nahezu religiöse Verehrung von Mutterschaft, die seit ein paar Jahren zu beobachten ist. Sie findet zur Beschreibung ihrer Gefühle viele treffende Sätze: „Was hatte ich so Dringendes vor? Was tut eine Frau, die keine Mutter ist, das wichtiger wäre als das Muttersein? Darf man so etwas überhaupt sagen, dass es Wichtigeres geben könnte als das Muttersein? Ich weiß, dass eine Frau, die das Muttersein ablehnt, das Allerwichtigste ablehnt und damit zur unwichtigsten Frau wird. Und doch sind auch Mütter nicht wichtig. Niemand von uns ist wichtig.“ Wenn man ein Typ ist, der Sätze in einem Buch anstreicht, kann man bei Sheila Heti viel anstreichen. 

Mutterschaft. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 320 Seiten, 22 Euro.

Doch je mehr ich las, desto mehr hatte ich das Gefühl, das sich einstellt, wenn man mit Freundinnen das immer gleiche Thema bespricht und nicht vom Fleck kommt. Ab der Mitte des Buches wiederholt sich vieles. Bei bestimmten Themen befragt sie chinesische Münzen, die mit ja oder nein antworten, das wirkt sperrig und verkopft. „Wird dieses Buch meiner Seele helfen?“ „Ja“ „Handle ich in meiner Beziehung falsch?“ „Nein“.

Am stärksten ist der Text, wenn es um ihre jüdischen Vorfahren geht. „Ich weiß, dass von jüdischen Frauen erwartet wird, dass sie die durch den Holocaust erlittenen Verluste reproduktiv ausgleichen. Wenn du keine Kinder kriegst, dann haben die Nazis gewonnen“, schreibt sie. Hetis Mutter war die Tochter von ungarischen Holocaust-Überlebenden. Sie arbeitete sich hoch, wurde eine erfolgreiche Ärztin. Doch als Mutter blieb sie kühl, unnahbar, weinte viel. Später nahm sie sich eine eigene Wohnung, in der sie in Ruhe arbeiten konnte, und ihre Kinder und ihr Mann durften sie ab und zu besuchen. Sheila Heti schreibt davon, wie die Trauer von Generation zu Generation, von Tochter zu Tochter weiterwandert. Sie sieht ihre Aufgabe darin, das Problem der Tränen ihrer Mutter zu lösen.

In der Psychoanalyse ist es ein bekanntes, aber wenig erforschtes Phänomen, dass Frauen, deren Mütter oder Großmütter Gewalt oder ähnliche Traumen erlebt haben, oft keine Kinder bekommen wollen. Auch Sheila Heti möchte die Familienreihe beenden: Sie möchte Bücher schaffen, keine Babys, weil Bücher mehr bewirken können. Am Ende des Buches schickt sie ihrer Mutter ihr Manuskript. „Es ist magisch“, schreibt die Mutter zurück. Mehr wünscht sich die Tochter nicht. „Mutterschaft“ ist doch ein Mutter-Kind-Buch geworden.

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