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Sharon Dodua Otoo: „Man könnte meinen, Diversity war ein kurzlebiger Trend“

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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„Was könnte passieren, wenn Belletristik von Schwarzen Schreibenden von ausschließlich Schwarzen Literaturkritiker:innen diskutiert wird?“, fragt Autorin Otoo.
„Was könnte passieren, wenn Belletristik von Schwarzen Schreibenden von ausschließlich Schwarzen Literaturkritiker:innen diskutiert wird?“, fragt Autorin Otoo. © imago images/Addictive Stock

Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo über ihr Festival „Resonanzen“ bei den Ruhrfestpielen.

Schwarze deutschsprachige Belletristik hat eine lange Tradition in Deutschland. Doch hat der etablierte Literaturbetrieb davon bisher wenig Kenntnis genommen. Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo möchte das ändern und hat während der Ruhrfestspiele Recklinghausen das Literaturfestival „Resonanzen“ kuratiert. Ein Gespräch über ein Um-, Neu- und Weiterdenken von Perspektiven.

Frau Otoo, die diesjährigen Festspiele finden unter dem Motto „Haltung und Hoffnung“ statt. Sie haben die Eröffnungsrede gehalten, in der Sie mit Perspektivwechseln überraschten, als es um Ungerechtigkeiten ging und übergeordnet um die Frage, wie Menschen je nach Position behandelt werden? Worum geht es Ihnen bei „Resonanzen“, Ihrem Festival im Festival?

Meine erste Idee war eine Veranstaltung angelehnt an den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zu kuratieren. Mir ging es aber nicht wirklich um einen Wettbewerb, sondern um eine Intervention. Auf meine Idee hin schlug Saša Stanišic mir ein Format vor, bei dem es keinen „ersten Preis“ gibt, sondern einfach gute Literatur gefeiert wird. Das fand ich genial. Ich habe mich gefragt, was könnte passieren, wenn Belletristik von Schwarzen Schreibenden in einer Literaturveranstaltung von ausschließlich Schwarzen Literaturkritiker:innen rezipiert, diskutiert und kritisch beleuchtet wird? Was für Themen und Diskurse entstehen, wofür es in der hiesigen deutschsprachigen Literaturlandschaft aktuell kaum Platz gibt? „Resonanzen“ ist als Bereicherung gedacht, ein Ort zum Austausch und Weiterdenken.

Sie haben in der Ankündigung eine Liste kritischer Fragen formuliert – sei es mit Blick auf die Buchpreisvergabe oder bestehendes Wissen über Autor:innen der afrikanischen Diaspora. Der Ruhrfestspiele-Intendant Olaf Kröck sprach von einem Programm der Festspiele insgesamt, das zeigen soll, wie viel entschiedener in ihren Haltungen die Theaterkunst geworden ist. Das klang, als sei dort etwas in Gang gekommen. Wie sehen Sie das im Literaturbetrieb?

Ich kann nur aus meiner Perspektive sprechen, die eine privilegierte ist, da ich in einem renommierten Verlag veröffentliche. Mein Eindruck ist, dass es angekommen ist, dass der Literaturbetrieb – nicht nur der deutschsprachige – sich ändern muss, weil er diverse Ausschlüsse produziert, zum Beispiel aufgrund von Klassendiskriminierung. Es gibt aber in Deutschland nicht genug Ideen, wie diese zu überwinden sind. Viele Strukturen funktionieren so, dass sie aufrechterhalten werden von Menschen, die miteinander gut vernetzt sind. Da braucht es keine diskriminierende Absicht, um zu einer Diskriminierung beizutragen. Business as usual reicht.

Erst kürzlich unterschieden Sie und Übersetzer:in Yezenia León Mezu in der Veranstaltung „Schwarze Literatur in Deutschland“ in der Kunsthalle Mainz zwischen Autor:innen, die Rassismus in ihren Büchern erklären und jenen, die belletristisch über alles schreiben. Sehen Sie da ein einseitiges Verständnis, was die Schreibenden angeht?

In meiner Wahrnehmung gab es exzellente deutschsprachige Bücher von Schwarzen Personen, diese waren allerdings meist Sachbücher oder Biografien. Noah Sows „Deutschland Schwarz-Weiß“ oder Theodor Wonja Michaels „Deutsch sein und schwarz dazu“ sind Beispiele. Belletristik in großen Publikumsverlagen haben nur wenige Schwarze Personen geschrieben. Mir fallen Jackie Thomae, Olivia Wenzel und Jasmina Kuhnke auf Anhieb ein. Es ist schön, dass es diese Autorinnen gibt. Auf der anderen Seite, wie Elisa Diallo sagt, schauen wir in die aktuellen Vorschauen, könnte der Eindruck entstehen, es ist alles wieder vorbei. „Diversity“ war ein kurzlebiger Trend.

Die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels Tsitsi Dangarembga wird bei „Resonanzen“ die Eröffnungsrede halten. Es gibt Vorträge über Schwarze Ästhetik, Lesungen und Musik. Sie wollen an den drei Tagen auf unbekannte Nachwuchs-Schriftsteller:innen aufmerksam machen, die eigens für diese Veranstaltung um das Impulswort „Erbe“ bisher unveröffentlichte Texte geschrieben haben. Wen haben Sie ausgewählt?

Wunderbare Menschen mit spannenden, schönen und wichtigen Texten, das verspreche ich! Ich kenne die Autor:innen alle persönlich und habe sie angesprochen, weil ich der Meinung war, dass auch sie die Möglichkeit bekommen sollten, Zugang zu Netzwerken und Aufmerksamkeit zu haben. Daher freue ich mich sehr, dass viele Verlagsmitarbeitende und Literaturagent:innen auch „Resonanzen“ besuchen werden. Und dadurch, dass „Resonanzen“ im Rahmen der Ruhrfestspiele stattfindet – einem der renommiertesten Theaterfestivals in Europa – erreichen wir noch mehr Menschen – sowohl das traditionelle Ruhrfestspielpublikum, als auch Kulturbegeisterte aus ganz Deutschland.

Was bedeutet Ihnen Schwarze, afrodeutsche Literatur?

Zur Person

Sharon Dodua Otoo, geboren 1972 in London, ist Autorin und Teil der politisch aktiven Schwarzen Bewegung in Deutschland.Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Mit dem Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ gewann Otoo 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Zuvor hat sie einige Novellen veröffentlicht.

Ihr Debütroman „Adas Raum“ ist 2021 bei S. Fischer erschienen.

„Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival“ findet vom 19.-21. Mai im Festspielzelt der Ruhrfestspiele Recklingshausen statt. Im September erscheint begleitend im Spector Books Verlag, herausgegeben von Sharon Dodua Otoo, Jeannette Oholi und den Ruhrfestspielen, das Buch „Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival. Eine Dokumentation“.

Schwarze Literatur hat mich gerettet. Ich bin ja in London sozialisiert worden, meine Eltern sind aus Ghana. Trotzdem habe ich erst meine Lebenserfahrungen einordnen können, als ich mich literarisch mit meinem Schwarzsein auseinandergesetzt habe. Da waren Autor:innen wie May Ayim, Peggy Piesche, Maisha Auma, Philipp Khabo Koepsell, Chantal-Fleur Sandjon und Olumide Popoola wegweisend für mich. Durch ihre Essays und ihre Gedichte lernte ich, dass Schwarz zu sein eine Stärke ist und Verbundenheit bedeuten kann.

Welche Schwarzen Schriftsteller:innen sollten wir noch kennen?

Ich habe ja hier einige bereits erwähnt, darum nenne ich eine, die ich selbst noch nicht kenne, die aber dieses Jahr im Haymon Verlag ihr Lyrikdebüt „birthmarks“ veröffentlicht. Sie heißt Precious Chiebonam Nnebedum.

Auch Ihr Erzählen gilt vielen als neuer Zugang zu gesellschaftlichen Umbrüchen, individuellen Erinnerungen und kollektiven Traumata. Ihre literarische Position wird in der Tradition von Charles Dickens, Bertolt Brecht, Chinua Achebe und Toni Morrison eingeordnet. Letztere zitieren Sie gerne in Bezug auf ihren Text „Im Dunklen spielen“, in dem sie erklärt, dass Schwarze Figuren in der Literatur oft dazu da sind, das zu zeigen, was weiße nicht sind. Die Figuren in Ihren Texten sind anders, 360-Grad-Personen, wie Sie erklären. Was meinen Sie damit?

Das Gefühl kennen viele Menschen, die Romane lesen, in denen es hauptsächlich um die Lebensrealitäten von gewissen Männern geht. Und dass, wenn überhaupt, abweichende Figuren eher als Deko gezeichnet werden. In „Adas Raum“ habe ich mich bemüht, das ein wenig umzukehren. Es ging mir dann um diverse Frauen, aber auch um Menschen mit Behinderungen und auch um queere Lebensrealitäten. Ich wollte die Menschen als handelnde Figuren zeichnen, die nicht so leicht in „gut“ oder „böse“ einzuordnen sind, die Schreckliches erleben, aber auch Widerstand leisten. Die namentlich vorkommen, und nicht einfach auf ein Merkmal reduziert werden.

Bernardine Evaristo ist die erste Schwarze Autorin, die den Booker-Preis erhielt. Sie meinte, die Auszeichnung habe ihre Karriere „revolutioniert“. Wie erging es Ihnen, als sie 2016 den Bachmann-Preis erhielten? Wie blicken Sie auf Ihr Werden, Ihre repräsentative Rolle heute?

Der Preis hat alles verändert und ich bin sehr dankbar dafür. Er hat mir ermöglicht, Eingang zum deutschsprachigen Literaturbetrieb zu finden, obwohl ich bis dahin noch keinen Roman geschrieben hatte, nicht einmal eine Agentur hatte. Ich kenne keinen anderen Literaturwettbewerb mit diesem Format und dieser Reichweite. Seit 2017 arbeite ich ausschließlich als freiberufliche Schriftstellerin und erhalte weitaus mehr Anfragen, als ich annehmen kann. Ich bin dankbar dafür, gleichzeitig wünsche ich mir diese Anfragen und Aufmerksamkeit für viel mehr Schwarze Personen. Wie gesagt, ich habe eine einzelne Perspektive – es gäbe so viel mehr.

Es geht wie oft um das Thema Zugänge. Dazu haben Sie sich gerade kritisch geäußert. Gleichzeitig ist bei vielen Menschen der Eindruck entstanden, dass jetzt mehr Perspektiven als früher gehört werden. Nicht selten heißt es, dass es langsam zu viel werden könnte. Auch in Ihrer Eröffnungsrede gab es als kleinen Scherz eine Aktivierungsübung, weil Sie nach einem erzählerischen und unterhaltenden Einstieg über Rassismus und Diskriminierung sprachen. Braucht es Tricks, um sich offen, ehrlich, und anerkennend über diese Themen auszutauschen?

Es braucht Wissen, Expertise und Mut. Und viele haben sich auf den Weg gemacht, informieren sich im Internet, lesen Bücher zum Thema Diskriminierungskritik, nehmen an Anti-Rassismus-Trainings teil. Doch der Weg ist lang und anstrengend. Und viele haben so viele verschiedene Herausforderungen im Leben, dranzubleiben kann schwer sein. Daher ja, Tricks und Interventionen sind auch wichtig. Ich arbeite gerne mit Humor und Irritation. Ich mag es, wenn Gewohntes plötzlich hinterfragt wird.

Bei der Kunstbiennale in Venedig ging der Goldene Löwe für den besten nationalen Beitrag an die Künstlerin und Professorin für Black Art und Design Sonia Boyce im britischen Pavillon. Sie sah im Preis auch ein Zeichen für die internationale Schwarze Kunstszene. „Wir sind hier. Wir gehen nicht mehr weg“, sagte sie der dpa. Und dass noch mehr fabelhafte Dinge passieren werden. Was erhoffen Sie sich, das fabelhaft wäre?

Ehrlich gesagt, als ich die Idee für „Resonanzen“ erstmalig auf Twitter formulierte, war das fabelhaft – ein Literaturfestival für Schwarze deutschsprachige Nachwuchsautor:innen! Dann wünsche ich mir, dass alle Autor:innen, die an „Resonanzen“ teilnehmen, mit einem Buchvertrag nach Hause fahren.

Interview: Hadija Haruna-Oelker

Sharon Dodua Otoo.
Sharon Dodua Otoo. © imago images / Horst Galuschka

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