Shakespeare in vitro

John von Düffels Vater-Roman "Beste Jahre"

Von THOMAS LAUX

Das Thema des neuen Romans John von Düffels böte Stoff für die moralinsaueren Talkrunden bei Beckmann, Kerner etc.; allerlei wohlfeile Aufregung gäbe es gleich gratis dazu. Von Düffel jongliert in "Beste Jahre" mit ein paar gesellschaftlichen Tabus und psychologischen Konflikten und integriert sie geschickt in eine komplexe (Beziehungs-)Geschichte. Das Ganze liest sich, damit kein Missverständnis aufkommt, jederzeit wunderbar leicht.

Es ist in erster Linie ein Roman über die spezifischen Nöte einer "verspäteten" Vaterschaft, in der "sämtliche Fragen des Ich-, Du- oder Er-Seins" sich neu stellen, aber man könnte allein aus den mitgelieferten Unterthemen einen weiteren Diskussionsabend gestalten, etwa mit der Frage: Ist ein "Befruchtungs-Seitensprung" - bei dem der Freund eines Freundes (dessen Frau selber gerade schwanger ist) um dessen Samen für wiederum seine eigene Frau bittet - moralisch überhaupt irgendwie vertretbar?

Lebensabschnittsbrisanz

In konkret diese Situation gerät unser namenloser Erzähler zu einem späteren Zeitpunkt des Romans, er schliddert in dieses Dilemma geradezu hinein. Zu Anfang wird er von seiner Frau mit der Nachricht überrascht, dass er Vater wird. Na schön, sagt sich dieser Mann, seines Zeichens Bühnenschauspieler, dem "das Dramatische im Leben völlig abhanden gekommen" war - und sieht sich jäh mit einer ganz neuen Lebenskonstellation konfrontiert. Beide angehenden Elternteile sind jenseits der vierzig, die ganze Angelegenheit bekommt rasch eine gewisse Aufgeregtheit oder sagen wir: Lebensabschnittsbrisanz.

Zwar war ein Kind von beiden zunächst von vorneherein weder gewünscht noch abgelehnt gewesen; in der, wie er es nennt, "Truman-Show seines Alltags" hatte dieses virtuelle Kind stets den (ziemlich albernen) Namen "Obsklappt". Aber nachdem nie etwas passiert war, wurde der Kindeswunsch allmählich doch forciert und auch stärker konkretisiert über den Versuch einer In-vitro-Befruchtung, wenngleich auch hier schon in dem klaren Bewusstsein, dass die Erfolgschancen nur begrenzt erhöht gewesen wären.

Von Düffel, konzentriert auf den männlichen Part, beschreibt den grotesken Prozess der "Samenablieferung" bei einem Urologen. In dessen Praxis begegnet der Erzähler seinem alten Schulfreund Hans-Christian, "HC", der aus denselben Motiven dort aufgetaucht ist. Man verabredet sich, und im weiteren Verlauf des Romans wird sich deutlicher die besondere Ambivalenz dieses Freundschaftsverhältnisses herausschälen. Ein Höhepunkt ist da die Bitte HCs an unseren Helden, als "Samenspender" für seine Frau aktiv zu werden, da das Paar keine andere Möglichkeit sieht, Eltern zu werden.

Das alles passiert allerdings just zu dem Zeitpunkt, da Lisa bereits hochschwanger ist. Auf eine fast shakespearhafte Weise dramatisieren sich nun die Dinge. Dabei scheint der Roman lange Zeit ausschließlich auf das sich abzeichnende Vater-Sein fokussiert zu sein. Sich "(…) nicht mehr auf der oberen Hälfte der Karriereleiter, sondern ganz unten auf der Familienleiter" wiederzufinden, bedeutet für einen Mann, der sich deutlich älter fühlt als er ist, einen außerordentlichen Paradigmenwechsel.

Wie durch eine rosa Brille erkennt er plötzlich einen Sinn des Lebens in den Momenten von Zweck und Formvollendung, schwadroniert etwa darüber, wie "gynäkologisch sinnvoll" der Bau und die Form des weiblichen Beckens sei und lässt das alles in dem Satz münden: "Wie elegant und natürlich, formschön und tauglich das alles war." Das intonierte Hohelied auf die Mutterschaft verhält sich umgekehrt proportional zur Wichtigkeit des männlichen Beitrags, und unser Vater-in-spe sublimiert hier geradezu klassisch: Was sind schon die paar Tröpfen abgelieferter Samenflüssigkeit im Vergleich zu dem, was eine werdende Mutter wortwörtlich zu tragen hat? Der als "kleiner Tod" bezeichnete Koitus wird hier zugleich - augenzwinkernd cioranhaft - gewendet in die Betrachtung einer "post-koitalen Überflüssigkeit" des Mannes überhaupt.

So folgt man den zahlreichen Implikationen der sich abzeichnenden Vaterschaft, in der ein komplettes Weltbild durcheinander gerät, und kann sich dabei bestens amüsieren. Etwas störend wirkt nur der mehrfach unternommene Wechsel von der Ich- in die Er-Perspektive (und zurück), als würde von Düffel einem auktorialen Erzähler plötzlich mehr Objektivität zutrauen als den subjektiven statements seiner Ich-Figur. Dafür entschädigt eine ganze Reihe subtiler Beobachtungen.

Fertilisations-Seitensprung

Als Lisa etwa wegen eines "harten Bauches" und des Verdachts eines Herzstillstands des Fötus ins Krankenhaus eingeliefert wird, wittert der Erzähler eine "vorauseilende Resignation" im Zimmer. Auch die zerknirschten Überlegungen zum anberaumten "Fertilisations-Seitensprung" zeigen eine gewisse Bandbreite männlicher Befindlichkeitsoptionen, die man so noch nicht gelesen hat.

Von Düffels Gespür für den veränderten Status des Vaterwerdens wird hin und wieder durch eine Spur Selbstironie konterkariert, was der Sache gut tut. Immer wieder tastet sich der Autor in den Bereich der hochintimen Privatsphäre vor, behält bei seinen anberaumten Gratwanderungen aber souverän die Übersicht. Er lässt die Sache für seinen moralisch rotierenden Erzähler übrigens ziemlich gut ausgehen. Am Ende wünscht man ihm einfach nur noch eine schöne Zeit.

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